Extrem-Angst vor Ehec: "Ich brachte nichts zu essen herunter"

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Für die meisten Menschen ist die Ehec-Epidemie ein Störfaktor im Alltag, ein nerviges Intermezzo, das bald ein Ende haben wird. Für Menschen, die unter Zwangsstörungen leiden, ist die Seuche eine Katastrophe. Besuch bei einer Frau, die panische Angst vor Krankheitserregern hat.

Angst vor dem Killerkeim: "Essen mit den Fingern zu berühren, finde ich beunruhigend." Zur Großansicht
Getty Images/ HZI

Angst vor dem Killerkeim: "Essen mit den Fingern zu berühren, finde ich beunruhigend."

"Ich bin neurotisch, ein klassischer Monk", sagt Tanja Sperling*. Selbstironisch vergleicht sie sich mit dem verschrobenen Privatdetektiv Adrian Monk aus der gleichnamigen US-Krimiserie. Der leidet bekanntermaßen an einer Hundekot-Phobie und Hygienewahn. "Im Fernsehen ist das lustig, aber bei mir fehlt der Unterhaltungseffekt", fügt die 38-Jährige traurig hinzu.

Seit ihrer frühen Kindheit hat die Hamburgerin eine panische, rational nicht zu begründende Angst vor Darminfekten. Im Haushalt der gelernten Kauffrau regieren seit Jahren Sagrotan und Sterillium. Stets trägt sie ein Fläschchen davon bei sich, obwohl Berührungen mit der Außenwelt ohnehin auf ein Minimum beschränkt sind: Sperling schüttelt ungern Hände, berührt prinzipiell keine Geländer oder Haltegriffe und öffnet Türen nur mit dem spitzen Ellenbogen.

Sperling ist eine schlanke, erstaunlich gelenkige Frau, die während des Gesprächs auf dem Bett sitzt und elegant die Posen wechselt. In ihrer Hand dreht sie versonnen einen silbernen Kettenanhänger - einen Käfig, in dem ein türkisblauer Vogel ein stummes Lied singt. "Ich fühle mich genau wie er. Ich bin gefangen in meiner Angst, mache mir ständig einen Kopf. Mein Leben ist unfrei, es gibt keine Sorglosigkeit."

Sperling ist eine von etwa einer Million Menschen, die in Deutschland an einer Zwangsstörung leiden. Viele empfinden schwere Schuldgefühle ihren Familien gegenüber, weil sie deren Alltag durch ihre Neurose verkomplizieren. Auch sind die Schamgefühle groß, die Hemmschwelle, einen Arzt aufzusuchen, ist hoch. Maximal zehn Prozent der Betroffenen sind in therapeutischer Behandlung.

Schafft es jemand, sich zu einer Behandlung durchzuringen, scheitert er laut Experten oft an der therapeutischen Unterversorgung in Deutschland: "Wenn ein Patient vier Monate bis ein Jahr lang auf einen Therapieplatz warten muss, ist die Gefahr groß, dass er aus Frustration einen Rückzieher macht", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V., Wolf Hartmann. "Dann bleibt ihm oft nur die Notfallpsychiatrie - und die kann nicht fachgerecht behandeln."

"Das war die Hölle für mich"

Auch Tanja Sperling hat eine "klinische Karriere" hinter sich, quälte sich jahrelang mit Panikattacken und Depressionen, ging in Therapie. Heute arbeitet sie als Journalistin, ist Mutter eines Sohnes. Sie informierte sich, weiß inzwischen alles über ihre eigenen und fremde Neurosen. Von einer kontrollierten Situation ist sie allerdings weit entfernt.

"Es ist nicht immer gleich schlimm", sagt Sperling. Im Rückblick habe sie erkannt, dass die großen Angstschübe stets mit Umbrüchen einhergingen - Trennungen, Arbeitsplatzverlust, einer schwierigen Schwangerschaft oder der Geburt des Kindes. Sperling litt unter schweren postnatalen Depressionen. Aber sie kämpfte, rappelte sich auf, fast ein Jahr lang ging es ihr wieder gut.

