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Fall Strauss-Kahn: Die Wahrheit kommt wohl nie ans Licht

Von Barbara Dickmann

Es steht Aussage gegen Aussage: Sie beschuldigt ihn der sexuellen Gewalt, er streitet alles ab. In Fällen wie Strauss-Kahn oder Kachelmann setzen die Anwälte alles daran, die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu zerstören - der Wahrheitsfindung dient das nicht immer.

Strauss-Kahn feiert: Französische Ballons, italienisches Essen Fotos
REUTERS

Der Paukenschlag dröhnte weltweit durch die Agenturen: "Dominique Strauss-Kahn wieder auf freiem Fuß." Dieselben New Yorker Staatsanwälte, die den einst mächtigsten Finanzmanager der Welt mit gnadenloser Härte vom Thron gestoßen hatten, sie verkündeten nicht einmal einen Monat später: alles zurück auf Null und noch einmal von vorne. Plötzlich seien massivste Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers, dem Zimmermädchen des Hotel Sofitel aufgekommen. Die Frau hatte den Gast der Luxussuite beschuldigt, sie zum oralen Sex gezwungen zu haben.

Die Höhenunterschiede zwischen den vernichtenden Attacken bei der Erhebung der Anklage und den jetzigen kleinlauten Bemerkungen könnte größer nicht sein. Von der verheerenden Achterbahnfahrt der Gefühle bei Familie Strauß-Kahn ganz zu schweigen.

Ein anderer Protagonist im juristischen "Spiel" ist zweifelsohne der deutsche Wettermoderator Jörg Kachelmann. Er ist nicht ganz so prominent, nicht annähernd so wichtig, aber in der Sache verlief sein Alptraum ganz ähnlich. Ein Déjà-vu auf kleinerer Flamme. Die Fälle sind aber durchaus vergleichbar.

Schon kursieren Verschwörungstheorien

Beide Männer werden von Frauen beschuldigt, ihnen sexuelle Gewalt angetan zu haben. Beide beteuern ihre Unschuld, beide werden mit spektakulärem Getöse festgenommen und medial gefressen. Heute spaziert Dominique Strauss-Kahn wieder ungehindert durch New York und Jörg Kachelmann durch die idyllische Schweizer Landschaft.

Jetzt richten sich alle Augen auf die Frauen, denen die Ermittler in Amerika und Deutschland "mangelnde Glaubwürdigkeit" bescheinigen. Das New Yorker Zimmermädchen soll in Drogendeals und Geldwäsche verstrickt sein. Eine Menge Dollar auf verschiedenen Konten, verteilt in mehreren Bundesstaaten, haben die Fahnder bei ihr angeblich gefunden. Gelogen habe die ursprünglich aus Guinea stammende Einwanderin auch bei ihrem einstigen Asylverfahren.

Da wurde ganze Arbeit geleistet. Am Ende der schmutzigen Geschichte wird aus dem einstigen Opfer vielleicht sogar eine "Täterin", die den mächtigen Manager reingelegt haben könnte. Schon kursieren Verschwörungstheorien vom armen Mädchen, das im Planspiel der politischen Kräfte "gekauft" worden sei. Sogar vom phönixhaften Aufstieg des zuvor Geächteten in die Hall of Fame der Weltpolitiker ist schon wieder die Rede. Das Tempo dieses Wandels verschlägt einem den Atem.

Aber da war doch noch was? Fest steht doch, dass Spermaspuren von Strauss-Kahn auf der Kleidung und im Hotelzimmer gefunden wurden. Auch Kratzspuren im Intimbereich der jungen Frau sind aktenkundig. Hat nicht auch der prominente Hotelgast in höchster Bedrängnis zugegeben, mit dem Zimmermädchen Sex gehabt zu haben - "freiwilligen" Sex?

Die Ermittler sind auf Indizien angewiesen

"Freiwilligen" Sex mit seiner Ex-Lebensgefährtin - so behauptet Jörg Kachelmann jedenfalls - habe auch er in jener Nacht gehabt, in der die Trennung dieser Beziehung vollzogen werden sollte. Zeugen gibt es auch hier nicht. Wie bei fast allen angezeigten Vergewaltigungsdelikten, steht Aussage gegen Aussage.

