EU-Ranking Deutschland bei Gleichberechtigung nur Mittelmaß

Wo verdienen Frauen besonders wenig Geld? In welchen Ländern sind sie an der Macht gleichberechtigt beteiligt? Und wo helfen Männer im Haushalt mit? Die EU hat es untersucht. Die Ergebnisse in Grafiken.

Angestellte in der Produktion von Solarzellen
imago/ photothek

Angestellte in der Produktion von Solarzellen

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die schlechte Nachricht vorweg: In jedem der 28 EU-Mitgliedstaaten gibt es in Sachen Gleichberechtigung eine Menge zu tun. Wenig überraschend auch in Deutschland. Die dritte Ausgabe des europäischen Gleichstellungsberichts analysiert die Entwicklung in den EU-Ländern von 2005 bis 2015.

"Trotz aller Versuche, mehr geschlechtergerechte Gesellschaften zu schaffen, geht es schmerzlich langsam voran", sagt Projektleiterin Jolanta Reingarde vom Gleichstellungsinstitut der Europäischen Union (EIGE). "In einigen Bereichen mussten wir sogar Rückschläge verzeichnen."

Gender Equality Index: Entwicklung 2005 - 2015


Sechs Teilbereiche hat das EIGE untersucht: Macht, Wissen, Arbeit, Gesundheit, Zeit und Geld.

Auf einer Skala von 0 bis 100 stieg der Gender Equality Index in der EU insgesamt von 62 auf 66,2 Punkte - eine geringe Verbesserung seit dem Jahr 2005. Griechenland belegt in den Bereichen Arbeit, Zeit und Macht den jeweils vorletzten Rang, was zeigt, wie verheerend sich eine instabile wirtschaftliche Lage, Arbeitslosigkeit und wachsende Armut auf die Geschlechtergleichheit auswirken.

Deutschlands Gender-Entwicklung kam zwischen 2012 und 2015 mit nur 0,6 Punkten Zuwachs fast zum Erliegen. Insgesamt bewegt sich die Bundesrepublik im EU-Vergleich mit Rang 12 im oberen Mittelfeld. "In Deutschland könnten die Bereiche Flüchtlingsintegration, Bildung und Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Bürger von einer Gender-Perspektive profitieren", sagt Jolanta Reingarde.

Gender Equality Index in sechs Bereichen


Beispiel Macht: Ermittelt wurde, wie viele Frauen europaweit in Ministerien, Parlamenten, in der Forschung, den Medien, Zentralbanken, dem Sport und großen Unternehmen vertreten waren. Trotz spürbarer Verbesserungen ist dieser Bereich mit 48,5 von 100 Punkten im EU-Schnitt der am schwächsten entwickelte.

Schweden, Frankreich und Finnland liegen an der Spitze, Deutschland schaffte es mit einem Zuwachs von fast 20 Punkten immerhin auf Rang 9. Ungarn, Griechenland und Tschechien verzeichnen die europaweit geringste Zahl von Frauen in Top-Positionen. Dabei ist ihre Mitwirkung in der Politik "ein wesentliches Merkmal stabiler und transparenter Demokratien", wie es im Bericht heißt.

Mit der Zusammensetzung des neuen Bundestages werden Deutschlands Gender-Punkte abnehmen: Unser Parlament wird so männlich sein wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Der Frauenanteil sinkt von 36,5 auf 30,7 Prozent, unter anderem wegen des Einzugs der überwiegend männlichen AfD-Fraktion.

Der Bericht zeigt: In Europa ist der Frauenanteil in den Parlamenten dort am größten, wo Parteien intern eine Quote eingeführt haben oder es eine Frauenquote gibt - etwa in Frankreich, Belgien, Portugal, Slowenien, Spanien, Griechenland, Kroatien, Polen und Irland.

Fortschritt vor allem durch Gesetze

Eine Durchsetzung weiblicher Partizipation ist also wesentlich an gesetzliche Vorgaben gekoppelt. So sei auch die gestiegene Zahl der weiblichen Aufsichtsräte in Frankreich, Italien oder Deutschland "zu großen Teilen Gesetzesinitiativen auf nationalem und europäischem Gebiet zu verdanken", heißt es.

Mehr als zwei Jahre ist es her, dass hierzulande eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte von rund hundert börsennotierten Großunternehmen eingeführt wurde. Jüngsten Erhebungen zufolge stieg der Frauenanteil seitdem von 25 auf 27,3 Prozent - allerdings nicht in den Vorständen, wo es gerade mal sechs Prozent Frauen sind. Auch der Finanzsektor in der EU ist weiter männerdominiert. Zentralbanken, Finanzministerien und die großen Unternehmen werden mehrheitlich von Männern geführt. Nur einer von 25 Top-Posten in der EU wird von einer Frau bekleidet.

Beispiel Geld: Auch hier sind Unterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich:

Anhand der Zahlen können Zyniker Frauen in Europa nur folgenden Rat geben: Seien Sie weder Zugereiste noch gesundheitlich angeschlagen, besorgen Sie sich eine gute Ausbildung, bekommen Sie kein Kind - und wenn es doch unbedingt sein muss, bleiben Sie möglichst mit dem Erzeuger zusammen. "Für Frauen hat jeder Familienstand, außer Single zu sein, ein geringeres Einkommen zur Folge", resümiert der Bericht.

