Fabrikarbeiter in Bangladesch "Manchmal sterben wir eben absichtlich"

Als in Bangladesch ein Fabrikgebäude einstürzt und mehrere tausend Menschen unter sich begräbt, verfolgt Filmemacher Shaheen Dill-Riaz die Katastrophe aus dem fernen Berlin. Er hält es nicht aus, steigt in ein Flugzeug und fliegt in sein Herkunftsland. Für SPIEGEL ONLINE beschreibt er seine Erlebnisse.

AP/dpa

"Ja, ich bin es. Aber keine Sorge, bin noch am Leben", sagt die Näherin Kutti am anderen Ende der Leitung. "Schön, dass du dich mal wieder meldest. Wenn die Textilfabrik nicht eingestürzt wäre, hättest du wahrscheinlich nicht angerufen."

Über den Einsturz des Fabrikgebäudes am 24. April, bei dem mehr als tausend Menschen ums Leben kamen, sagt sie: "Vielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, wenn ich auch in dieser Fabrik gewesen wäre. Die Regierung zahlt 700.000 Taka (etwa 7000 Euro) an jede Familie der Todesopfer. Die ausländischen Firmen zahlen auch noch was dazu. Mein Tod hätte meinem Mann eine Existenzgrundlage geschaffen. Unsere zwei Kinder hätten eine sichere Zukunft gehabt. Und du hättest vielleicht einen zweiten Film drehen können, der dir bestimmt viele Preise gebracht hätte."

Kutti lacht nach ihrem letzten Satz. Als würde sie mich in diesem Augenblick sehen und sich über meinen Gesichtsausdruck amüsieren.

Fotostrecke

7  Bilder
Situation der Arbeiter in Bangladesch: Der Unsicherheit ausgeliefert
Kutti ist eine der drei Protagonisten, die ich 2003 in meinem Film "Die glücklichsten Menschen der Welt" porträtiert hatte. Sie arbeitete damals in einer Textilfabrik in Dhaka, so wie die 3000 Frauen in den fünf Textilfabriken in dem eingestürzten Hochhaus in Savar. Alle fünf Fabriken befanden sich in dem großen "Rana Plaza"-Gebäude, wo die Näherinnen in Räumen zwischen der dritten und der achten Etage dichtgedrängt Kleidung für überwiegend westliche Unternehmen produzierten.

"Die haben nicht mal eine Leiter"

Ich war in Berlin, als die Rettungsarbeiten in Savar liefen, dem kleinen Vorort der Hauptstadt Dhaka. Wie gelähmt saß ich vor dem Rechner und betrachtete die Videoclips, Fotos und Kommentare meiner Freunde, von Fotografen und Journalisten auf Facebook und Twitter.

Ein Fotograf schrieb: "Scheiß auf die Bilder. Hier wird jede Hand benötigt. Wir brauchen dringend Blutspender!" Die Fotografen waren unter den ersten, die von Dhaka kommend in Savar eintrafen.

Ich spürte die Verzweiflung der Menschen aus den Textnachrichten, die sie mit ihren Mobiltelefonen ins Netz schickten.

"Wie kommen wir durch das Betondach? Mit Hämmern wird das ja ewig dauern!", postete einer aus Savar.

"Holt Presslufthämmer, Betonsägen", antwortete jemand aus Finnland.

"Wo kriegen wir das denn her?", wollte der Junge aus Savar wissen.

"So was muss die Feuerwehr doch haben, verdammt noch mal!", kommentierte ein anderer aus Südafrika.

"Hat sie aber nicht! Die haben nicht mal eine Leiter, mit der man auf das Dach kommt!"

"Mein Gott, es dauert ewig, bis die Verletzten da raus sind. Sie werden verbluten!", schrieb jemand vom Unglücksort.

"Nimm eine dicke Stoffrolle aus einer der umliegenden Fabriken und mach eine Rutsche aus dem Stoff. Lass dann die Verletzten runterrutschen", riet jemand aus irgendeinem Ort dieser Welt.

Es fühlte sich an, als ob Menschen nebenan um Hilfe schrien. Das Gefühl war so real, dass ich es nicht mehr aushielt und am nächsten Tag im Flieger saß.

