Protokollchef Enrico Brissa "Sie waren sieben Minuten zu früh"

Wohin mit dem Handy beim Essen? Ist Überpünktlichkeit angebracht? Enrico Brissa hat ein Benimm-Handbuch verfasst - über verunsicherte Deutsche und quälenden Smalltalk.

Rechts im Hintergrund - zwischen Altbundespräsident Joachim Gauck und Queen Elizabeth II - steht Enrico Brissa.
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Rechts im Hintergrund - zwischen Altbundespräsident Joachim Gauck und Queen Elizabeth II - steht Enrico Brissa.

Ein Interview von Viktoria Degner


Enrico Brissa ist der perfekte Gastgeber. Auch in seinen privaten Arbeitsräumen nimmt der Protokollchef des Deutschen Bundestages Mäntel ab, hält Türen auf, schiebt Stühle zurück. Aus seiner Rolle scheint der 46-Jährige nie so ganz herauszukommen.

An den Wänden hängen Fotos aus seiner Zeit als Protokollchef im Bundespräsidialamt. Brissa mit Barack Obama, Brissa mit Queen Elizabeth II. - gleich neben Postern von Mick Jagger und der Berlinale 2016.

Um Details seiner Arbeit soll es in diesem Interview jedoch nicht gehen. Er führe das Gespräch als Autor, nicht als Protokollchef, betont der Mann mit den kurzen stahlgrauen Haaren. Andernfalls bräuchte er eine Genehmigung vom Bundestag. Am 5. März erscheint sein Buch "Auf dem Parkett". Darin definiert Brissa wie in einem Lexikon 150 Begriffe rund um gutes Benehmen, Protokoll und Zeremoniell. Von "A" wie "Abendland" über "H" wie "Handy" bis "Z" wie Zurückhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brissa, jetzt habe ich gar nicht nachgefragt: Hätte ich mir bei Ihnen gerade die Schuhe ausziehen sollen?

Enrico Brissa: In Deutschland ist es eigentlich nicht üblich, sich die Schuhe auszuziehen, wenn man eingeladen ist. In anderen Kulturkreisen gibt es hierfür natürlich andere Regeln. Sollte der Gastgeber Sie also nicht dazu auffordern, die Schuhe auszuziehen, behalten Sie sie lieber an.

Zur Person
  • Urban Zintel
    Enrico Brissa, Jahrgang 1971, ist der Sohn eines Italieners und einer Deutschen. Der promovierte Jurist arbeitete unter anderem in der Verwaltung des Deutschen Bundestages, bevor er 2011 ins Bundespräsidialamt wechselte. Dort war er als Protokollchef der Bundespräsidenten Christian Wulff und Joachim Gauck tätig. Seit 2016 leitet er das Protokoll im Deutschen Bundestag und lehrt zudem an der juristischen Fakultät der Universität Jena.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch über gutes Benehmen und Protokoll geschrieben. Sind Sie der Knigge des 21. Jahrhunderts?

Brissa: Knigge schon mal gar nicht. Knigge war ein Autor der Aufklärung. Der hat mit Benimmregeln nicht viel zu tun. Trotzdem hat sich sein Name als Synonym für gute Manieren eingebürgert. Benimmregeln haben in Deutschland ohnehin einen schlechten Ruf.

SPIEGEL ONLINE: Wollen die Deutschen sich etwa nicht benehmen?

Brissa: Wer sind denn "die Deutschen"? So pauschal kann man das nicht angehen. Mir fällt nur auf, dass die Unsicherheit im Umgang mit anderen bei uns besonders groß ist.

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SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Brissa: Unsere Geschichte unterscheidet sich wesentlich von der Geschichte anderer westeuropäischer Länder. Das liegt an den vielen historischen Brüchen: der Erste Weltkrieg, die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus, die Teilung Deutschlands. Großbritannien hat zwar auch sein Empire verloren. Trotzdem gibt es dort ungebrochene Traditionslinien. Bei uns mussten sich die Menschen stets neu anpassen. Auch deshalb sind heute in Fragen des Umgangs viele eher verunsichert.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Mauerfall ist aber auch schon eine Generation großgeworden.

