Ex-Soldat Transsexueller kämpft vor Gericht um Brust-OP

Er trug Damen-Slips und BHs unter seiner Uniform, doch irgendwann reichte das nicht mehr: Ein transsexueller Ex-Soldat kämpft nun vor dem Sozialgericht Hannover darum, dass die Krankenkasse seine Brustoperation bezahlt. Die Versicherung gibt sich zugeknöpft.

Sarah Jane Smith: "Das ist ein Teil von mir"
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Sarah Jane Smith: "Das ist ein Teil von mir"

Von Simone Utler


Hannover - Sarah Jane Smith lebt im Körper eines Mannes - fühlt sich aber seit Jahrzehnten als Frau. Als Schüler stibitzte er im Jungen-Internat die Unterwäsche der Lehrerinnen, als britischer Soldat im Nordirland-Einsatz trug er heimlich Damen-Slips und BHs unter der Uniform und als Ehemann nutze er jede Minute allein zu Haus, um geschminkt und in High-Heels herumlaufen zu können.

Zweimal war Mr. Smith verheiratet, hat zwei Töchter - erst 2003 flog seine Neigung auf: Seine deutsche Frau findet zufällig eine Aktentasche mit Fotos von einer Party. Entweder er höre sofort auf damit oder sie lasse sich scheiden, sagt sie damals. "Ich konnte aber nicht damit aufhören. Ich hatte keine Wahl", sagt die inzwischen 51-jährige Sarah Jane Smith SPIEGEL ONLINE. "Das ist ein Teil von mir."

Im Oktober 2006 fängt für sie endgültig ein neues Leben an. Nach einer schweren Erkrankung und einem Klinikaufenthalt nimmt Smith die ganze Männerkleidung und bringt sie in einem großen Beutel in die Altkleidersammlung. "Ich hatte nicht mal mehr die Socken." Von da an lebte Smith als Frau. "Und ich habe es nie bereut: Viel zu lange habe ich andere Prioritäten gesetzt."

Smith wendet sich an einen Schönheitschirurgen, nimmt Hormone, besucht einen Psychologen, strebt eine Geschlechtsumwandlung an. Im Mai 2008 lässt sie in Großbritannien ihre Ausweispapiere ändern, ihre Ex-Frau ist inzwischen eine ihrer besten Freundinnen.

"Viel zu weit an der Seite"

Doch sie leidet immens unter der Form ihrer Brüste. Zwar hätten sich im Laufe der rund zweijährigen Hormonbehandlung nicht nur deutlich weibliche Züge, sondern auch Brüste gebildet - doch säßen die nicht an der richtigen Stelle. "Sie sind nicht vorne am Brustkorb, sondern viel zu weit an der Seite", sagt Smith. Wenn das so weiter gehe, seien die Brüste in ein oder zwei Jahren unter die Arme gewachsen, so Smith und betont in ernstem Ton, das sei kein Witz und wahrlich nicht zum Lachen.

Deshalb quetscht Smith sie in Corsagen und BHs. Wenn sie diese anziehe, müsse sie die Brüste aber mit Gewalt in die Mitte ziehen. "Das ist immens schmerzhaft und muss korrigiert werden." Implantate würden die Brüste in die richtige Position bringen.

Auch in ihrem Alltag als Frau fühlt sich Smith eingeschränkt. "Ich kann mit meinem Enkelkind nicht ins Schwimmbad, das Personal weiß nicht, in welche Umkleidekabine es mich schicken soll." Brüste seien nun einmal der Teil eines weiblichen Körpers, der zu sehen sei. Sie wundere sich schon, dass Krankenkassen das nicht bezahlten, während sie die Kosten für die Geschlechtsumwandlung, also den Teil, den nur wenige sähen, übernähmen.

Mehrere Ärzte haben Smith nach eigenen Angaben bestätigt, dass bei ihr die seelische und die medizinische Notwendigkeit für eine Brust-OP gegeben seien. Deswegen hat sie bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), bei der sie seit 1998 versichert ist, den Eingriff beantragt. Doch die Kasse lehnte die Übernahme der 6.000 Euro teuren Operation ab. Smith legte Einspruch ein, die Sache ging vor Gericht.

Die Brüste werden nun begutachtet

Die Krankenkasse vertritt die Ansicht, dass es sich um eine Schönheitsoperation handele und es darum für die Kostenübernahme keine gesetzliche Grundlage gebe. "Entscheidend ist, dass für transsexuelle Personen dieselben Regeln gelten wie für genetische Frauen", sagte DAK-Sprecher Jörg Bodanowitz SPIEGEL ONLINE. Gesetzliche Krankenkassen zahlten kosmetische Operationen nur in Ausnahmesituationen, beispielsweise wenn eine Frau durch eine Krebs-OP oder einen Unfall eine Brust verloren habe. In Einzelfällen werde auch gezahlt, wenn Brüste aus medizinischen Gründen verkleinert würden.

Damit stützt sich die DAK auf eine Entscheidung des Bundessozialgerichts, das 2004 geurteilt hatte, dass Frauen eine Brustvergrößerung oder -verkleinerung in aller Regel nicht auf Kosten ihrer Krankenkasse vornehmen lassen können. Auch wenn sie unter ihrer abweichenden Oberweite psychisch litten, sei dies kein Grund für eine Operation auf Kosten der Kasse, hieß es in dem Grundsatzurteil. Eine körperliche Abweichung werde nicht schon deswegen zur Krankheit, weil der oder die Betroffene sie als solche empfinde. Erst wenn eine körperliche Anomalie eine entstellende Wirkung habe, käme unter Umständen eine Operation auf Kosten der Kasse in Betracht.

Die DAK ist Smith am Mittwoch zum Auftakt des Prozesses vor dem Sozialgericht Hannover entgegenkommen: Ein Gutachter soll klären, ob der Eingriff vielleicht doch dazu dient, eine körperliche Entstellung zu beheben. Der Medizinische Dienst werde den Kläger schon in den kommenden Tagen begutachten und die medizinische Notwendigkeit der Operation prüfen, kündigte der DAK-Vertreter, Wolfgang Ahrens, nach dem Erörterungstermin an. Aber er machte auch deutlich: "Wenn jemand unter seinem Körper leidet, ist das kein Grund für eine Operation, ausschlaggebend ist die entstellende Wirkung."

Der Anwalt von Smith, Mark Hartmann, wertet den Schritt der DAK jedoch positiv: "Da besteht eine echte Chance."



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