Dann kam Ehec. "Wir erfuhren von dem Ausbruch einen Tag, nachdem wir Salat und Rohkost gegessen hatten. Die folgenden zehn Tage waren für mich die Hölle", so Sperling. So lange dauert die Inkubationszeit.

Das Karussell der Rituale drehte sich erneut mit rasender Geschwindigkeit: Hände waschen, desinfizieren, Klinken putzen. Öffentlichen Nahverkehr meiden, Essen und Bargeld nicht mit den Fingern berühren, soziale Kontakte einschränken. Plus: Rohkost verbannen, alle Lebensmittel abkochen, Arbeitsflächen und Küchenmesser desinfizieren. "Ich brachte nichts zu essen und kaum etwas zu trinken herunter. Alles schien mir eine potentielle Gefahrenquelle zu sein."

Die Angst mit Ritualen bändigen

Nach mühevoll errungenen Erfolgen im Kampf gegen den Zwang war Sperling wieder am Anfang angekommen. "Ich werde Monate oder Jahre brauchen, um zu einem normalen Essverhalten zurückzufinden", so ihre düstere Prognose. "Wir können nur hoffen, dass die Betroffenen ihre Zwänge nicht langfristig auf Ehec fokussieren. Das kann man aber nur vermeiden, wenn schnell die Ursachen gefunden werden", sagt Hartmann von der Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

Tatsächlich wirft eine Seuche wie Ehec auch die praktizierenden Psychologen und Psychiater um Längen zurück. "Der Ausbruch einer potentiell tödlichen Epidemie bestätigt die schlimmsten Befürchtungen der Patienten", sagt Professor Erich Kasten von der Universität Lübeck, der selbst Menschen mit Zwangserkrankungen therapiert. "Es tritt genau das ein, wovon man jahrelang behauptet hat, dass es unmöglich sei. Das macht den Therapeuten unglaubwürdig - und ist ein schwerer Rückschlag in der Behandlung."

In der Regel werden Zwangserkrankungen per Verhaltenstherapie kuriert. Mit Hilfe bestimmter Entspannungstechniken wie autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung werden die Patienten zunächst beruhigt und dann mit den Angst machenden Situationen konfrontiert. Man beginnt immer mit den schwächsten Zwängen - der Patient muss zum Beispiel eine Klinke berühren, ohne sich sofort danach die Hände zu waschen.

"Zwangsstörungen sind schwer zu therapieren, weil die Betroffenen wie jetzt bei Ehec sehr schnell wieder in alte Muster abgleiten", so die Erfahrung des Psychologen Kasten. "Sie müssen ein Leben lang aufpassen." Tatsächlich sei das Angstniveau bei diesen Menschen von Geburt an höher als bei anderen. "Sie wollen die Angst mit ihren Ritualen bändigen, eine ganz verständliche Reaktion."

"Wer ist hier eigentlich verrückt?"

Über die Ursachen ihres "Morbus Monk" hat sich Sperling viele Gedanken gemacht. Nein, es habe keinen konkreten Auslöser, kein traumatisches Erlebnis gegeben. Sie sei früher auch nicht öfter krank gewesen als andere Kinder. Dennoch habe sie Darminfekte immer als etwas existentiell Bedrohliches empfunden. Dann kam die Cholera-Erkrankung im Marokko-Urlaub. Es folgte ein Noro-Virus, mit dem sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Seitdem berührt Sperling ihr Essen nicht mehr mit den Fingern, meidet öffentliche Toiletten.

"Ich habe wesentlich weniger soziale Kontakte als andere Menschen", sagt Sperling. Sie sei viel in virtuellen Netzwerken unterwegs, die "Präsenz von realen Personen" bereite ihr Probleme: "Je mehr Menschen in einem Raum versammelt sind und je enger es wird, desto nervöser werde ich. Und wenn ich 20 Hände schütteln muss, suche ich sofort nach einem Waschbecken."

