Syrer zum Familiennachzug "Man bangt, hofft, wird enttäuscht - und irgendwann auch wütend"

Familiennachzug - kaum ein Thema ist in der deutschen Asylpolitik so umstritten. Für die Betroffenen wie den Syrer Khaled Alheso ist das kaum zu ertragen. Letzter Ausweg für ihn war private Hilfe.

Syrische Flüchtlinge (Archiv)
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Syrische Flüchtlinge (Archiv)

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Verschachtelte Dächer, darüber der weite Himmel - Khaled Alheso genießt den Ausblick auf seinem Balkon im sechsten Stock in Berlin-Kreuzberg. Sein Lieblingsplatz. Er erinnert ihn an Syrien, denn da hatte er eine ähnliche Sicht. Der 29-Jährige lächelt. "Mein Körper ist hier, aber mit dem Kopf bin ich immer dort."

2011 musste Alheso seine Mutter und seine Schwestern, 14 Jahre alt, Zwillinge, eine davon geistig behindert, in Syrien zurücklassen. Über Jahre hatte er nur per Handy Kontakt zu seiner Familie. Um es sich gegenseitig leichter zu machen, fielen die Gespräche nicht gerade ehrlich aus. Er sei in Sicherheit, esse und schlafe gut. Das, sagt der 29-Jährige, habe er seiner Mutter stets versichert. Alles bestens. Seine Mutter wiederum habe ihm dasselbe gesagt - vergebens.

Khaled Alheso
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Khaled Alheso

"Ich habe in all den Jahren keine Nacht richtig geschlafen, weil ich solche Angst um meine Familie hatte", sagt Alheso. Er fühlte sich verantwortlich. "Ich bin der älteste Sohn, mein Vater ist gestorben. Ich habe immer gedacht: Wenn meiner Mutter etwas zustößt, sind die Kinder verloren, und ich kann von hier aus nichts tun."

Dass er die Geschichte jetzt ausgeruhter erzählen kann, hat er privaten Helfern zu verdanken: Anfang April holten sie Alhesos Mutter und die Schwestern nach Deutschland. Hinter dem 29-Jährigen liegen Monate der Verzweiflung. Während in der Politik über den Familiennachzug für subsidiär Schutzbedürftige gestritten wurde, fürchtete er um das Leben seiner Mutter und Schwestern. Seine Geschichte zeigt, welche Ängste und Schicksale hinter den Paragrafen stecken.

Familiennachzug für subsidiär Schutzbedürftige
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    Anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte haben das Recht auf Familiennachzug. Das heißt, sie dürfen Ehepartner, minderjährige Kinder oder die Eltern Minderjähriger nach Deutschland nachholen. Im Frühjahr 2016 setzte die Große Koalition den Nachzug für subsidiär Schutzberechtigte für zwei Jahre aus - diese Frist endete am 16. März 2018. Im Januar einigten sich Union und SPD darauf, diese Frist bis zum 31. Juli zu verlängern. Im Koalitionsvertrag vereinbarten sie, dass subsidiär Schutzberechtigte ab dem 1. August 2018 wieder die Möglichkeit auf den Nachzug ihrer Kernfamilie haben, dieser aber auf 1000 Personen pro Monat begrenzt wird.

    Betroffen sind in erster Linie Flüchtlinge aus Syrien. Während ihnen bis Anfang 2016 noch der volle Flüchtlingsschutz zugesprochen wurde, erhalten sie seit Frühjahr 2016 in 50 Prozent der Fälle nur noch den subsidiären Schutz und können daher bisher ihre Partner, Kinder oder Eltern nicht mehr nachholen.

Nach Streitigkeiten innerhalb der Großen Koalition über das Recht auf Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte wurde nun ein Kompromiss gefunden, den das Kabinett an diesem Mittwoch beschlossen hat.

Für Alheso bedeutete das politische Ringen: Das Datum, auf das er alle Hoffnung setzte, verschob sich immer wieder nach hinten. "Man bangt, hofft, wird enttäuscht und ist irgendwann verzweifelt und auch wütend", sagt Alheso. Er schüttelt den Kopf. Er kann nicht verstehen, warum Menschen den Ernst der Lage nicht erkennen.

Aus Syrien hatten ihn grausige Geschichten erreicht: In einigen Städten würden Kinder auf dem Schulweg entführt. Kidnapper versuchten, Lösegeld zu erpressen und verkauften die Organe der Kinder, wenn die Eltern nicht zahlen. Alheso hält diese Geschichten für glaubwürdig. "Die Menschen versuchen zu überleben. Einige schrecken dabei offenbar vor nichts zurück", sagt er.

Seinen Heimatort in Syrien will er nicht nennen. Obwohl es in seiner Stadt keine Bombenangriffe gebe, sei das Leben dort gefährlich und von Gesetzlosigkeit geprägt.

