Ex-Skinheads in der NPD Vom Schläger zum Kader

Die Skinheads Sächsische Schweiz waren eine der brutalsten Neonazi-Kameradschaften Deutschlands - bis zum Verbot. Nun machen ihre früheren Köpfe Thomas Sattelberg, Martin Schaffrath und Thomas Rackow Karriere in der NPD.

Von Jochen Brenner, Pirna


Der Türke kennt ihn nicht, die Vietnamesin spricht kein Deutsch, und Frau Steiner muss sich um die Kuchenauslage in der Konditorei kümmern. Sie alle haben ihn als Nachbarn auf der Breiten Straße in Pirna. Er öffnet sein Geschäft um 11, schließt um 18 Uhr, und dazwischen verkauft er im The Store Kapuzenpullis, Jacken und T-Shirts der in der rechten Szene beliebten Marke Thor Steinar. Im Schaufenster sieht ein Schäferhund den vorbeifahrenden Autos nach.

Bis vor einiger Zeit hieß der Laden von Martin Schaffrath noch Crime Store. Das "Crime" hat er gestrichen, es passte nicht mehr zum neuen Martin Schaffrath, dem seriösen Geschäftsmann und Politiker. Es passt nicht mehr zu seiner Partei, der NPD.

Pirna ist ein Städtchen in der Sächsischen Schweiz, es liegt zwischen der tschechischen Grenze und Dresden. Die Mieten sind billiger hier, die Elbe noch näher als in der Landeshauptstadt.

Die Polizei ermittelte gegen Schaffrath, den Ladenbesitzer, wegen Körperverletzung, Nötigung und Verbreitung von NS-Propaganda. In Dresden schnappten sie ihn mal mit einem Karton Hakenkreuz-T-Shirts im Kofferraum, ein paar Jahre ist das jetzt her. Dann ging es um Landfriedensbruch. Schaffrath soll beim Fußballspiel von Dynamo Dresden gegen den 1. FC Magdeburg eine Flasche geworfen haben. Er weist darauf hin, dass die Verfahren alle eingestellt worden seien, teils unter Vorbehalt.

Vor allem aber wurde Martin Schaffrath immer wieder unter den Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) gesehen, bis zu ihrem Verbot 2001. Er war damals fast noch ein Junge, 19 Jahre alt, und am Beginn seiner rechten Karriere. Heute, zehn Jahre danach, bestreitet er, jemals dazugehört zu haben. Im vergangenen Herbst wurde er allerdings zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt - wegen einer Körperverletzung und der "Aufrechterhaltung der SSS". Die Strafe wurde für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, wie aus dem Urteil hervorgeht.

"Angst und Leid verbreitet"

In ihren letzten Jahren stufte das Dresdner Innenministerium die SSS als eine der gefährlichsten rechtsextremen Vereinigungen in Deutschland ein. Die Mitglieder sammelten Informationen über politische Feinde, überfielen junge Leute oder terrorisierten sie mit Drohanrufen. Bei Hausdurchsuchungen fand die Polizei immer wieder Sprengstoff, Waffenteile und Pistolen.

2001 sagte der Dresdner Oberstaatsanwalt, die SSS habe "das Stadtbild von Pirna bestimmt" und "Angst und Leid" verbreitet. 80 Mitglieder sollen zu der Gruppe gehört haben, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Sächsische Schweiz von Ausländern, Drogenabhängigen und Linken zu säubern: 1998, Überfall auf Jugendliche an den Elbwiesen. Angriff bei der Sennerhütte, einer Discothek im Kurort Gohrisch. Wenig später zertrümmerte eine Abordnung mit Baseballschlägern eine Musikanlage im Jugendklub Umweltfabrik in Pirna-Liebethal.

Wenn sie nicht marodierten, dann übten sie Schießen, marschierten auf, luden Skinhead-Bands zu Konzerten ein. Sie planten Sonnwendfeiern, und am Wochenende zogen sie in die "Feldschlacht", der sie den Namen "Operation Alpha" gaben. Es waren paramilitärische Übungen, bei denen die SSS von einer Jagd auf Ausländer träumte.

Heimatlos, aber nicht alleine

1996 hatten sich ehemalige Mitglieder der zuvor verbotenen Wiking-Jugend zusammengefunden und die SSS gegründet. Sie gaben ihr einen streng hierarchischen Aufbau, in dessen Zentrum zahlende Mitglieder in "hochgradig durchorganisierte Strukturen" eingebunden waren, wie das Dresdner Landeskriminalamt damals schrieb.

Nach fünf Jahren wurde die SSS 2001 verboten. Auf dem Papier hörte sie auf zu existieren. Die Kameraden waren fortan heimatlos, aber nicht alleine.

Martin Schaffrath wurde sofort Kreisverbandsvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. Er gründete den Crime Store und eine Online-Versand. Heute sitzt er für die NPD im Stadtrat von Stolpen, 20 Kilometer von Pirna entfernt.

Schaffraths Karriere ist prototypisch für die neue NPD, deren Vorsitzender Holger Apfel jüngst das Vorbild der "seriösen Radikalität" für seine Parteigänger erfand: "In der Mitte des Volkes anzukommen, heißt, dass wir Nationalisten ein politisch nicht mehr ausgrenzbarer Teil unseres Volkes sind und uns im Volk wie Fische im Wasser bewegen können", sagte er auf dem Bundesparteitag.

