Hamburg - Das nennt man eine Hamburger Begrüßung: Mit den Signalhörnern zahlreicher Schiffe sind etwa 80.000 Gläubige zum Evangelischen Kirchentag in der Hansestadt empfangen worden. Bei strahlendem Sonnenschein und nordisch frischen Temperaturen versammelten sie sich zu vier gleichzeitigen Open-Air-Gottesdiensten auf Fischmarkt, Reeperbahn, Rathausmarkt und Strandkai, um das fünftägige Fest des Glaubens einzuläuten.
Bundespräsident Joachim Gauck sprach in seinem Grußwort von der großen Bedeutung von Glaubensgemeinschaften in unserer Gesellschaft: Christen wollten nicht nur in dieser Gesellschaft leben, sondern sie auch mitgestalten.
Zum Kirchentag haben sich nach Angaben der Veranstalter fast 117.000 Dauerteilnehmer angemeldet - etwa ebenso viele wie beim letzten Kirchentag vor zwei Jahren in Dresden. Darüber hinaus werden bis Sonntag Zehntausende Besucher erwartet, die einzelne der mehr als 2500 Veranstaltungen besuchen. Angeboten werden Workshops, Bibelarbeiten, Podien etwa zur Wirtschafts-, Sozial- oder Umweltpolitik und zahlreiche Kulturveranstaltungen. 5500 Helfer engagieren sich ehrenamtlich, so viele wie noch nie bei einem Kirchentag.
Gauck, der selbst einmal als evangelischer Pfarrer tätig war, riet der Politik, die Themen, Forderungen und Impulse des Kirchentages aufzunehmen. "Das sollte die Gesellschaft zur Kenntnis nehmen und ernsthaft prüfen", sagte er in Hamburg.
Merkel spricht sich für Kirchensteuer aus
Am Donnerstag nimmt Gauck an einer Diskussionsveranstaltung teil. Einen Tag später kommt Kanzlerin Angela Merkel (CDU). In einem am Mittwoch veröffentlichten Gespräch mit Bistumszeitungen sprach sich Merkel dafür aus, das bestehende Kirchensteuersystem und den umstrittenen Sonderweg der christlichen Kirchen beim Arbeitsrecht beizubehalten.
Kirchentags-Präsident Gerhard Robbers sagte, von dem Treffen solle unter anderem ein Zeichen des Dialogs mit anderen Religionen ausgehen. Er verwies darauf, dass auch Moscheen und Synagogen ihre Türen öffneten. Zudem erhoffe er sich vom Kirchentag Impulse zur Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen. "Wir brauchen in unserer Gesellschaft neue Konsense", mahnte Robbers. Als Beispiele nannte er das aus seiner Sicht nicht zukunftsfähige Wirtschaftssystem, die Entwicklung Europas und "die Art, wie wir miteinander umgehen".
Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs von der gastgebenden Nordkirche verwies auf das Kirchentagsmotto "Soviel du brauchst" und beklagte die große Kluft zwischen Arm und Reich. Sie hoffe deshalb auf neue Ideen gegen Armut. Auf einer gemeinsamen Kundgebung von Kirchen und Gewerkschaften zum 1. Mai auf dem Hamburger Fischmarkt forderte sie einen verbindlichen gesetzlichen Mindestlohn.
Zudem erwartet Fehrs vom Kirchentag ein starkes Zeichen des Glaubens. "Wir brauchen eine religiöse Koalition gegen Gottvergessenheit", mahnte sie. "Viele Menschen heute sehen nichts von Gott. "In Hamburg ist nur noch jeder Dritte getauft."
ade/dpa
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