Familienstreit um Kindererziehung Oma weiß es immer besser

Großeltern können junge Familien enorm unterstützen, aber oft läuft es nicht so glatt. Mal wollen Oma und Opa es ganz anders als Mama und Papa, mal ziehen sie sich ganz zurück. Geschichte einer nicht ganz einfachen Beziehung.

Großmutter mit Kleinkind
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Großmutter mit Kleinkind

Von Tanja Dückers


Wenn ihre Mutter zu Besuch kommt, ist Pia Neuenthal* immer angespannt. Seitdem die 42-jährige Berlinerin vor sechs Jahren eine Tochter bekommen hat, ist das Verhältnis zu ihrer Mutter schlechter geworden. Die Oma will ihre Enkelin ständig sehen, steht oft einfach vor der Tür.

Pia Neuenthal hat den Eindruck: Ihre Mutter nimmt keine Großmutterrolle ein, sondern versucht, die bessere Mutter zu sein.

"Am liebsten möchte sie entscheiden, auf welche Schule Greta geht, welches Musikinstrument sie lernt und was sie in den Ferien macht", sagt Neuenthal. "Dass sie Gretas ersten Schritt gesehen hat, während ich auf einer Dienstreise war, hat sie mir immer wieder unter die Nase gerieben." Pia Neuenthal leidet unter den mütterlichen Maßregelungen und versteht die neue Konkurrenzsituation nicht.

Viele Eltern setzen auf die Unterstützung ihrer eigenen Eltern - in einer Zeit, in der oftmals Mann und Frau berufstätig sind und Kitaplätze Mangelware, kann die Konstellation viel zum Familienfrieden beitragen.

Doch längst nicht immer läuft es so glatt wie erhofft: In der Eltern-Kind-Gruppe von Pia Neuenthal wird genauso oft über Probleme mit Eltern und Schwiegereltern gesprochen wie über Probleme mit Babys und Kleinkindern.

Die Geburt von Kindern markiert nicht nur für frisch gebackene Eltern einen neuen Lebensabschnitt, sondern auch für die Großeltern. "Das Beziehungsgefüge verschiebt sich", sagt Martina Halfmann, Diplom-Kleinkindpädagogin, die seit mehr als 20 Jahren Familienpflegerinnen ausbildet.

Die Großeltern müssen sich überlegen, wie sie sich in die neue Familienstruktur einbringen wollen. Die Eltern wiederum müssen klar formulieren, was sie sich von ihren Eltern und Schwiegereltern wünschen.

Sabrina Nonn* wünschte sich Entlastung, bekam sie aber kaum. Die alleinerziehende Mutter hatte nach der Geburt ihrer Zwillinge fest damit gerechnet, dass sich ihre Eltern auch etwas um die beiden quirligen Jungs kümmern würden. Aber ihre Mutter und ihr Vater erklärten ihr, dass sie selber vier Kinder aufgezogen hätten und jetzt endlich mehr Zeit für sich haben möchten. Die Flugtickets für eine vierwöchige Südafrika-Rundreise seien schon gebucht. Die Jungs mal ein Wochenende zu sich nehmen? Das käme nicht infrage. "Das ist uns einfach zu anstrengend", sagten sie zur Enttäuschung von Sabrina Nonn.

Die Ansprüche sind gestiegen

Das Beispiel zeigt, dass der innerfamiliäre Konflikt auch andersherum entstehen kann. Noch nie war eine Generation von Großeltern körperlich so fit, belastbar und finanziell so gut aufgestellt wie heute. Und konnte eine Großmutter in früheren Zeiten schnell mal an die 20 Enkel haben, gibt es heute nicht selten nur noch einen einzigen Nachfahren - eigentlich ideale Voraussetzungen, um Betreuungshilfe zu leisten.

Bei den Großeltern sind aber auch die Ansprüche an Selbstverwirklichung und Autonomie gestiegen - gerade bei der Generation der Alt-68er. Zwei Drittel aller Frauen und Männer über 70 fühlen sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA zehn bis 20 Jahre jünger, als sie sind. Pläne wie "ein neues Hobby ausüben", "eine Fremdsprache lernen" oder "Reisen" stehen ganz oben auf der Wunschliste der junggebliebenen Senioren.

