Evangelischer Kirchentag in Hamburg "Glauben, ohne den Verstand an der Garderobe abzugeben"

Am Mittwoch beginnt in Hamburg der 34. Kirchentag. Wo steht die evangelische Kirche in Zeiten der Krise? Bischöfin Kirsten Fehrs spricht im Interview über Revue-Gottesdienste, Rechtsradikale und eine protestantische Kirche, die zur Moschee werden soll.

Bischöfin Kirsten Fehrs: "Es gibt ein großes Sehnen nach Klarheit und Trost"
Marcelo Hernandez / Nordkirche

Bischöfin Kirsten Fehrs: "Es gibt ein großes Sehnen nach Klarheit und Trost"


SPIEGEL ONLINE: Der Hamburger Kirchentag lockt mit 2500 Veranstaltungen an fünf Tagen. Wer braucht so einen Event-Overkill?

Kirsten Fehrs: Ich kenne das Gefühl der Unübersichtlichkeit, die Angst etwas zu verpassen - das habe ich auf jedem Kirchentag. In einer Laienbewegung ist das Spektrum der Interessen nun mal groß. Die Fülle der Veranstaltungen entspringt dem Wunsch zu differenzieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Spaß wird die Nordkirche sechs Millionen Euro kosten, insgesamt werden 18,49 Millionen ausgegeben. Da gibt es die Russendisko, den Revue- oder gar Talk-Gottesdienst. Bedient die Kirche die Konsumhaltung der Gläubigen?

Fehrs: Nein, wir nehmen Stimmungen aus der Gesellschaft auf. Es gibt Diskussionen zu Wirtschaftsethik oder Demokratieverständnis, zur Flüchtlingsproblematik oder interreligiösen Belangen. Unsere Besucher kommen nicht, um zu konsumieren. Sie wollen sich einbringen, selber mitreden, etwas zum Nachdenken mitnehmen. Vielleicht wirkt das eine oder andere Angebot zeitgeistig. Aber wir experimentieren und bieten Vielfalt - im Gegensatz zu einer Gesellschaft, die immer mehr polarisiert, Spaltung produziert und verflacht.

SPIEGEL ONLINE: Das Motto des Kirchentages ist "So viel du brauchst" - in Anlehnung an Mose, der das Volk Israel in der Wüste mit himmlischem Brot, dem Manna, speist. Wonach hungert es die evangelischen Christen in Deutschland?

Fehrs: Nach einer transzendenten Wirklichkeit. Es gibt ein großes Sehnen nach Klarheit und Trost, nach Anbindung und Gemeinschaft. All das allerdings, ohne den Verstand an der Garderobe abgeben zu müssen. Also eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Glauben, eine gelebte Religion, an die man mit Verstand und Herz anknüpfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Kirche solchen Suchenden bieten?

Fehrs: Sie kann Menschen, die durch schwierige Lebensphasen gehen oder Grenzerfahrungen machen, eine Sprache geben. Viele sind in solchen Situationen auf sich zurückgeworfen und finden keine Worte für Tod, Trauer oder Katastrophen. Die religiöse Sprache füllt diese Lücke, weil sie Schwingungen und Empfindungen aufnimmt. Sie verlautbart nicht nur und liefert Fakten, sondern geht in die Tiefe.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat man oft das Gefühl, dass evangelische Pfarrer in ihren Predigten so butterweich formulieren, dass ihnen jegliches Profil abhanden kommt.

Fehrs: Es gibt diese überspitzte Erwartung von einem möglichst scharfen Profil, von Abgrenzung. Je länger ich das beobachte, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass Pluralität unser oberstes Lernziel sein sollte. Friedlich zusammenleben, ohne darauf zu verzichten, im rechten Moment Partei zu ergreifen und sich unmissverständlich zu äußern. So wie wir das von jeher machen, sei es zu Flüchtlingspolitik, Atomkraft oder im Kampf gegen Rechtsextremismus.

SPIEGEL ONLINE: In Hamburg gab es viel Wirbel um die ehemalige evangelische Kapernaum-Kirche, die von Muslimen gekauft wurde und nun Moschee werden soll. Finden Sie das gut?

