Evangelische Kirche Käßmann ist neue Chefin der deutschen Protestanten

Das wichtigste Amt in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist erstmals mit einer Frau besetzt - eine historische Wende. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wurde zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Die 51-Jährige soll dem Apparat Amtskirche neue Spiritualität verleihen.

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Hamburg - Sie hat klug taktiert, demütig Zurückhaltung geübt und am Ende überzeugt. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann ist am Mittwochvormittag in Ulm mit 132 von 142 Stimmen zur Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt worden. Nur fünf Synodale stimmten gegen sie, vier enthielten sich, eine Stimme war ungültig. "Im Vertrauen auf Gottes Hilfe nehme ich die Wahl an", sagte Käßmann.

Die kleine, zähe, aus Marburg an der Lahn stammende 51-jährige Frau ist damit ranghöchste Vertreterin der 25 Millionen hierzulande lebenden evangelischen Christen. Die Fragen nach ihrer Favoritenrolle für den Posten mochte sie Journalisten schon seit Monaten nicht mehr beantworten und reagierte eher unwirsch darauf. Umso erleichterter wirkte sie nun nach ihrer Wahl.

Schon seit zehn Jahren arbeitet sie als erfolgreiche Bischöfin in Deutschlands größter evangelischer Landeskirche. Durch ihre Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden wird sie die erste Frau an der Spitze jener von Martin Luther begründeten Kirche - eine historische Sensation. Als Nebeneffekt dieser Wahl werden es die katholischen Bischofskollegen in Zukunft noch schwerer haben, zu erklären, warum bei ihnen Frauen nicht einmal als Priester Karriere machen können. "Wir sind Päpstin" bleibt einfach nur Fiktion.

Mit der geschiedenen, selbstbewussten Margot Käßmann könnten die Protestanten weiter auf Erfolgskurs kommen, trotz eines chronischen Schrumpfungsprozesses der großen Kirchen in Deutschland. Doch die Nachfolgerin von Bischof Wolfgang Huber, 67, wird künftig wohl nicht mehr ganz so frei gestalten können wie das in ihrem eigenen Bistum möglich war. Sie muss die von Huber begonnene große Kirchenreform fortsetzen, Landeskirchen zusammenführen, Gemeinden neu aufstellen, recht unterschiedliche Frömmigkeitsströmungen berücksichtigen und Mission betreiben gegen den ständigen Schwund an Mitgliedern - in diesen Tagen wurden gerade die überraschend hohen neuen Austrittszahlen bekannt. Es geht in der Ära Käßmann um nicht weniger als den Abschied von der Volkskirche, die einst flächendeckend in beinahe jedem Dorf mit Kirchturm und Pastor präsent war.

Die Ratsvorsitzende wird im Verhältnis zum Islam neue Akzente setzen müssen, genauso wie in der Ökumene gegenüber der römisch-katholischen Kirche des Papstes, die sie bei dessen Deutschlandbesuch 2005 in Köln nicht einmal zu ihm vorgelassen hatte. Sie wird das Profil ihrer Kirche weiter schärfen müssen, vielleicht wird es das Profil einer Kirche mit menschlicherem Antlitz als bisher.

Der umtriebige Huber prägte in seinem Amt die evangelische Kirche wie kaum einer seiner Vorgänger. Er sorgte stets für mediale Aufmerksamkeit und hat die EKD gesellschaftspolitisch gestärkt. Am Ende nervte er aber auch manche in seiner Kirche mit seiner dauernden Medienpräsenz. Andere litten unter dem Druck seines forschen Reform- und Modernisierungskurses. Nun muss er gehen, ohne den Umbau der evangelischen Landeskirchen vollendet zu haben.

Kein Zweifel: Margot Käßmann kann ihre Kirche und ihren Glauben nach außen bestens vertreten. Aber sie muss noch mehr als ihr Vorgänger die Kirche auch nach innen umgestalten. Die Voraussetzungen bringt sie durchaus mit, sie ist nicht nur medientauglich, sondern auch unentwegt in ihren Gemeinden zu eher unspektakulären Terminen unterwegs und kümmert sich dort - auch als Seelsorgerin - um die Kirchenbasis.

