Fahrt unter Alkohol Bischöfin Käßmann droht hohe Geldstrafe

Schwer angetrunken fuhr die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann in Hannover über eine rote Ampel - und wurde von der Polizei gestoppt. Der Bischöfin drohen jetzt eine hohe Geldstrafe und der Verlust des Führerscheins. Ihren Rücktritt fordert bisher jedoch niemand.

Von und Simone Utler


Hannover/Hamburg - Es war kein gutes Wochenende für Margot Käßmann: Gegen 23 Uhr war die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) am Samstag mit ihrem Dienstwagen im Zentrum von Hannover unterwegs. Sie fuhr nicht schneller als erlaubt, überquerte aber mit dem VW Phaeton in der Nähe des Rathauses eine rote Ampel und wurde kurz darauf von der Polizei angehalten.

Wie die "Bild"-Zeitung am Dienstag berichtete, rochen die Beamten im Inneren des Wagens Alkohol und führten daraufhin einen Atemtest durch. Die Bischöfin wurde anschließend auf die Wache gebracht und musste eine Blutprobe abgeben.

Oberstaatsanwalt Jürgen Lendeckel aus Hannover erklärte am Dienstag, dass die Laboruntersuchung einen Wert von 1,54 Promille ergeben habe. "Der Promillewert von 1,1 ist ein Schwellenwert. Alles, was darüber liegt, bedeutet eine absolute Fahruntüchtigkeit und wird strafrechtlich verfolgt", sagte er SPIEGEL ONLINE. Jetzt läuft ein Ermittlungsverfahren gegen Käßmann.

1,3 Liter Bier oder 0,6 Liter Wein

"Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe", sagte die oberste Repräsentantin der evangelischen Christen in Deutschland der "Bild"-Zeitung. Den rechtlichen Konsequenzen werde sie sich selbstverständlich stellen.

Der Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Johannes Neukirch, erklärte, Käßmann sei privat unterwegs gewesen. Grundsätzlich könne die Bischöfin für Termine einen Fahrer anfordern, doch der habe "auch irgendwann mal Feierabend". Darüber, wieviel Käßmann getrunken habe, gebe es keine Informationen.

Der Alkoholgehalt des Blutes ist unter anderem abhängig vom Gewicht und vom Geschlecht. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat eine grobe Formel veröffentlicht. Eine Frau, die 55 Kilogramm wiegt und 1,54 Promille Alkohol im Blut hat, müsste demnach 51 Gramm Alkohol getrunken haben. Das entspricht rund 1,3 Litern Bier oder 0,6 Litern Wein.

"Sehr kooperativ"

Für den Straftatbestand der Trunkenheit am Steuer ist laut Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehalts vorgesehen. Käßmanns Führerschein sei vorläufig beschlagnahmt worden, sagte Lendeckel - offenbar mit dem Einverständnis der Bischöfin. "Frau Käßmann hat sich bisher sehr kooperativ verhalten und auf einen Widerspruch gegen die Beschlagnahme verzichtet." Zwischen zehn Monaten und einem Jahr könne die Fahrerlaubnis einbehalten werden.

Das Überfahren der roten Ampel stellt laut Lendeckel eine Ordnungswidrigkeit dar. "In diesem Fall tritt diese aber hinter die Straftat zurück", sagte der Oberstaatsanwalt. Nur wenn Frau Käßmann Dritte gefährdet hätte, wäre dies anders. "Darüber wurde uns aber nichts berichtet", so Lendeckel.

Der Prozess wegen der Alkoholfahrt könne bei Ersttätern in einem schriftlichen Verfahren abgewickelt werden - in dem Fall müsste die Bischöfin nicht vor Gericht erscheinen. Ob Käßmann bei der erneuten Beantragung der Fahrerlaubnis eine medizinisch-psychologische Untersuchung - den sogenannten "Idiotentest" - absolvieren muss, entscheidet die Führerscheinstelle. In vergleichbaren Fällen werden außerdem sieben Punkte im Flensburger Verkehrszentralregister verzeichnet.