Provokation, Schreien, Stille

Als ich vor dem Unglücksort stand, sah ich nur den Betonhaufen, das zerschmetterte Gebäude. Es war heiß und schwül. Der Geruch verwesender Leichen füllte die Luft, es fiel schwer zu atmen. Mittlerweile waren die Rettungsarbeiten offiziell eingestellt. Mit schweren Maschinen wurde jetzt aufgeräumt.

Der 40-jährige Shahedul war immer noch da. Er war einer der freiwilligen Helfer, die tagelang Überlebende aus den Trümmern gezogen hatten. Sie durften die Unglücksstelle nun nicht mehr betreten.

"So so, die Bengalen aus dem Ausland kommen erst, wenn alles vorbei ist", sagte er. "Sie kriegen ja nicht mal mehr die richtigen Bilder!" Ohne auf seine Provokation einzugehen, fragte ich ihn: "Glauben Sie, dass man noch Überlebende findet?"

Shahedul antwortete mit ruhiger Stimme: "Die Menschen da unten wurden schon zu ihren Lebzeiten wie der letzte Dreck behandelt. Warum sollte das jetzt anders sein? Wenn sie tot sind, gelten sie erst recht als Müll, der entsorgt werden muss."

Babul, ein junger Mann Mitte 20, mischte sich ein: "Die Regierung sollte wenigstens versuchen, die Suchaktion noch ein paar Tage weiter laufen zu lassen. Es gab ja das Angebot der Engländer und der Uno. Die hätten bessere Technik und erfahrene Rettungskräfte kostenlos zur Verfügung gestellt. Aber die Regierung hat abgelehnt. Warum?"

"Weil sie zu spät kommen!", schrie Shahedul. Plötzlich herrschte Stille. Er sah Babul lange an, dann wendete er seinen Blick mir zu. Nach einer Pause fuhr er fort: "Wie wäre es, wenn die Engländer ihre Firmen an die Leine nehmen, damit die Subunternehmer hier die Arbeiter gar nicht erst in diese Todesfallen schicken können. Wie wäre es, wenn sie versuchen würden, die Arbeiter zu retten, bevor das Gebäude einstürzt?"

Shahedul holte tief Luft. Er näherte sich meinem Gesicht und sagte: "Ich wünsche mir, dass sie noch mehr Leichen in den Trümmern finden! Ich wünsche mir, dass noch mehr Bilder von Toten in europäischen Zeitungen gedruckt werden und über die Fernseher flimmern! Bis die Leute dort kapieren, was eigentlich los ist."

Schwierige Identifizierung

Nahe der Unglücksstelle warteten auf einem Schulgelände Hunderte von Menschen auf die Leichen ihrer Mütter und Väter, Töchter und Söhne. Sie alle hatten Fotos dabei von ihren vermissten Angehörigen. Ein Kleintransporter fuhr vor. Er brachte eine neue Fuhre Leichen, die dann auf dem kahlen Boden der Schule aufgereiht wurden. Die Menge stürzte sich darauf, aber die Gesichter waren meistens nicht mehr erkennbar. Manchmal halfen die mitgebrachten Fotos bei der Identifizierung.

Ruhul Amin, ein etwa 60-jähriger Mann, wollte seine Tochter Fatema anhand eines Kleidungsstücks wiedererkannt haben. Aber dann stellte sich heraus, dass die Leiche der jungen Frau schon von anderen Hinterbliebenen als jemand anderes identifiziert worden war. Solche Fälle gab es oft. Ohne Ausweis, den die meisten Opfer ohnehin nicht dabei hatten, ist die Identität schwer nachzuweisen.

In Jurain, einem Nachbarort, wurden Gräber vorbereitet. Dort sollen die unbekannten Opfer begraben werden. Die Zahl der Toten ist bereits auf mehr als tausend gestiegen. Niemand weiß, wie viele Leichen in den kommenden Tagen noch aus den Trümmern geborgen werden.

Ich wollte unbedingt bei diesen Menschen sein. Aber als ich da war, hatte ich das Gefühl, dass ich eigentlich viel zu spät kam.