Fehrs: Ich finde gut, dass die Debatte unaufgeregt geführt wurde. Dass die Mitglieder der Al-Nour-Moschee nicht mehr in einer unwürdigen Tiefgarage ihr Freitagsgebet verrichten müssen. Dass sie sich freundlich, kooperativ und sehr nachbarschaftlich verhalten haben. Und dass die evangelische Gemeinde, zu der die vor elf Jahren entwidmete Kirche einst gehörte, von Anfang an die Moschee-Gemeinde willkommen geheißen hat. Die Kirche hatte das Gotteshaus vor acht Jahren an einen Investor verkauft, dieser jetzt an die Moschee. Damals gab es noch keine Klausel, die einen Weiterverkauf an eine nicht-christliche Religionsgemeinschaft ausgeschlossen hätte. Heute ist das anders.

SPIEGEL ONLINE: Hamburg hat als erstes Bundesland einen Staatsvertrag mit Muslimen geschlossen, der islamische Feiertage teilweise anerkennt und einen gemeinsamen Religionsunterricht regelt. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Fehrs: Im Bereich des Religionsunterrichts haben wir gute Erfahrungen gemacht. Der Staatsvertrag hat letztlich gar nicht viel verändert, denn wir pflegen schon seit vielen Jahren einen sehr produktiven und positiven Umgang mit Muslimen. Es ist ein gewachsenes Miteinander, und die Verträge sind das Ergebnis eines gelungenen interreligiösen Dialogs.

SPIEGEL ONLINE: Die katholische Kirche hat mit Missbrauchsskandalen zu kämpfen. Auch in ihrem Sprengel, im schleswig-holsteinischen Ahrensburg, soll ein Pastor jahrzehntelang Mädchen und Jungen missbraucht haben. Er kam ohne Anklage davon, weil die Taten verjährt waren.

Fehrs: Wir haben eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt, die die Taten sexueller Gewalt aufarbeiten soll, nicht nur in Ahrensburg. Ich habe mit vielen Betroffenen gesprochen und bin noch immer fassungslos, dass es in meiner Kirche zu solchen Übergriffen kam und Menschen dadurch zerstört wurden. Die Nordkirche will die Verantwortung für die Verfehlungen der Institution übernehmen. Deshalb haben wir mit Opfern und Opferverbänden ein Konzept entwickelt, das Unterstützungsleistungen als Anerkennung erlittenen Leids individuell möglich macht. Und wir haben eine Präventionsstelle für die Nordkirche geschaffen, die Strukturen gegen sexuelle Gewalt schafft, konkrete Hilfe anbietet und wachsam macht.

SPIEGEL ONLINE: Die damalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen trat infolge des Skandals zurück, wie kurz zuvor die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann wegen einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss. Sind die Frauen in Ihrer Kirche moralischer als die Männer? Oder einfach konsequenter?

Fehrs: Ich glaube, dass sich ihr Führungsstil von dem der Männer unterscheidet, und das ist auch gut so. Im Sprengel Hamburg und Lübeck gibt es ebenso viele Pröpste wie Pröpstinnen, und die Kombination ist sehr spannend. Ich stelle fest, dass Frauen Autorität im Prozess entwickeln, durch Gespräche und Klärung. Sie sind in der Regel sehr reflektiert, und ihre Selbstkritik bringt sie nach vorn.

SPIEGEL ONLINE: Nach langem Hin und Her wurde an Pfingsten 2012 die Nordkirche gegründet, eine Fusion aus Nordelbischer, Mecklenburgischer und Pommerscher Kirche. Gibt es Schwierigkeiten?

Fehrs: Wir merken noch Kulturunterschiede, aber die sind interessant und treiben uns an. Es gibt Begriffe, die im Osten und Westen vollkommen anders konnotiert sind. Da kommt es manchmal zu Irritationen, die aber meist schnell überwunden werden.

SPIEGEL ONLINE: In den Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns müssen sie sich auch mit Rechtsradikalen auseinandersetzen.

Fehrs: Beileibe nicht nur dort. Wir wissen, dass faschistische Strukturen Existenzen vernichten. Deshalb loten wir gerade Aussteigerszenarien für Neonazis aus und denken über Präventionsprojekte nach. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg: In einer Erhebung wurde festgestellt, dass in Gemeinden, in denen die Kirche aktiv ist, der Anteil Rechtsradikaler an der Gesamtbevölkerung sehr viel geringer war als im Durchschnitt.

Das Interview führte Annette Langer.

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