Brissa: Trotzdem prägt uns die Geschichte bis heute. Hinzu kommen die Folgen der Globalisierung und Digitalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Brissa: Mit der Globalisierung geht ein großer Konformitäts- und Anpassungsdruck einher, Eigenheiten und Sicherheiten gehen verloren. Das Leben wird weniger berechenbar, unsere Arbeitswelten verändern sich stetig. Das sind große Anforderungen für jeden Einzelnen. Außerdem scheint mir unser Leben weniger in soziale Strukturen eingebunden zu sein als früher. Wir bekommen dadurch immer weniger soziales Feedback.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hat das mit der Digitalisierung zu tun?

Brissa: Was die Digitalisierung angeht, glaube ich, dass wir immer schlechter mit der alltäglichen Datenflut zurechtkommen. Die Rationalisierung der Kommunikation überfordert uns, wir sind oft nicht mehr in der Lage, unsere Kommunikation gezielt als Subjekt zu gestalten. Wir empfinden uns zunehmend als Objekte von Tools und Apps und wissen nicht, wie wir mit diesen ungeheuer starken digitalen Instrumenten umgehen sollen. Ich glaube deshalb, dass es wichtig ist, auch in diesem Bereich Regeln zu beachten.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie stellen diese Regeln auf?

Brissa: Nein, es ist nicht mein Anspruch, detaillierte Regeln mit einem pseudoverbindlichen Anspruch aufzustellen. So war das früher vielleicht einmal. Wir würden uns sofort in einem Dschungel aus Normen verirren. Vielen Menschen ist aber nicht bewusst, dass es für bestimmte Bereiche des Zusammenlebens überhaupt einmal Regeln gab. Ich möchte meine Leserinnen und Leser für die Möglichkeiten ihrer eigenen Kommunikation sensibilisieren, zugunsten eines authentischen, von Selbstverständlichkeit geprägten Auftretens.

SPIEGEL ONLINE: Heutzutage kommen viele kaum noch eine Stunde ohne ihr Smartphone aus. Wohin also mit dem Smartphone, wenn man zum Essen verabredet ist?

Brissa: Packen Sie das Handy einfach in die Tasche. Sollten Sie mit Freunden bei Tisch sitzen, wäre es blöd, wenn jeder die ganze Zeit aufs Handy guckt. Dann müsste man sich ja gar nicht mehr treffen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss hat Ihre Arbeit als Protokollchef auf Ihr Buch genommen?

Brissa: Die ersten Ideen sind schon vor meiner Zeit im Bundespräsidialamt und im Bundestag entstanden. Ich habe die Welt des Protokolls durch meine Arbeit aber letztlich besonders gut kennengelernt. Nach einigen Veranstaltungen hatte ich das Bedürfnis, etwas aufzuschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wann denn zum Beispiel?

Brissa: Etwa nach privaten Partys. Einige genießen dort den Smalltalk, ziehen Kraft aus dieser unverbindlichen Konversation mit Unbekannten. Sie sind wie Fische, die durchs Wasser gleiten. Anderen hingegen ist es unangenehm, so eine Form der Konversation zu pflegen, für die wir im Deutschen nicht einmal ein Wort haben. Wer sagt denn "kleines Gespräch"?

SPIEGEL ONLINE: Was war der größte Fauxpas, der Ihnen in Ihrer Karriere untergekommen ist?

Brissa: Ach, das vergesse ich immer sofort.

SPIEGEL ONLINE: Das glaube ich nicht. Was war denn richtig peinlich?

Brissa: Über Dinge, die ich im Beruf erlebt habe, spreche ich grundsätzlich nicht. Im Buch beschreibe ich eine Szene, die ich selbst zwar nicht miterlebt habe, die aber überall einsehbar ist: Obama, der eigentlich ein großartiger Rhetoriker ist und trotzdem beim Toast am königlichen Tisch beim Staatsbankett in London scheiterte. Er wusste wohl nicht, dass nach den Worten "The Queen" der Toast beendet ist und die Hymne einsetzt. Obama hat einfach mit dem Glas in der Hand weitergeredet, wollte wohl zu den Klängen von "God save The Queen" mit Ihrer Majestät anstoßen. Die Gesichter am Tisch waren wie versteinert. So etwas ist einfach total unangenehm und das muss man durch gute Vorbereitung verhindern.

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Enrico Brissa:
Auf dem Parket

Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens

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SPIEGEL ONLINE: Warum hält man überhaupt an dem Zeremoniell fest?

Brissa: Um greifbar zu werden, brauchen Staaten das Zeremoniell. Dafür haben sie Staatssymbole, das Bundeswappen und die Nationalhymne zum Beispiel. Und es ist ja nicht so, als würde sich das Zeremoniell nicht verändern.