Ende vergangener Woche bin ich wieder in Deutschland gelandet. Mich erreichte die Nachricht, dass in Dhaka erneut in einer Textilfabrik ein Feuer ausgebrochen ist. Acht Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Und eine gute Nachricht: In Savar hat man eine lebende Frau in den Trümmern gefunden, nahezu unverletzt.

Die Fabrikbesitzer in Bangladesch behaupten immer, dass die Sicherheitsstandards in diesen Fabriken hoch seien. Warum aber gibt es dann so viele Unfälle? Warum sterben immer wieder Menschen?

Bei dem Dreh zu meinem Film "Eisenfresser" habe ich einmal einem Werftarbeiter dieselbe Frage gestellt. Seine Antwort brachte mich schnell zum Schweigen: "Manchmal sterben wir eben absichtlich, damit ihr merkt, dass wir hier noch leben. Sonst wärt ihr ja nie gekommen und hättet nie gesehen, wie wir eigentlich leben."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joachim_m. 14.05.2013
1. Tödlicher Neoliberalismus
Schlimm, und Shahedul hat vollkommen Recht, wenn er sagt: "Wie wäre es, wenn die Engländer ihre Firmen an die Leine nehmen, damit die Subunternehmer hier die Arbeiter gar nicht erst in diese Todesfallen schicken können. Wie wäre es, wenn sie versuchen würden, die Arbeiter zu retten, bevor das Gebäude einstürzt?" Gemordet, und ja, ich nenne es Mord, Mord durch Unterlassen, hat dort nicht nur ein einheimischer Subunternehmer, nicht nur eine einheimische Regierung, die solche Zustände zulässt, gemordet haben vor allem europäische Geschäftemacher, die den Hals nicht vollkriegen können und eher über Leichen gehen, als darauf zu verzichten, noch 5 Cent mehr an einem T-Shirt, einer Hose oder was auch immer zu verdienen. Und auch, wenn sich die einheimische Regierung und der Subunternehmer mitschuldig gemacht haben, sie können bis zu einem bestimmten Grad gar nicht anders, denn wenn sie ensprechende Bauvorschriften erlassen und einhalten würden, dann würde das Geld kosten, Geld, das verdient werden muss und letztlich den Preis der Produkte erhöht - mit der Folge, dass dann, wenn sie es machen würden, die Menschen in Bangladesh auch diese unwürdige und zuweilen tödliche Arbeit verlieren würden, weil die Verbrecher in Europa und Amerika sich dann eben eine anderes Land suchen würden, wo sie ihre mörderische Preispolitik durchsetzen könnten. Mörder, allesamt, und die Mörder sind hier in Europa unter uns und nur wir Europäer können sie daran hindern, dass sie ihre blutigen Geschäfte weiterbetreiben. Wann fangen wir endlich damit an; der erste Schritt wäre eine Abwahl der Politiker, die diese Mörder gewähren lassen: Merkel, Rösler, aber auch Steinbrück und Trittin und nicht nur die genannten, sondern alle in allen EU-Ländern, Cameron, Hollande, wenn der nicht bald in die Pötte kommt (er ist noch nicht so lange im Amt, deshalb sei ihm noch eine kurze Schonfrist zugestanden) und und und. Und es muss endlich klar und immer wieder ausgesprochen werden: Die neoliberalistische Ideologie ist mörderisch und sie hat jetzt auch diesen Menschen in Bangla Desh umgebracht; manchmal braucht es keine Gulags, es reicht, sich die Menschen für ein Butterbrot totarbeiten zu lassen, Menschen, die gezwungen sind, das zu machen, weil sie sonst nicht einmal ein Butterbrot hätten. Und es braucht keine KGB-Schergen, um Menschen umzubringen, es reicht, sie vor die Wahl zu stellen, entweder zu völlig inakzeptablen und mörderischen Bedingungen zu arbeiten oder zu verhungern; und genau das machen die neoliberalen Mordbuben im Verein mit geldgierigen Raffhälsen.
heyho 28.05.2013
2. Sehr bewegend
Es gelingt dem Bericht sowohl die dramatische Lage der Opfer vor Ort als auch die Wut und Verzweiflung der Helfer und Menschen aus aller Welt dem fernen Leser intensiv spüren zu lassen. Danke!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.