Käßmann sagt alle Termine ab

Die EKD-Vorsitzende äußerte sich bisher nicht weiter zu dem Vorfall, hat aber sämtliche Termine in den kommenden Tagen abgesagt. Die Bischöfin wurde am Dienstag in Osnabrück zum Jubiläum der evangelischen Fachschulen und am Abend in Hildesheim im Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst erwartet.

Viele Gläubige fragen sich nun, wie es zu dem Fehltritt der EKD-Vorsitzenden kommen konnte. Noch 2007 hatte Käßmann in einem Interview mit dem TÜV-Nord "mangelndes Verantwortungsbewusstsein" von Autofahrern kritisiert, "insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind".

Auf die Frage von Achim Achilles, worauf sie in der Fastenzeit verzichte, sagte sie vor knapp einem Jahr SPIEGEL ONLINE: "Ich verzichte auf Alkohol." Dies falle ihr mitunter schwer: "Ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann."

Ob das Alkoholvergehen der Bischöfin Konsequenzen für ihr Amt als höchste Repräsentantin der rund 25 Millionen Protestanten nach sich ziehen werde, werde beraten, erklärte ein Sprecher der EKD. Die Bischöfin erledige ihre Arbeit derzeit wie gewohnt. Sollte sich daran etwas ändern, werde man darüber informieren, sagte Landeskirchensprecher Neukirch. EKD-Sprecher Mawick erklärte, ihm sei bislang nichts über etwaige Rücktrittsforderungen gegen Käßmann bekannt.

"Die menschliche Seite berücksichtigen"

Die Reaktionen aus den eigenen Reihen fielen bislang überwiegend moderat aus. Sogar als Hardliner bekannte Vertreter der evangelischen Kirche zeigen Verständnis und stärken Käßmann den Rücken.

"Man muss die menschliche Seite sehr stark berücksichtigen", sagte Helmut Matthies, Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur Idea. "Auf der Ratsvorsitzenden lastet unglaublich viel Verantwortung." Gerade solchen Menschen gegenüber müsse man barmherzig sein, sagte Matthies SPIEGEL ONLINE. Er schätze Frau Käßmann und ahne, was ihr Amt mit sich bringe.

"Falls es kein prinzipielles Alkoholproblem sein sollte - und davon gehe ich aus - dann ist dies kein Grund für einen Rücktritt", so der Idea-Chefredakteur weiter. Natürlich könne man sich fragen, wieso die Ratsvorsitzende kein Taxi genommen habe - aber sie habe sich entschuldigt und gezeigt, wie unangenehm ihr die ganze Sache sei. "Wenn wir erwarten, dass jeder wegen solcher Sachen zurückträte - wer wäre dann noch in Amt und Würden?"

Als Theologe sieht Matthies in dem Vorfall sogar eine Chance: "Wenn Frau Käßmann jetzt mit dem Fehler gut umgeht, könnte das ein besseres Vorbild sein, als ein Rücktritt - der hilft niemandem." Die Ratsvorsitzende müsse jetzt ganz offen sein - sich also zu dem Fehler bekennen und ein Zeichen setzen, beispielsweise einer entsprechenden Organisation eine Spende zukommen lassen.

Der ehemalige Bischof des Sprengels Holstein-Lübeck in der Nordelbischen Evangelischen Kirche, Ulrich Wilckens, betont die besondere Funktion Käßmanns. "Wenn man ein Amt innehat, in dem man Verantwortung für andere trägt, muss man sich deutlich an das Recht halten", sagte er SPIEGEL ONLINE. Man sei verpflichtet, die Bedeutung des Amts in der Öffentlichkeit stets kritisch vor Augen zu haben. Dennoch zeigt Wilckens auch Verständnis: "Kein Mensch ist ohne Fehler."