Um Licht in das Geschehen zu bringen, sind Polizei, Spurensucher und Staatsanwälte auf Indizien angewiesen. Im Fall Kachelmann waren diese Spuren auch da. Ärzte stellten typische Druckverletzungen an den Beinen des mutmaßlichen Opfers fest. Eine sichtbare Spur am Hals sprach für die Aussage der jungen Frau, dass sie von ihrem Ex-Geliebten mit einem Messer bedroht worden sei.

Diese Indizien zerpflückte das Heer der Gutachter, meist gegen die Frau, nur geringfügig für sie. Eine ekelhafte Detailschlacht begleitete diesen Prozess, geführt von teuersten Anwälten, die ihre juristische Raffinesse wieder einmal unter Beweis stellen durften. Am Ende stand der Freispruch für Jörg Kachelmann, zwar nur "mangels Beweisen", aber darüber wird bald viel Gras gewachsen sein.

Dominique Strauss-Kahn ist noch nicht so weit. Noch ermitteln die New Yorker Ankläger. Aber die Staatsanwaltschaft ist inzwischen in die Ecke gedrängt. Zu unglaubwürdig die junge Frau, die Dominique Strauss-Kahn belastet. Spuren hin oder her.

Tiefer Eingriff in die Psyche der Betroffenen

Zwei Menschen, allein mit sich und einem Konflikt, der, wenn er denn angezeigt wird, gierig von der Öffentlichkeit aufgesaugt wird. Es ist immer die Frau, die dann im Fokus steht. Sie ist in der juristischen Auseinandersetzung der Dreh und Angelpunkt für die Verteidigung. Nur durch ihre Demontage ist eine mögliche Verurteilung der Täter abzuwenden. Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren - ihre Schwäche bedeutet wachsende Stärke für den beschuldigten Mann.

Jeder halbwegs gute Verteidiger wird auf diese Strategie setzen. Es geht letztlich nicht darum, ob der Vorwurf der Vergewaltigung zu Recht erhoben wird, es geht in den meisten dieser Prozesse darum, mit Taktik, Mutmaßungen, detektivischer Wühlarbeit im Leben der Frau allgemeine Verunsicherung zu schaffen. Sowohl in der öffentlichen Meinung als letztlich auch bei Gericht.

Dem Angeklagten muss das Gericht seine Schuld nachweisen. Eine fast unlösbare Aufgabe, wenn Aussage gegen Aussage ein Geschehen beschreibt, bei dem niemand dabei war. Die Beweisführung ist dann ein tiefer öffentlicher Eingriff in die Persönlichkeit, in die Psyche der betroffenen Menschen.

Doch meist sind die Frauen die Verlierer. Werden die Angeklagten frei gesprochen, und sei es auch "aus Mangel an Beweisen", zeigt man mit Fingern auf die Frau. Falsche Anschuldigungen aber sind in der Statistik mit nur rund drei Prozent die absolute Ausnahme. Diese Thesen sind eher dazu geeignet, die Luft über den Stammtischen zu erhitzen.

Die meisten Opfer weichen einer Anzeige aus

Ein katastrophales Signal, das von diesen beiden Fällen für die Frauen schließlich ausgeht. Laut Statistik werden rund 9000 Vergewaltigungen jährlich angezeigt. Die Dunkelziffer bewegt sich im zehnfachen Bereich. Meist finden diese Verbrechen im heimischen Umfeld der Mädchen und Frauen statt. In einem Klima der männlichen Dominanz und der Einschüchterung. Nicht einmal ein Bruchteil der gepeinigten Opfer zeigt die Täter an. Zu groß ist die Angst vor dem, was dann kommt: Öffentliche Ächtung, demütigende Verhöre und die Bloßstellung des eigenen Lebens, mit all den vielen kleinen und großen Geheimnissen, das Trauma des Prozesses und die quälende Frage, wie es danach weitergehen soll. Die meisten Opfer weichen deshalb einer Anzeige aus, leiden still - oft ein Leben lang.

Und wieder einmal fühlen sie sich durch die beiden prominenten Fälle Strauss-Kahn und Kachelmann bestätigt. Unabhängig von der Wahrheit, die vermutlich in beiden Fällen niemals herauskommen wird. Nur wenn die Öffentlichkeit hinter den Frauen steht, die den Mut haben, ihre Vergewaltigung anzuzeigen, ihnen Solidarität vermittelt, wird sich das Umfeld zu Gunsten der Frauen verändern.