Wer Apfels Sätze für Übertreibung hält, kennt Pirna nicht, meint die Demokratieberaterin Petra Schickert. "Die Mitte rückt nach rechts", sagt sie, "das Bürgertum hat Angst vor dem Abstieg." Als Thilo Sarrazin sein Buch in der Stadt vorstellte, wollten Hunderte seine Thesen hören. "Es kam nicht der rechte Rand, sondern es kamen die gutsituierten Bürger der Stadt."

"Das Alltägliche ist das Problem"

Seit Jahren beobachtet sie die Bemühungen der NPD, auch in der Mitte gehört zu werden. "Richtig ist, dass die Zahl der rechten Gewalttaten in der Region leicht zurückgeht", sagt Schickert, "das ist Teil der subtilen Anpassungsstrategie. Wir legen immer gleich Gewalt und Terror als Maßstab für eine Bedrohung von rechts an. Aber das Alltägliche, das Konsolidierte, das Stetige ist das wahre Problem."

Thomas Sattelberg ist einer, der von ganz rechts außen in die Mitte strebt. Er gilt als Gründer und Kopf der brutalen SSS, 2003 wird er wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Drei Jahre später schickt ihn ein Gericht für acht Monate in Haft: Er hatte die SSS einfach weitergeführt.

Dann aber beginnt Sattelberg seine zweite Karriere: 2006 wählen ihn seine Parteifreunde in den Landesvorstand der Jungen Nationaldemokraten. Inzwischen beschäftigt die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag den Neonazi als Sachbearbeiter in Festanstellung.

"Die SSS ist inzwischen komplett in der NPD untergekommen", sagt Petra Schickert, die Beraterin. Die brutale Gewaltvergangenheit der Kameraden hindert die Partei nicht, sie in der Hierarchie nach oben kommen zu lassen. "Die NPD kann es sich gar nicht leisten, die Kameradschaften und freien Kräfte nicht mitspielen zu lassen", sagt Schickert. Die Politik habe Rechtsradikale wie Sattelberg erst als Problem entdeckt, als die NPD in den Landtag gewählt wurde und plötzlich staatliche Förderung bekam. "In den Köpfen waren sie zu dem Zeitpunkt schon lange angekommen. Die Brandanschläge von Hoyerswerda liegen jetzt immerhin schon 20 Jahre zurück."

Die NPD hat alles erreicht

An manchen Tagen in Pirna fragt sie sich, ob die NPD mit ihrer Expansionsstrategie in die Mitte überhaupt noch erfolgreicher werden kann. "Was will die NPD hier eigentlich noch erreichen, sie hat in der Region doch schon alles", sagt Schickler. "Die Rechtsradikalen sitzen in den Stadt- und Gemeinderäten, im Kreis- und Landtag. Sie besetzen Jugendclubs und bringen ausländische Bürger dazu, wegzuziehen. Und immer mehr Wähler aus der Mitte interessieren sich für sie."

Kein Wunder, dass auch Thomas Rackow in Pirna seine legale NPD-Karriere beginnt. Der SSS-Gründer hatte Computerdateien angelegt und Informationen über politisch Andersdenkende zusammengetragen. "Die Sammlung dient dazu, bestimmte Personen festzulegen, gegen welche Aktionen durchgeführt werden. Dies sind zum Beispiel Telefonterror, fingierte Warenbestellungen bei Versandhäusern, Farbschmierereien, Werfen von Farbbeuteln und körperliche Misshandlungen", hieß es in der SSS-Verbotsverfügung des sächsischen Innenministeriums.

2003 wurde Rackow zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt. Er betrieb die Neonazi-Internetseite Heimatschutznetzwerk und betreute die Web-Seiten der NPD Sächsische Schweiz. Bei einer Polizeirazzia wegen des Verdachts der Weiterführung der SSS wurde im Dezember 2004 sein Computer beschlagnahmt. Nur einen Tag später sagte er zu Kameraden: "Habe wieder 'nen Rechner, diesmal von 'nem MdL." Dessen Identität wurde offiziell nie bekannt.

Rackow wurde später unter anderem Kreisgeschäftsführer der Jungen Nationaldemokraten und Vorstandsmitglied des NPD-Kreisverbands Sächsische Schweiz. Seit 2005 arbeitete er im Sächsischen Landtag für die NPD-Fraktion, als persönlicher Referent zweier Abgeordneter.

"Wenn ich höre, dass jetzt plötzlich alle wegen der Zwickauer Zelle ein NPD-Verbot fordern, werde ich wütend", sagt Petra Schickert, die Demokratieexpertin. "Die größere Gefahr für unsere Verfassung geht von den alten Kameradschaften aus, die jetzt in der NPD Fuß fassen." Das Terror-Trio habe dem Thema Konjunktur verschafft, die in ihren Augen sehr bald wieder abflauen wird. "Wenn Weihnachten vorbei ist, sind wir wieder die Einzigen, die sich mit dem alltäglichen Rassismus auseinandersetzen."

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.