Nach seiner Ansicht ist es wichtig, dass die Bischöfin nun handelt: "Wenn man sich eines Verstoßes schuldig weiß, muss man selbst entsprechend reagieren." Aber: "Ich kann nicht sagen, sie soll zurücktreten", sagt Wilckens. Zum einen sei er dazu nicht bestellt, zum anderen wisse er nichts über die näheren Umstände.

"Käßmanns Glaubwürdigkeit und die Autorität des Amtes beschädigt"

Auch der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer nahm die EKD-Ratsvorsitzende in Schutz. "Das ist ein Blackout, der leider immer wieder Leuten passiert, die in öffentlichen Ämtern unter Dauerstress stehen", sagte er der "Leipziger Volkszeitung". Gleichwohl sei die Alkoholfahrt eine Verfehlung, die nicht einfach zu rechtfertigen sei.

Kritik kam dagegen vom Vorsitzenden der konservativen Protestanten, dem Hamburger Pfarrer Ulrich Rüß: "Käßmanns Glaubwürdigkeit und die Autorität des Amtes sind beschädigt, die Kirche im Ganzen hat Schaden genommen. Das weiß Frau Käßmann, und das weiß auch der Rat der EKD", sagte der Leiter der Konferenz Bekennender Gemeinschaften. Mitgefühl sei eher angesagt als Häme und Richtgeist. "Frau Käßmann weiß um die Verantwortung in ihrem Amt und wird aus ihrem Gewissen heraus die Konsequenzen ziehen."

Käßmann war Ende Oktober als erste Frau an die Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt worden. Sie löste den Berliner Bischof Wolfgang Huber ab, der aus Altersgründen ausgeschieden war. Käßmanns bisherige Amtszeit war bestimmt von der Kontroverse um ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. "Nichts ist gut in Afghanistan", hatte die Bischöfin in ihrer Neujahrspredigt gesagt, und damit viel Protest, auch aber Unterstützung erfahren.

ala/siu/dpa/apn



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 337 Beiträge
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Seite 1
m. m 23.02.2010
1. .
Zitat von sysopSchwer angetrunken fuhr die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann in Hannover über eine rote Ampel - und wurde von der Polizei gestoppt. Der Bischöfin drohen jetzt eine hohe Geldstrafe und der Verlust des Führerscheins. Ihren Rücktritt fordert bisher jedoch niemand. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679762,00.html
NOCH ein Forum zu diesem Thema. Meine Güte, legen Sie doch besser gleich Steine bereit!
Haio Forler 23.02.2010
2. .
Zitat von sysopSchwer angetrunken fuhr die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann in Hannover über eine rote Ampel - und wurde von der Polizei gestoppt. Der Bischöfin drohen jetzt eine hohe Geldstrafe und der Verlust des Führerscheins. Ihren Rücktritt fordert bisher jedoch niemand. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679762,00.html
Passiert halt. Am besten, wenn Sie jetzt locker bleibt, keine Rechtfertigungen und Ausreden: am liebsten wäre mir: "Wissen se was: ich war gestern richtig einen zischen!" Hätte das Friedman auch so getan und nicht so biblisch-pathetisch dumm geschwafelt: "Ja, ich habe gefehlt"(1), wäre mir bei ihm nicht so schlecht geworden. (1) Das hat er als erwachsener Mensch gesagt ...
Heinzrüdiger, 23.02.2010
3. Hicks...
...da bestand wohl Nachholbedarf http://www.spiegel.de/sport/achilles/0,1518,613327,00.html
newright 23.02.2010
4. niemand
Da steht doch niemand ^^
Sarsabil 23.02.2010
5. Vorbilder
Zitat von sysopSchwer angetrunken fuhr die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann in Hannover über eine rote Ampel - und wurde von der Polizei gestoppt. Der Bischöfin drohen jetzt eine hohe Geldstrafe und der Verlust des Führerscheins. Ihren Rücktritt fordert bisher jedoch niemand. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679762,00.html
...was ist denn mit den Geistlichen bloß los? Wie viel Entschuldigung kann denn eine Gesellschaft vertragen, bis sie alle Werte VORBILDLICH verliert?
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