Keine Hilfe für Essener Rentner "Das muss uns wachrütteln"

Der Tod des Rentners, der bewusstlos im Vorraum einer Bank liegen gelassen wurde, wühlt Geistliche und Politiker auf. Die Polizei sucht weiter nach den vier Menschen, die keine Hilfe geholt haben.

Aufnahme der Überwachungskamera aus der Bank in Essen
Polizei Essen

Aufnahme der Überwachungskamera aus der Bank in Essen


Der Fall eines zusammengebrochenen alten Mannes, der im Vorraum einer Essener Bankfiliale von vier Kunden ignoriert wird und später stirbt, hat große Bestürzung hervorgerufen. "Mir geht dieser tragische Fall von unterlassener Hilfeleistung sehr nahe", sagte der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. "Ich glaube ganz fest, dass ohne echte Barmherzigkeit keine Gesellschaft letztlich existieren kann", betonte der katholische Bischof. Wenn eher eingegriffen worden wäre, hätte der Tod des Mannes möglicherweise verhindert werden können.

Der Vorfall ereignete sich bereits am Nachmittag des 3. Oktober. Der Senior wollte an einem der Terminals in einer Essener Bank Geld überweisen. Dabei geriet er laut Polizei in eine "medizinische Notfallsituation". Er fiel zu Boden und blieb im Vorraum der Bank liegen. Vier Kunden seien insgesamt auf dem Weg zum Geldautomaten über den Mann hinweggestiegen, hätten einen großen Bogen um ihn herum gemacht oder seien nah an ihm vorbeigegangen. Sie hätten nacheinander den Raum betreten, zwei Kunden hätten den Vorraum fast gleichzeitig wieder verlassen. Der vierte Zeuge verließ etwa 19 Minuten nach dem Zusammenbruch die Filiale. Erst der fünfte holte laut Polizei Hilfe. Der Mann starb vergangene Woche, die genaue Todesursache nannte die Polizei nicht.

Nach Einschätzung der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist das Vorbeigehen an Hilfebedürftigen leider längst kein Einzelfall. "Nächstenliebe scheint uns fremd geworden zu sein - genau 500 Jahre, nachdem Luther das Wort in die deutsche Sprache gebracht hat", erklärte der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, am Sonntag. Um die "Hilflosigkeit im Nächsten" zu erkennen, brauche es keine Profis. "Das darf nicht die Alleinzuständigkeit von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst oder Hospizbewegung sein", unterstrich er.

Sowohl Männer als auch Frauen gesucht

Es komme immer wieder vor, dass Menschen vorbeifahren, wenn sie einen Unfall sehen oder nicht reagieren, wenn bei einem Nachbar anders als gewohnt die Rollos längere Zeit unten bleiben. "So etwas ist leider an der Tagesordnung, das macht die Betroffenheit aus", sagte Brysch. Die Bilder einer Überwachungskamera aus der Essener Bankfiliale führten das Leid und die Ignoranz drastisch vor Augen. "Das muss uns aufrütteln, nicht wegzugucken", betonte er.

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) äußerte sich "nachdenklich und betroffen zugleich" zu dem Fall in seiner Stadt. "Statt einen Rettungswagen oder die Polizei zu alarmieren, wird notwendige Hilfe unterlassen", kritisierte er.

Einen neuen Ermittlungsstand gab es am Sonntag nach Auskunft eines Beamten zwar nicht. Die Essener Polizei ist aber sehr zuversichtlich, dass sie jene vier Bankkunden relativ schnell ausfindig machen wird. Es handele sich dabei sowohl um Männer als auch um Frauen. "Gegen sie läuft ein Strafverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung", sagte ein Polizeisprecher bereits am Samstag. "Wir sind sicher, dass wir die Personen zeitnah finden." Den Kunden drohe bis zu ein Jahr Haft oder eine Geldstrafe, sagte ein Polizeisprecher.

hpi/dpa



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