"Ich bin nicht hier, weil ich ein besseres Leben wollte, sondern weil ich nicht in Syrien bleiben konnte", sagt er. Als die Proteste gegen Syriens Machthaber Bashar al-Assad losgingen, sei er eines Tages plötzlich frühmorgens von der Polizei abgeholt und verhaftet worden - grundlos, wie er sagt. Drei Monate sei er im Gefängnis gewesen und erst gegen ein Bestechungsgeld freigekommen. Man habe ihn gewarnt, dass er jederzeit wieder eingesperrt werden könnte. Deshalb habe er sich zur Flucht entschlossen.

Zunächst ging er für drei Jahre in die Türkei, schuftete dort zwölf Stunden pro Tag als Möbelpacker, für einen Monatslohn von 400 Euro, wie er sagt. "Das war kein Leben." Er wollte mit seinem Bruder nach Europa. Aber Flüge seien in letzter Minute gescheitert, weil sie vom Schleuser keine passenden Papiere bekommen hätten. Deshalb fuhr Alheso in einem klapprigen Boot über das Mittelmeer.

Bootsflüchtlinge auf einem Holzboot im Mittelmeer (Symbolbild)
DPA

Bootsflüchtlinge auf einem Holzboot im Mittelmeer (Symbolbild)

"Elfmal ging nach knapp zwanzig Minuten der Motor kaputt, und wir sind mit den Händen zurück an die Küste gepaddelt", sagt er. Erst im zwölften Anlauf kam er nach Griechenland, dann ging es zu Fuß weiter. Dass sich seine Mutter und die Mädchen auf ähnlichen Wegen nach Europa durchschlagen, war nie eine Option.

Vor anderthalb Jahren kam Alheso in Berlin an, sein Bruder folgte etwas später. Per Internet brachte Khaled Alheso sich ziemlich gut Deutsch bei. Inzwischen besucht er einen Sprachkurs, macht den Führerschein und eine Ausbildung zum Installateur, hat einen Minijob als Putzkraft. Sich qualifizieren, Geld verdienen - er richtet alles darauf aus, für seine Familie sorgen zu können, unabhängig von deutschen Behörden. Die viele Arbeit half ihm außerdem, die Unsicherheit zu ertragen: "Man braucht ein Ziel, sonst geht man kaputt."

Die Sorgen um seine Mutter und die Schwestern hatten Alheso zuletzt oft eingeholt. "Mein Chef hat neulich bei der Arbeit gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Zum Glück hatte er Verständnis." Alheso glaubt, dass Flüchtlinge, die von ihren Kindern getrennt seien, noch mehr leiden. Sein Schwager etwa kenne die anderthalbjährige Tochter nur von Videos. "Wenn seine Familie nicht bald herkommen darf, will er zu ihr zurückgehen."

Nach ARD-Recherchen verlassen syrische Flüchtlinge offenbar in zunehmender Zahl die Bundesrepublik in Richtung Türkei - als Grund nannten sie dem Bericht zufolge die erschwerte Familienzusammenführung.

Al-Saffahiyah in Aleppo am 22. April 2018
AFP

Al-Saffahiyah in Aleppo am 22. April 2018

Die schlimme Lage in Syrien einerseits, die Begrenzung des Familiennachzugs andererseits - es sind nicht nur betroffene Flüchtlinge, die das schwer aushalten können. Einige Deutsche wollen nicht länger tatenlos zusehen und haben in Berlin den Verein "Flüchtlingspaten Syrien e.V." gegründet.

Die Idee: Privatleute springen da ein, wo die Politik ihrer Ansicht nach versagt. Sie bürgen dafür, dass der Lebensunterhalt von Angehörigen syrischer Flüchtlinge in Deutschland für die nächsten fünf Jahre gedeckt ist. Die Kosten trägt der Verein aus Spenden. "Wir wollen möglichst viele Menschen retten", sagt Katrin Albrecht, die Geschäftsführerin. "Wir sehen die Hilfe als moralische Verpflichtung."

Die Einreise über den Verein bleibt allerdings ein Nadelöhr. Bisher seien rund 200 Syrer über diesen Weg nach Deutschland gekommen - so wie Khaled Alhesos Familie. Anfang April durften die Mutter und Zwillinge nach Berlin reisen. Legal und sicher, im Flugzeug.

"Seitdem fühlt sich mein ganzes Leben anders an", sagt er und setzt Kaffee auf. Wenig später kommt seine Familie vom Einkaufen zurück. Sie sitzt im Wohnzimmer, dicht nebeneinander. "Jetzt bin ich glücklich", sagt die Mutter und drückt ihren Sohn. Khaled Alheso weiß: Das ist die halbe Wahrheit. Die Sorge um ihre älteste Tochter gehe seiner Mutter nicht aus dem Kopf. Die wartet mit zwei kleinen Kindern in Syrien darauf, dass sich Deutschland erbarmt und sie einreisen lässt.

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