Es sind zwar die spektakulären Fälle, die richtige oder falsche Signale aussenden. Aber das Leid findet immer noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 550 Beiträge
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1. Aber Vorverurteilungen und Häme...
g. heim 02.07.2011
..., wie SPON sie rund um DSK gesponnen hat, dienen der Wahrheitsfindung immer. Auf's falsche Pferd gesetzt, wie so oft in letzter Zeit... G. Heim
2. Ist das nicht politisch...
KingChalid II 02.07.2011
Zitat von sysopEs steht Aussage gegen Aussage: Sie beschuldigt ihn der sexuellen Gewalt, er streitet alles ab. In Fällen wie Strauss-Kahn oder Kachelmann setzen die Anwälte alles daran, die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu zerstören - der Wahrheitsfindung dient das nicht immer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771984,00.html
...unkorrekt (wenn auch indirekt) nun gegen den positiven Verlauf des Verfahrens für Strauss-Kahn (oder Struus-Kahn wie man nun wohl ps. korrekt sagt) zu polemisieren wo er doch Sozialist ist? Ich halte davon nichts!!!
3. Schwachsinn trallala
seine-et-marnais 02.07.2011
Zitat von sysopEs steht Aussage gegen Aussage: Sie beschuldigt ihn der sexuellen Gewalt, er streitet alles ab. In Fällen wie Strauss-Kahn oder Kachelmann setzen die Anwälte alles daran, die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu zerstören - der Wahrheitsfindung dient das nicht immer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771984,00.html
Hier werden wirklich Aepfel mit Birnen und sogar Pferdeaepfeln durcheinandergeworfen. Man kann den Fall Kachelmann (von mir aus Beziehungsdrama) nicht mit dem Fall Strauss-Kahn (wohl irgendwo zwischen Quickie, Prostitution und Erpressung) vergleichen. Man kann nicht so mir nichts dir nichts das deutsche und amerikanische Rechtssystem vergleichen.
4. .
Sueme 02.07.2011
Frau Dickmann hat wohl irgendwie nicht begriffen das sowohl das Telefonat mit dem Haftling als auch die diversen Konten von der STAATSANWALTSCHAFT gefunden wurden. Nicht der Anwalt des Beschuldigten versucht da dem vermeintlichen Opfer etwas anzudichten, sondern die Ankläger selber haben inzwischen Bedenken bei ihrer Hauptzeugin. Und was den Fall Kachelmann angeht, schön das so ein "Standard"Arzt ja zweifelsfrei in der Lage ist genau zusagen durch welche Handlung die Hämatome entstanden sind. Wieviel Erfahrung wird der damit wohl haben irgendwo zwischen "habe ich mal von gehört" bis zu 1-2 mal auf dem Tisch gehabt. Ich glaube Gutachter die sich täglich mit so etwas beschäftigen haben da sicherlich eher den Durchblick. In einem hat Frau Dickmann allerdings recht, eine Katastrophe ist es alle mal wenn Frauen Rache oder Geldgier auf dem Rücken wirklicher Opfer austragen wollen.
5. Die Frage muß heißen ...
Christian Krippenstapel 02.07.2011
Zitat von sysopEs steht Aussage gegen Aussage: Sie beschuldigt ihn der sexuellen Gewalt, er streitet alles ab. In Fällen wie Strauss-Kahn oder Kachelmann setzen die Anwälte alles daran, die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu zerstören - der Wahrheitsfindung dient das nicht immer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771984,00.html
... wie gehen wir mit dieser begrenzten Erkenntnisfähigkeit um? Indem wir die Beschuldigungen gegen Männer erstmal als wahr annehmen und die Beschuldigten mit Sanktionen überziehen, die gar nicht wieder gutzumachen sind, wenn sich die Beschuldigung als unhaltbar herausstellt, werden wir einer gerechten Lösung des Problems jedenfalls nicht näher kommen.
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Zur Person
DPA
Barbara Dickmann, Jahrgang 1942, war die erste Moderatorin der ARD-"Tagesthemen". 1989 ging sie zum ZDF und arbeitete als Redakteurin für die Sendung "ML Mona Lisa", von 2003 bis 2008 als Redaktionsleiterin.

Fotostrecke
Dominique Strauss-Kahn: Ende des Hausarrests

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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