Kein Wunder, dass Sperling lieber zu Hause bleibt. Doch auch dort lauern Gefahren. Manchmal kämen Mütter mit kranken Kindern vorbei, "da habe ich Mühe, ruhig zu bleiben". Die sabberten dann das Spielzeug voll, genau wie die Kinder in den mit Büchern und Teddys vollgestopften Kinderarztpraxen. "Wenn ich sehe, wie die Kleinen da über den schmutzigen Fußboden robben und überall reinbeißen, frag ich mich, wer hier eigentlich verrückt ist."

Ob es denn normal sei, dass die Hälfte der Bevölkerung weiterhin Gurken und Salat verzehre, obwohl davor gewarnt werde? Was sie am meisten an Ehec verstöre, sei die potentielle Lebensgefahr, aber auch die vielen ungeklärten Fragen, die damit einhergingen. "Jetzt sollen es die Sprossen gewesen sein. Und das war es nun?"

Sperling mag nicht daran glauben: "Die Politik war unter öffentlichem Druck und musste ein Kaninchen aus dem Hut zaubern. Ich glaube nicht, dass die Sprossen die einzige Bakterien-Quelle waren." Wer bestimme denn überhaupt, wann die Epidemie zu Ende sei? Wenn keiner mehr neu erkranke? Wenn die Medien aufhörten, darüber zu berichten? "Für mich ist es noch lange nicht vorbei."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 45 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was
calido46 14.06.2011
für mich allerdings nur schwer nachvollziehbar ist, daß ich nach Marokko in Urlaub fahre, wenn ich einen Darmkeim als eine "existenzielle Bedrohung" ansehe. Schließlich ist es dort einfacher, sich einen Keim einzufangen (nicht immer hygienische Essenszubereitung, nicht abgekochtes Wasser,andere Hygienestandarts, u.ä.)
2. .
Trondesson 14.06.2011
Zitat von calido46für mich allerdings nur schwer nachvollziehbar ist, daß ich nach Marokko in Urlaub fahre, wenn ich einen Darmkeim als eine "existenzielle Bedrohung" ansehe. Schließlich ist es dort einfacher, sich einen Keim einzufangen (nicht immer hygienische Essenszubereitung, nicht abgekochtes Wasser,andere Hygienestandarts, u.ä.)
Stimmt. Und wie man liest, war der Urlaub mit der Cholera-Infektion ja auch von Erfolg gekrönt. Ob jemand etwas daraus lernt? Ich schätze nicht.
3. x
mmueller60 14.06.2011
Zitat von calido46für mich allerdings nur schwer nachvollziehbar ist, daß ich nach Marokko in Urlaub fahre, wenn ich einen Darmkeim als eine "existenzielle Bedrohung" ansehe. Schließlich ist es dort einfacher, sich einen Keim einzufangen (nicht immer hygienische Essenszubereitung, nicht abgekochtes Wasser,andere Hygienestandarts, u.ä.)
Das fand wohl in ihrer Kindheit statt bzw. vor Ausbruch ihrer Zwangsneurose, so habe ich das jedenfalls verstanden.
4. Auslöser
hellcamper 14.06.2011
Ja sehe ich auch so, das das wohl einer der Auslöser dieser Störung war. Ich finde es allerdings immer wieder sehr befremdlich wenn erwachsene Menschen sich von ihren Gefühlen leiten lassen und logische Argumente ignoriere. Habe noch nie so gehandelt.
5.
inci 14.06.2011
Zitat von calido46für mich allerdings nur schwer nachvollziehbar ist, daß ich nach Marokko in Urlaub fahre, wenn ich einen Darmkeim als eine "existenzielle Bedrohung" ansehe. Schließlich ist es dort einfacher, sich einen Keim einzufangen (nicht immer hygienische Essenszubereitung, nicht abgekochtes Wasser,andere Hygienestandarts, u.ä.)
ist genau so glaubwürdig, wie die elektrosensiblen, die schon schäden erleiden, wenn sie nur einen handymast sehen, auch wenn der noch gar nicht in betrieb ist.
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