Ex-Neonazi Manuel Bauer "Ich war ein großes Arschloch"

Manuel Bauer leitete die "Wehrsportgruppe Racheakt", gründete den "Bund Arischer Kämpfer": Bis vor fünf Jahren war er in Sachsen ein gefürchteter Neonazi, der Feiern aufmischte und Ausländer zusammenschlug - bis ihn seine Kameraden fallen ließen. Freunde fand er unter seinen früheren Feinden.

Aussteiger Manuel Bauer: "Meine Kameraden gaben mir Kraft, die ich in Gewalt umsetzte"
dapd

Aussteiger Manuel Bauer: "Meine Kameraden gaben mir Kraft, die ich in Gewalt umsetzte"

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Hamburg - Zwei Türken haben ihn gerettet. Ausgerechnet. Manuel Bauer saß im Leipziger Gefängnis und hatte seinen Kameraden gegenüber angedeutet, aus der Neonazi-Szene aussteigen zu wollen - da setzte es Dresche beim Hofgang, das volle Programm. Als die Rechtsextremen auf ihn einprügelten, kamen ihm zwei türkische Häftlinge zu Hilfe. Es war der Einschnitt in Manuel Bauers Leben.

Manuel Bauer, 32, aus einem Dorf nahe dem sächsischen Torgau war bis vor fünf Jahren bekennender Neonazi. Einer, der eine Döner-Bude anzündet und Hochzeitsfeiern aufmischt. Ein gefürchteter Schläger, bullig, den Kopf blankrasiert, die Augen zu kleinen Schlitzen verzogen. Er trug eine grüne Bomberjacke oder eine schwarze Harrington und weinrote Zwölf-Loch-Springerstiefel. Ein "komplett klischeehafter Skinhead", sagt er über sich selbst.

Mit elf Jahren findet Manuel Bauer Gefallen an Schulkameraden, die auf dem Pausenhof Adolf Hitler huldigen und gegen Ausländer hetzen. Deutschland ist seit kurzem wiedervereinigt. Rechtsextremismus, in der DDR nur im Verborgenen ausgelebt, kann auf einmal zur Schau getragen werden, so kommt es Bauer zumindest vor. Wie in seinem Heimatdorf rotten sich auch in anderen Provinzen Ostdeutschlands Neonazis zu Cliquen zusammen. Da sie weder Struktur noch Satzung haben, tauchen sie in keinem Verfassungsschutzbericht auf.

Manuel Bauer schließt sich einer dieser Gruppen an, ordnet sich erst unter, dann drängt er in die erste Reihe. Seine Eltern, streng gläubige Christen, sind entsetzt.

Manuel Bauer wird Anführer der "Wehrsportgruppe Racheakt", gründet mit anderen Neonazis den "Bund Arischer Kämpfer". Jeweils etwa 30 Rechtsgesinnte schließen sich an, viele aus Torgau und dem Städtchen Loburg in Sachsen-Anhalt. "Ich hielt mich für einen Helden", sagt Bauer und atmet lange aus, "dabei war ich ein großes Arschloch."

Die "Bewegung", wie Bauer die rechte Szene nennt, sei für ihn Heimat gewesen, "familiär und sozial". "Ich fühlte mich frei und anerkannt. Meine Kameraden gaben mir Kraft, die ich in Gewalt umsetzte." Aufgeputscht mit Alkohol und Rechtsrock aus dröhnenden Autoboxen fahren sie durch Sachsen, überfallen Fremde, schlagen sie zusammen. Blut, das an den Klamotten klebt, gilt als Trophäe, dafür gibt es Anerkennung.

Als Bundeswehrsoldat fühlte er sich wohl

Bei der Bundeswehr trifft er 1997 auf Gleichgesinnte - und zwei Kameraden, von denen er heute behauptet, sie gehörten zum "äußeren Umfeld" der Zwickauer Terrorzelle, Namen will er keine nennen. Die Zeit in der Kaserne beim Panzergrenadierbataillon im Erzgebirge habe er genossen, erzählt Manuel Bauer, "da fühlte man sich als einer wie ich sicher und wohl."

Im Wehrdienst lernt Manuel Bauer das Schießen. Sein Wissen gibt er weiter in einem Ausbildungslager in Ústi nad Labem, einer Stadt im Norden Tschechiens. Ein Jahr lang bildet er dort militante Neonazis aus, lehrt sie Schießen, Bombenbauen und drillt sie im Überlebenstraining. Solche Camps gebe es auch in Ungarn, Polen, Russland und Rumänien, sagt Manuel Bauer. Sie funktionierten wie ehemalige Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ), einem rechtsextremen deutschen Jugendverband, in dem Kinder und Jugendliche militärisch und ideologisch geschult wurden und der 2009 verboten wurde.

Manuel Bauer lebt damals von Arbeitslosengeld - und dem, was er sich als Neonazi nebenbei "verdient". Er erpresst andere, die Waffe in der Hand. Er engagiert sich bei der "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG), eine der mitgliederstärksten rechtsextremen Organisationen Deutschlands, die verurteilte Straftäter einschlägiger Gesinnung während und nach ihrer Haft betreut, bis sie im September 2011 verboten wird. Bauer selbst beschreibt seinen "Nebenverdienst" mit den Worten: "Ich finanzierte mich durch Beschaffungskriminalität."

