Papstschreiben "Evangelii Gaudium" Franziskus will Kirche komplett reformieren

Viele sehen in Franziskus den radikalsten Erneuerer der katholischen Kirche seit Jahrzehnten. Diesem Ruf wird der Papst nun mit einem apostolischen Schreiben gerecht. In "Evangelii Gaudium" ruft er zum Kampf gegen Armut auf - und plädiert für eine Reform der Kirche "auf allen Ebenen".

Papst Franziskus ins Gebet versunken: Erneuerung der katholischen Kirche "auf allen Ebenen"
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Papst Franziskus ins Gebet versunken: Erneuerung der katholischen Kirche "auf allen Ebenen"


Rom - Einige kirchliche Medien hatten die Publikation bereits für den 24. November angekündigt. Jetzt veröffentlichte der Vatikan mit kleiner Verspätung das "Evangelii Gaudium" ("Freude des Evangeliums").

In dem 84 Seiten langen Dokument kritisiert der Papst die "Tyrannei des Marktes" und ruft die Kirche, aber auch die Mächtigen der Welt auf, gegen Armut und Ungleichheit zu kämpfen. Das herrschende ökonomische System sei "in der Wurzel ungerecht", betonte er. "Diese Wirtschaft tötet", so seine unmissverständliche Einschätzung. Es sei unglaublich, dass niemand sich darüber aufrege, wenn ein alter Mann auf der Straße erfriere, "während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht".

Schärfer als man es aus seinen Predigten und Briefen bisher kennt, kritisierte der Pontifex in seinem Mahnruf den Götzendienst am Geld. Er forderte von Politikern, sie müssten ihren Bürgern "eine würdige Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge" garantieren.

Offensive Kapitalismus-Kritik

Der Papst übte sich in Kapitalismus-Kritik ganz in der Tradition der Befreiungstheologen. Längst gehe es nicht mehr nur um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um eine Kultur der Ausschließung derer aus der Gesellschaft, die nicht genug leisten. "Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die 'Wegwerfkultur' eingeführt, die sogar gefördert wird."

Heftig protestierte der Papst auch gegen Verschwendung und ungerecht verteilte Mittel: "Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit."

Es ist das erste überwiegend vom Papst selbst verfasste apostolische Schreiben, das er seit Beginn seines Pontifikats veröffentlicht. Mit der Exhortation will der Papst laut eigener Aussage "Besorgnisse zum Ausdruck zu bringen, die mich in diesem konkreten Moment des Evangelisierungswerkes der Kirche bewegen".

Franziskus mahnt eine Erneuerung der katholischen Kirche "auf allen Ebenen" an. Und die will er offenbar auch strukturell angehen. Ganz offen regt Franziskus das an, worauf viele in der katholischen Kirche lange gewartet haben: "Eine heilsame Dezentralisierung", weg von Rom und hin zu den Bistümern und Gemeinden.

Franziskus zeigt sich zu einer Reform seines Amtes bereit. Er sei offen für Vorschläge, wie das Papstamt stärker an die von Jesus Christus gewollte Bedeutung und die heutigen Notwendigkeiten der Evangelisierung angepasst werden könne, sagte er.

Auch inhaltlich sollen auf neue Wege beschritten werden: "Jesus soll aus den langweiligen Schablonen befreit werden, in die wir ihn gepackt haben."

ala/Reuters



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insgesamt 322 Beiträge
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RioTokio 26.11.2013
1.
Ein schönes Engagement des Papstes. Die katholische Kirche ist ja großer Grundbesitzer und hat immense Vermögen. Davon sollte sich die Kirche nun trennen und mit schönem Beispiel zur Bekämpfung der Armut vorangehen.
Pfaffenwinkel 26.11.2013
2. Donnerwetter
Kampf gegen den Götzendienst am Geld - da hat sich der Papst aber sehr viel vorgenommen.
WGG 26.11.2013
3. Mal schauen
wie alt der gute Mann wird.
du-zwitsch 26.11.2013
4. Hallo Franz
Im deutschen Westen besitzt Deine katholische Kirche eine Wohnungsbaugesellschaft mit über 1 Mlliarde EURO WERT. Verkaufe sie bitte und bringe Wärme für die Armen dieser Welt. * * *
klfm01 26.11.2013
5. Heuchelei
Wenn er es auch nur einen Millimeter ernst meinen würde, müsste er propagieren "seid nicht so furchtbar fruchtbar, und mehret euch drastisch weniger. Dann klappt es auch mit dem Kampf gegen die Armut". Nur befördert die Kirche diesen Wahnsinn auch noch. Von daher sind seine Ideen witzlos.
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