Neue Studien, mehr Geld Wie die Evangelische Kirche sexuellen Missbrauch untersuchen will

Die Evangelische Kirche will verstärkt Missbrauch in den eigenen Reihen aufklären. Neue Studien und mehr Geld sollen helfen. Ein Betroffener fragt: "Was nützt es, wenn die Vertuscher nicht bestraft werden?"

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs
epd

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs

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Detlev Zander ist bekannt dafür, dass er seine Wut rauslässt, wenn es sein muss. Heute ist es mal wieder so weit: "Ich koche innerlich", sagt er.

Gerade hat die Evangelische Kirche Deutschlands, kurz EKD, auf ihrer Synode in Würzburg bekannt gegeben, dass sie sich verstärkt um die Aufklärung sexuellen Missbrauchs in den eigenen Reihen bemühen will.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs legte einen Elf-Punkte-Plan vor, wonach neue Missbrauchsstudien erstellt und eine zentrale unabhängige Ansprechstelle eingerichtet werden sollen. Für die bessere Aufarbeitung stellt die EKD im kommenden Jahr 1,3 Millionen Euro bereit.

Zander war Gast der Synode und hätte gern seine Meinung aus Betroffenensicht kundgetan. Durfte er aber nicht. 1963 kam der heute 58-Jährige laut eigener Aussage in das Kinderheim der Brüdergemeinde Korntal in Baden-Württemberg. "Mit vier Jahren wurde ich das erste Mal vergewaltigt, das ging so weiter, bis ich 14 war", erzählt er.

Mindestens drei Männer hätten sich an ihm vergangen, sagt Zander. Ganz zu schweigen von den körperlichen Züchtigungen durch Erzieher, "immer wieder Prügelorgien, Zwangsarbeit, die Aufforderung, Erbrochenes zu essen". Ein im Juni 2018 vorgelegter Bericht spricht von mindestens 81 Tätern und bis zu 300 minderjährigen Opfern von Misshandlungen und Missbrauch.

Vieles, was der gelernte Krankenpfleger erzählt, erinnert an die Berichte missbrauchter Kinder aus den Reihen der Regensburger Domspatzen. Allerdings lebte Zander nicht in einer katholischen Einrichtung, sondern in einer evangelikalen. Die pietistisch ausgerichtete Brüdergemeinde Korntal ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und arbeitet bei der pfarrdienstlichen Versorgung mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zusammen.

"Die Brüdergemeinde ist keine Gemeinde unserer Landeskirche", betont deren Sprecher. Man habe weder rechtlichen noch disziplinarischen Einfluss auf die unabhängige Gemeinde, ebenso wenig Aufsichtsmöglichkeiten. "Deshalb stand es außer Frage, dass die Brüdergemeinde Korntal eine eigenständige Aufarbeitung für die Vorgänge in ihrer Diakonie durchführen muss."

Zander war nicht das einzige Opfer - seit er 2014 die Taten aus den Fünfziger- bis Achtzigerjahren publik machte, haben sich viele mutmaßliche Leidensgenossen gemeldet. "Wir wurden wissentlich vergewaltigt, die Brüdergemeinde hat die Taten vertuscht", sagt Zander. Keiner der Täter sei zur Verantwortung gezogen worden, die Aufklärung lasse jüngere Übergriffe außen vor. Mit einem Betrag zwischen 1000 Euro und 20.000 Euro entschädigt die Gemeinde jene Opfer, deren Schilderungen als plausibel eingestuft wurden. Zander war einer von ihnen.

"Was nützt das Geld, was nützen neue Studien, wenn die Vertuscher nicht bestraft werden?", fragt er. "Wir Betroffenen wollen wissen, wie Vertuschung überhaupt möglich wurde und wie man sie verhindern kann."

Seit Bekanntwerden der ersten großen Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche ab 2010 wurden auch entsprechende Taten in Institutionen der EKD bekannt. Eine Untersuchung in zehn von 20 Landeskirchen dokumentierte 479 zumeist strafrechtlich verjährte Missbrauchsfälle. Die meisten ereigneten sich in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen - ein Großteil der Betroffenen waren laut EKD Heimkinder. Vor diesem Hintergrund kündigte die Diakonie Deutschland eine eigene wissenschaftliche Studie zu Missbrauch in ihren Einrichtungen an.

"Wenn es allein im Kinderheim von Korntal 300 Betroffene gab - wie kommt man dann auf 479 Opfer in der Hälfte aller Landeskirchen?", fragt sich Zander. Offiziell ist das Ausmaß von Kindesmissbrauch damit in der EKD geringer als in der katholischen Kirche: Die berichtet in ihrer jüngsten Studie von 3677 Opfern und 1670 Tätern in den vergangenen 50 Jahren. Aber die erfahrungsgemäß um ein Vielfaches höhere Dunkelziffer führt solche Vergleiche ohnehin ad absurdum.

Angesichts der massiven Kritik am systemischen Missbrauch in katholischen Einrichtungen war der Vorwurf laut geworden, die EKD-Verantwortlichen würden sich im Windschatten katholischer Skandale wegducken, sozusagen davon profitieren, dass vor allem der katholische Klerus am Pranger stehe. Die EKD trat dem entgegen, wies darauf hin, dass Aufarbeitung und Prävention in den Landeskirchen vorangetrieben würden.

"Wir haben Schuld auf uns geladen", sagte die Hamburger Bischöfin Fehrs vergangene Woche dem Evangelischen Pressedienst. Der Rücktritt ihrer Amtsvorgängerin Maria Jepsen im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen in Ahrensburg zeigt: Zumindest im Übernehmen von Verantwortung sind protestantische Amtsinhaber manchmal entschlossener als Katholiken.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (Archivbild)
DPA

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (Archivbild)

Fehrs zufolge gibt es in der EKD "spezifische Risikofaktoren", die es gelte deutlicher als bisher zu analysieren. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte bemängelt, Missbrauchsfälle in evangelischen Einrichtungen hätten "strukturelle Ursachen in der Kirche". Es gebe Hinweise, dass Täter geschützt worden seien.

Eine weitere Schwäche: Die Struktur der evangelischen Landeskirchen ist dezentral, Aufarbeitungsprozesse finden auf regionaler Ebene statt. In nur zehn der 20 Landeskirchen sind unabhängige Kommissionen zur Missbrauchsaufarbeitung angesiedelt. Es mangelt an gebündelten Daten und dem großen Überblick. Laut Fehrs können die in der EKD üblicherweise flachen Hierarchien zudem ein Problem werden - wenn nicht ganz klar ist, wer überhaupt Ansprechpartner für sexuellen Missbrauch ist.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bat Opfer sexuellen Missbrauchs innerhalb der evangelischen Kirche, sich zu melden. "Wir wollen alles tun, was möglich ist, um zu verhindern, dass so etwas passiert", sagte der Landesbischof im Bayerischen Rundfunk. Berichte Betroffener könnten zu einer umfassenden Aufklärung beitragen.

Mit Material der Agenturen

Anmerkung: Wir haben die Angaben zur Brüdergemeinde Korntal präzisiert.



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