Fall Susanna F. Ein Mord als Argument

Ein Mädchen wird getötet. Doch darum geht es vielen längst nicht mehr. In Mainz und Wiesbaden lässt sich beobachten, was passiert, wenn ein Mord politisiert wird.

Gedenken in Wiesbaden
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Die Gedenkstätte für Susanna ist am Rande von Wiesbaden, in einem Gewerbegebiet. Fotos der toten 14-Jährigen liegen dort, Engelsfiguren, Grablichter. Und Botschaften: "Opfer der Toleranz", steht auf einem großen weißen Laken. "Die alleinige Verantwortung für deinen Tod trägt Angela Merkel", hat jemand auf einen Zettel geschrieben.

Susanna ist tot. Doch darum geht es vielen längst nicht mehr.

Die 14-Jährige wurde in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai umgebracht. Ali B., ein Flüchtling aus dem Irak, hat gestanden, das Mädchen getötet zu haben. Eine Vergewaltigung leugnet er.

Seit der Flucht der Familie in den Irak und der raschen Rückführung von B. nach Deutschland ist der Fall eingegangen in die politische Debatte. Die AfD provozierte im Bundestag mit einer Schweigeminute, Linke und Rechte demonstrierten in Mainz. Der Mordfall ist ein Argument geworden. Geeignet, den Gegner zu attackieren.

Der Eingang zu Susannas Wohnhaus gleicht einer Trauerhalle. Auch hier, vor dem Hochhaus im Mainzer Stadtviertel Lerchenberg, ist die Anteilnahme sichtbar. Die Grablichter stehen bis ins Treppenhaus, der Weg zum Aufzug ist mit Sträußen gesäumt.

Der Lebensgefährte von Susannas Mutter macht die Wohnungstür auf, müde und unrasiert. Es tue ihm leid, aber er wolle nichts sagen. Dann macht er freundlich die Tür zu.

Eine Ahnung dessen, was in ihm vorgeht, bietet sein Facebookprofil. Vor Susannas Verschwinden veröffentlichte er Fußballclips und Videos von sizilianischen Stränden. Jetzt teilt er ein Video der AfD-Fraktionschefin Alice Weidel, die Merkels Rücktritt fordert. Oder Bilder, die Angela Merkel zeigen, mit blutenden Händen, eine Kugel im Bauch. Die Wut, so sieht es aus, hat auch ihn erfasst.

Gegenüber dem Wohnblocks von Susannas Familie betreibt die Familie von Carolyn Genz ein Hotel. Ihre Großmutter hat es gegründet, eines Tages wird die 29-Jährige es übernehmen.

Kinder spenden ihr Taschengeld

Carolyn Genz
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Carolyn Genz

Genz kannte die Familie, Susannas Mutter kam regelmäßig ins Hotel, da es dort auch einen Postschalter gibt. Als Susannas Tod bekannt wurde, wollte Genz helfen. Sie wollte Spenden sammeln, für die Beerdigung. Genz stellte eine rotes Sparschwein auf den Tresen der Rezeption, verteilte Zettel im Viertel. Kinder kamen vorbei, warfen ihr Taschengeld hinein.

Auch eine Onlinespende startete Genz und verbreitete die Aktion bei Facebook. Mehr als 10.000 Euro sind im Netz zusammengekommen, im Sparschwein landeten etwa 3000 Euro. "Die Anteilnahme ist riesig", sagt Genz. Die Familie sei dankbar, doch die Mutter habe gesagt: "Das bringt mir meine Tochter auch nicht wieder."

Zu 95 Prozent sei das Feedback positiv, sagt Genz. Doch da ist auch dieser andere Teil. Menschen, die ihr schreiben, dass Angela Merkel die Beerdigung bezahlen müsste. Oder dass Susannas Tod nur inszeniert sei, von der AfD, um die Kanzlerin zu stürzen. "Immer wird alles politisiert", sagt Genz. Nachrichten wie diese seien lähmend.

Beerdigung in Mainz

Jüdischer Friedhof in Mainz
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Jüdischer Friedhof in Mainz

Mehr als eine Stunde lang strömen die Trauernden am Dienstagvormittag durch die Pforte des Jüdischen Friedhofs in Mainz. Am Ende werden es mehr als hundert sein, sie nehmen Platz in der Trauerhalle, auf Stühlen mit rotem Bezug, vor Susannas Sarg aus hellem Holz. Die Polizei sichert das Gelände ab. Beamte stehen an der Friedhofspforte, bewachen die Straßen rund um den Friedhof.

Elf Kilometer Luftlinie entfernt kniet Orhan Soganci vor Susannas Gedenkstätte, im Gewerbegebiet Wiesbadens. Er hat einen grünen Handschuh an, sammelt verwelkte Rosen, erloschene Grablichter, durchgeweichte Zettel auf. "Ich will, dass es hier ordentlich aussieht", sagt er.

Soganci führt das Taxiunternehmen nebenan. Jeden Tag, sagt er, komme er her und mache sauber. "Das ging mir nah", sagt Soganci. Dann setzt er zu einer Tirade über den mutmaßlichen Täter Ali B. an. Doch dessen Nationalität interessiere ihn nicht. Wäre B. abgeschoben worden, dann wäre das nicht passiert - was sagt er zu diesem Argument? Soganci entgegnet: "Und was ist mit den ganzen Pädophilen? Die können wir auch nicht abschieben."

In der Zeitung habe er heute über den Fall aus Staufen gelesen, wo ein Junge von der eigenen Mutter für Vergewaltigungen verkauft worden sei, jahrelang. "Das waren Deutsche", sagt er.

Das passiert, wenn man Verbrechen politisiert: Schändlichkeiten werden miteinander verglichen, gegeneinander aufgewogen. Und am Ende steht eine vergiftete Diskussion.

Von der Gedenkstätte im Gewerbegebiet zu der Stelle, wo ein Polizist Susanna fand, braucht man 15 Minuten zu Fuß. Ihr Körper lag vergraben neben Bahngleisen. Auf der Brücke darüber ist auch eine kleine Gedenkstätte. Da liegt kein Zettel, niemand hat den Namen Angela Merkel irgendwo hingeschrieben. Nur frische Rosen hat jemand hinterlassen, am Tag von Susannas Beerdigung. Und ein Grablicht.

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