Im Konfirmandenunterricht, sagte sie einmal, habe man ihrer Meinung nach mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel, in evangelischen Kindertagesstätten könne man nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern auch biblische Geschichten erzählen. Die Bischöfin tritt für ein entschieden stärkeres geistliches Profil kirchlicher Einrichtungen ein, Kinder und Erwachsene sollten wieder mehr beten und Kirchen sollten wie Kirchen aussehen und nicht wie unverbindliche Gemeindezentren. Margot Käßmann steht für einen selbstbewussten Protestantismus. Obendrein - und das ist ihre besondere Stärke - kann sie jene Nähe und Wärme ausstrahlen, die dem professoralen Huber mitunter fehlte.

Käßmann, die sich schon lange für mehr Spiritualität in der Kirche engagiert, gilt auch im starken evangelikalen Lager innerhalb der EKD als wirklich fromme Christin - und ist damit für diesen wichtigen Flügel in der Kirche eine gute Wahl. Dass sie im Jahre 2007 ihre Ehescheidung eingereicht hatte, tragen ihr die meisten Evangelikalen nicht nach, seitdem der einflussreiche Chefredakteur der evangelikalen Nachrichtenagentur Idea, Helmut Mathies, für sie eine Lanze gebrochen hat. Er schrieb damals, auch im evangelikalen Lager sei Scheidung "kein Tabu mehr". Schließlich sei der Bischöfin keine Schuld am Scheitern der Ehe zuzuweisen, sondern ihrem Ex-Mann, der sich eine neue Freundin genommen habe.

So kann Margot Käßmann zunächst einmal von allen Seiten geliebt und beliebt ihr Amt antreten. Die Kür hat sie hinter sich, nun kommt die Pflicht im frommen Apparat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
wilczynski 28.10.2009
1. Wunderbar!
Gottes guter Geist weht und wirkt also noch! ich wünsche Margot Käßmann alles Gute für diese neue Aufgabe, viel Kraft, Stehvermögen, Gottes Hilfe und daß sie ihren Humor nicht verliert in der noch immer von MÖnern dominierten Kirche! In der katholischen Kirche bleiben dagegen wohl weiterhin alle Fenster fest geschlossen, damit der Geist Gottes nicht mit frischem Wind hindurchwehen kann, leider!
trick66 28.10.2009
2. LIEBE Margot
Zitat von sysopDas wichtigste Amt in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist erstmals mit einer Frau besetzt - eine historische Wende. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wurde zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Die 51-Jährige soll dem Apparat Amtskirche neue Spiritualität verleihen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,657763,00.html
"So kann Margot Käßmann zunächst einmal von allen Seiten geliebt und beliebt...", zumindest ganz offensichtlich vom Autor dieses Artikels.
r.zmudzinski, 28.10.2009
3. Herzlichen Glückwunsch
Zitat von sysopDas wichtigste Amt in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist erstmals mit einer Frau besetzt - eine historische Wende. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wurde zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Die 51-Jährige soll dem Apparat Amtskirche neue Spiritualität verleihen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,657763,00.html
Herzlichen Glückwunsch zur Wahl, weiterhin alles Gute und Gottes reichen Segen für Frau Käßmann und ihre Arbeit!
coriolanus, 28.10.2009
4. ach Gott,
Zitat von sysopDas wichtigste Amt in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist erstmals mit einer Frau besetzt - eine historische Wende. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wurde zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Die 51-Jährige soll dem Apparat Amtskirche neue Spiritualität verleihen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,657763,00.html
sie sind schon immer dem Zeitgeist hinterhergerannt, die deutschen Protestanten. N a c h Kässmann werden wieder 20 % der Kirche den Rücken zugewandt haben.
wakame 28.10.2009
5. erfrischend
Käßmann ist eine gute Wahl. Welch erfrischendes Bild gibt sie ab u.a. im Vergleich zur Spitze der katholischen Kirche. Papa Ratzi sieht in jeder Hinsicht alt aus im Vergleich zu Käßmann.
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