Frauen und Männer, die nicht in einem EU-Land geboren wurden, haben demnach ein mehr als doppelt so hohes Armutsrisiko. Alleinerziehende Frauen kommen monetär oft schlechter weg und sind stärker belastet. Fehlende Bildung führt zu Altersarmut.

Beispiel Wissen: Hier liegt Deutschland auf einem der letzten Ränge, noch hinter Bulgarien und Estland. Die größte Gender Gap gibt es hierzulande bei der Wahl des Studienfachs: Mehr als 40 Prozent der Frauen studieren Fächer aus dem Bereich Erziehung, Gesundheit, Soziales, Geisteswissenschaften oder Kunst. Bei den Männern sind es nur 17,1 Prozent.

Beispiel Zeit: Eine versteckte Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zeigt sich in der Work-Life-Balance. Frauen verrichten in Europa noch immer ungleich mehr Hausarbeit als Männer - unabhängig vom Familienstand und obwohl sie durchschnittlich mehr arbeiten als früher. Nur jeder dritte Mann in der EU ist im Haushalt aktiv. Das größere häusliche Engagement von Frauen in Erziehung und Pflege ist offenbar nur möglich, weil sie häufiger auf Freizeitaktivitäten und Hobbys verzichten.

Ein zentrales Problem bleibt die Kinderbetreuung. Nur wenige EU-Länder haben die 2010 im "Pakt für die Gleichberechtigung der Geschlechter" formulierten "Barcelona-Ziele" verwirklicht - etwa die garantierte Krippenbetreuung von mindestens 33 Prozent aller Kinder bis drei Jahre. Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2016 in Deutschland 32,7 Prozent aller Kinder unter drei Jahren in Kindertagesbetreuung.

In Sachen Zeit-Management können wir von unseren Nachbarn lernen. Die Niederländer haben am ehesten die Möglichkeit, sich während der Arbeitszeit ein oder zwei Stunden um persönliche oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern - allerdings auch hier Männer eher als Frauen. Ähnlich entspannt sind die Arbeitgeber in Dänemark, nur getoppt von Schweden, das in dieser Hinsicht vorbildlich ist.

Von solchen Verhältnissen ist Deutschland noch weit entfernt - Rang 23 von 28.


Zusammengefasst: Die dritte Ausgabe des Gender Equality Index der Europäischen Union zeigt, dass es von 2005 bis 2015 in den EU-Mitgliedstaaten Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter gab - allerdings eher kleine und auch nicht in jedem Land. Deutschland belegt im EU-Vergleich Rang 12. Der Bericht dokumentiert, dass es bis zur Gleichberechtigung auch hierzulande noch ein weiter Weg ist.



insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 11.10.2017
1.
Irgendwelche Metriken finden sich immer. Wo wird mal gelistet, was Männer leisten ? Oder meint man, wir säßen alle nur auf unseren Händen ?
helena.pierser 11.10.2017
2.
Diese Diskriminierungslüge ist unerträglich. Dass Männer mehr Geld verdienen als Frauen ist zunächst eine Beobachtung. Wo ist der Beweis, dass dies auf eine Diskriminierung zurückzuführen ist? Tatsache ist, dass Männer mehr Arbeitsstunden leisten als Frauen. Tatsache ist auch, dass Männer in den Berufen in denen viel verdient wird die Mehrheit stellen. Was können die Männer dafür, wenn Frauen sich schlecht bezahlte Berufe aussuchen? Tarifverträge unterscheiden nicht zwischen den Geschlechtern. Wenn außertariflich bezahlte Frauen ihr Gehalt schlecht verhandeln, ist das nicht das Problem der Männer. Ich fühlte mich noch nie diskriminiert. Grüße von einer Frau (Ingenieurin und Betriebswirtin)
theanalyzer 11.10.2017
3. Das liegt an den Frauen
Gleichberechtigung nimmt man sich. Die Frage ist: Wollen die Frauen das. Und nein, ich meine nicht, ob das ein paar öffentlich finanzierte Geisteswissenschaftlerinnen wollen, sondern ob das die Mehrheit der berufstätigen Frauen will. Ich meine: Nein, das wollen diese Frauen nicht. Sie möchten lieber etwas Teilzeit arbeiten und mit ihren Kindern spielen. Was ich gut und richtig finde.
dr.eldontyrell 11.10.2017
4. Dafür sind wir
Exportweltmeister und Billiglohn-Europameister. Man kann nicht alles haben.
feuer_der_veraenderung 11.10.2017
5.
Interessante Studie allerdings fehlen in ihr massenhaft Daten um Schlüsse zu ziehen zu können. Z.B. Beim Frauenanteil im Parlament müsste man noch den Anteil von Frauen in den Parteien herausfinden, wenn dann z.B. die Parteien einen Frauenanteil von ungefähr 30% haben und in den Parlamenten umgefähr 30% Frauen sitzen hätten Frauen die gleichen Chancen ins Parlament zu kommen wie Männer d.h. es gäbe kein Problem, wenn es allerdings so wäre das der Frauenanteil bei 40% oder 20% liegt würde es so ausehen als ob Frauen entweder benachteiligt oder bevorzugt werden und selbst dann kann man sich nicht sicher sein, weil es sein könnte das z.B. nur besonders fähige Frauen in die Politik gehen oder ihr Familienplan keine Zeit zulässt sich in den Parteien zu engagieren etc. . Zusammengefasst die Studie lässt sich nur als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen nutzen und sollte nciht politisch oder ideologisch Ausgeschlachtet werden
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.