SPIEGEL ONLINE: Relevant wirken diese Änderungen aber oft nicht.

Brissa: Protokoll wirkt manchmal antiquiert, dabei ist es aktueller denn je. Jedes große Wirtschaftsunternehmen hat eine Protokoll-Abteilung. Wenn ein neues Smartphone vorgestellt wird, ist das eine riesige Inszenierung, die fast der Proklamation eines Präsidenten gleicht. Protokoll lebt von der Inszenierung von Emotionen und wirkt nur, wenn Emotionen hervorgerufen werden. Protokoll ist ein vielseitig einsetzbares Instrument.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie sich das letzte Mal eigentlich so richtig daneben benommen?

Brissa: Das würde ich unter der Rubrik Nähkästchen verbuchen. Nur so viel: Ich sehe auch die Unzulänglichkeiten meines eigenen Verhaltens und habe nicht das Gefühl, meine Umgangsformen seien perfekt.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Brissa: Konkret kriegen Sie keine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber diskret. Ist Ihnen denn bei mir im Verlauf unseres Treffens etwas aufgefallen?

Brissa: Sie waren sieben Minuten zu früh.

SPIEGEL ONLINE: Das stimmt. Ist es denn schlimmer, zu früh zu kommen oder zu spät?

Brissa: Es kommt darauf an. Wenn Sie auf einer Abendveranstaltung eingeladen sind, würde ich dringend davon abraten, eine Minute zu früh zu kommen. Gehen Sie lieber noch einmal um den Block. Der Gastgeber wird es Ihnen danken.


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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
sven2016 28.02.2018
1.
Im Prinzip sind Regeln im gesellschaftlich-sozialen Bereich heute oft einfach nur Hilfen im korrekten und unkontroversen Umgang von Menschen miteinander. Jeder, der sich unsicher fühlt, kann sich regelkonform verhalten und mögliche peinliche Situationen vermeiden. Das gilt auch für - teilweise antiquiert wirkende - Bekleidungsregeln. Hätte jemand Präsident Obama die Regeln an diesem Tag erläutert (vorher), wäre alles in Ordnung gewesen.
Kritikfreak 28.02.2018
2. "Überpünktlich"
Netter Beitrag. Besonders gefällt mir der Schluss mit der Pünktlichkeit. Max Goldt weist in einem Text darauf hin, dass der Begriff "überpünktlich" keinen Sinn ergibt: Zehn Minuten zu früh sei genauso unpünktlich (lies: "Nicht auf den Punkt") wie zehn Minuten zu spät. Goldt empfiehlt, zu privaten Einladungen lieber fünf bis zehn Minuten später zu erscheinen. Ich sehe das genauso. "Zehn Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit" - das ist Humbug.
erlenstein 28.02.2018
3. überflüssig wie ein Kropf
...musste nun Obama als Beispiel genommen werden, als amerikanicher Underdog und dann noch als ein Schwarzer., der in die royalen Benimm-Fettnäpfchen tritt? Würde mich gar nicht wundern, wenn man ihn ganz bewusst in diese Falle hatte laufen lassen, einfach durch Nichtinformation. Dieses Buch ist wieder einmal überflüssig wie ein Kropf.
miriam_rosenstern 28.02.2018
4. Nekropolis
Formalien haben derzeit Konjunktur, weil sie uns so zuverlässig von den Inhalten ablenken und zugleich Distinktionsgewinn ermöglichen. Nur vergisst man allzu leicht, dass erst die nonchalante Handhabung der Regeln zu so etwas wie Leben führt. So entsteht eine Plebs der Regularien, die sich sonst was wähnt. In Wahrheit aber die Nekropolen dieser Welt bevölkert. Als erstarrte Imitationen von etwas, wozu es halt nicht langt. Willkommen im Mausoleum der zerbrochenen Träume.
krause.bettina 28.02.2018
5.
Zitat: 'Was war der größte Fauxpas, der Ihnen in Ihrer Karriere untergekommen ist? Brissa: Ach, das vergesse ich immer sofort. SPIEGEL ONLINE: Das glaube ich nicht. Was war denn richtig peinlich?' Sinn und Zweck der Vermittlung von Manieren ist es, dem Mitmenschen einen Gesichtsverlust zu ersparen. Frau Degner legt es jedoch geradezu darauf an, Herrn Brissa 'Peinlichkeiten' zu entlocken, über die er ganz offensichtlich nicht sprechen möchte. Das ist in meinen Augen sehr taktlos.
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