Auch Sponsoren, so sagt der gebürtige Sachse, hätten ihn und seine Kameraden großzügig unterstützt. So auch angeblich die Leitung eines deutschen Brauhauses, das "über Jahre hinweg unseren politischen Kampf mitfinanziert" und raue Mengen Alkohol zur Verfügung gestellt habe. An Waffen sei man nur rangekommen, wenn man über Jahre in der Szene mitgemischt habe - bei der Beschaffung habe die NPD geholfen. Die Waffen kamen damals angeblich aus dem osteuropäischen Raum.

Überhaupt sei die Zusammenarbeit der freien Kameradschaften mit der NPD sehr intensiv, behauptet Bauer. "Die NPD ist die Firma und die Kameraden sind die Angestellten." Er selbst sei in seiner "aktiven Kampfzeit" nie Parteimitglied gewesen, habe jedoch viele Bündnisse kennengelernt, die es bestens verstünden, den Staatsschutz mit Ablenkungsmanövern und vorgetäuschten Aktionen auszutricksen.

15 Jahre Nazi, dann Sozialdemokrat?

"Der Staat hat den Rechtsextremismus unterschätzt, sich immer nur auf die Antifa-Szene konzentriert", sagt Bauer, "dabei sind die Rechten viel besser organisiert und strukturiert als die Linken". Die Strategie in der Szene sei klar definiert: Was der Staat nicht kennt, kann er nicht bekämpfen. So gebe es fiktive Personen und fiktive Versandhäuser, die zur "reinen Ablenkung der Fahnder" dienten. Vermutlich wisse der Staat gar nicht, wie viele Kameradschaften es tatsächlich gebe und wie viele Rechtsextreme im Untergrund agierten, orakelt der Aussteiger. "Es gibt ja einige Neonazis, deren Namen bekannt sind, von denen man aber seit Jahren nichts gehört hat", sagt Bauer, "die ziehen oft die Fäden im Hintergrund."

Und er selbst? Kann man knapp 15 Jahre lang Teil der militanten Neonazi-Szene und plötzlich geläutert sein? Plausible Antworten hat Manuel Bauer nicht parat. Dass Zweifel bleiben, kann er verstehen und betont: "Meine Gedankenwelt hat sich bereits vor acht Jahren geändert, drei Jahre später hab ich den Ausstieg gepackt." Das Umdenken habe ihn inzwischen zu einem "überzeugten Sozialdemokraten" gemacht.

Ein Sozialdemokrat, in dessen kleinem Freundeskreis sich nach seiner Aussage viele seiner ehemaligen Gegner finden: Juden, Lesben, Migranten. "Alles Menschen, die ich damals bekämpft habe", sagt Manuel Bauer, "heute bin ich froh und glücklich, solche Freunde zu haben." Sie kennen Bauers Vergangenheit, sagt er. Sie wissen auch, dass eine zeitlang in der Szene angeblich ein Kopfgeld von 10.000 Euro auf ihn ausgesetzt war und noch immer im Internet eine "Wahnsinnshetze" gegen ihn betrieben wird.

Heute lebt Bauer in Süddeutschland, die Angehörigen, mit denen er noch Kontakt hat, werden durch ein spezielles Sicherheitsprogramm geschützt. Er hilft Neonazis beim Aussteigen, so wie "Exit", die von Bernd Wagner gegründete Organisation, ihm einst half. "Ohne die Leute dort hätte ich es nicht gepackt, mir wurde klar signalisiert, dass sie mich nicht alleine lassen, egal, was passiert."

Allein in Ostdeutschland gebe es inzwischen fünf Neonazis, sagt Bauer, die ihn als Vorbild genommen und den Absprung geschafft hätten. In seiner Stimme schwingt Stolz mit. Endlich wieder Anerkennung.

Bauers Vorstrafenregister ist lang, Körperverletzung, Erpressung, Bildung verfassungswidriger Organisationen, Vandalismus und Sachbeschädigung. Zu zwei Jahren und zehn Monaten wurde er verurteilt. Er hat versucht, zu einigen seiner Opfer Kontakt aufzunehmen. Viele wiesen ihn ab. Andere nahmen seine Entschuldigung zwar an, wollen ihm aber nicht verzeihen. Wenige sagen, sie hätten ihm inzwischen vergeben. Er würde es ihnen gern glauben - aber kann er das wirklich?

Vor wenigen Monaten traf er einen indischen Teenager, den er vor mehr als zehn Jahren zusammengetreten hat, weil er nicht deutsch aussah - sein Opfer war damals noch ein Kind. Auch dem homosexuellen Geschäftsmann ist er begegnet, den er erpresst und mit dem Tod bedroht hat. Es seien "schwere Begegnungen" gewesen, sagt Bauer. Die beiden hätten ihm viele Fragen gestellt. Antworten habe er keine gehabt.



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