Die Vorstellung der lieben Omi, die im Hintergrund Socken strickt, und des Opis, der am Sonntag mit dem Enkel angeln geht, ist fest in den Köpfen verankert - und hat doch wenig mit den selbstbewussten, agilen jungen "Alten" von heute zu tun. Diese wollen nicht nur Zeit für sich selbst und neue Abenteuer haben, sondern auch mit ihren Enkeln ganz andere Dinge aktiv erleben als Generationen von Großeltern vor ihnen.

Das Konfliktpotenzial ist groß, doch bislang bekommt die Beziehung zwischen Eltern und ihren Eltern im öffentlichen Diskurs sowie in der pädagogischen Fachliteratur wenig Aufmerksamkeit. Die üblichen "Großeltern-Ratgeber" sind vom Tenor betulich. Sie enthalten Rezepte zum Plätzchenbacken oder Schlaflieder zum Vorsingen und eignen sich nur als Geschenkbücher.

"Ist das nicht zu heiß?"

Wie sehr das Thema viele Eltern und Großeltern bewegt, zeigt sich in Onlineforen zu pädagogischen Themen. Konflikte entstehen auch aus unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen heraus: Da schimpfen Großeltern über unverständliche Ernährungsstile, fragen sich, warum Kinder jetzt so oft im Tragetuch getragen werden ("Ist das nicht zu heiß?"), halten kindliche Allergien oder ADHS für Unsinn und diagnostizierte Entwicklungsstörungen für Einbildung.

Eine Zeitlang galt Stillen als prekär und war verpönt - dann wurde Muttermilch wieder hip. Schreien lassen, damit sich die Lunge kräftigt - das tut heute niemand mehr. Früher lagen zwischen zwei Generationen oft nicht mehr als 18 bis 25 Jahre, heute sind es meist 30 bis 40 Jahre. Manche Großeltern besuchten noch Schulen, in denen Schläge keine Seltenheit waren - erst 1976 schaffte Baden-Württemberg als letztes Bundesland die Prügelstrafe ab. Heute wird ein kleiner Klaps auf dem Spielplatz mitunter schwer geahndet.

Während es früher vornehmlich zwei Erziehungsstile gab, autoritär und antiautoritär, gibt es heute eine Vielzahl an pädagogischen Richtungen. Großeltern müssen nicht selten erleben, dass ihr Rat nicht mehr zählt. So halten ihre Kinder den Umgang mit den Enkeln - Großvaters Rauchen im Wohnzimmer oder Omas legerer Umgang mit Süßigkeiten - für fahrlässig.

Tanja Sahib, Therapeutin in einem Berliner Familienzentrum, hat zudem festgestellt, dass frisch gebackene Eltern oft ihre eigene Kindheit in einem anderen Licht sehen. Plötzlich richten Söhne und Töchter Fragen an ihre Eltern: "Wie konntest du mich damals nur mit sechs Wochen in die Krippe geben?" Oder: "Warum handhabst du jetzt vieles so anders als früher mit mir?"

Kein drittes Eis hinter dem Rücken der Eltern!

Sahib hat nicht nur Paare in Behandlung, es kommen auch Mütter und Großmütter gemeinsam zu ihr. Sie stellt fest, dass sich heute viel mehr Großeltern für eine "bewusste Großelternschaft" entscheiden, aber oft in ihrem Überschwang nicht wissen, "worauf sich ihre Großelternrolle beschränkt".

Kleinkindpädagogin Halfmann glaubt, dass einige Konflikte darauf zurückzuführen sind, dass heute viele Eltern ihre Schwiegereltern erst sehr spät kennenlernen. Und Patchwork-Konstellationen, wie es sie früher seltener gab, müssen manche Großeltern erst mal verkraften: Nach Trennungen der Eltern bekommen sie die Enkel kaum noch zu sehen; oder sie müssen von heute auf morgen mit neuen "sozialen Enkeln" umgehen, für die sie sich bitte ab sofort ins Zeug legen sollen.

In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft gäbe es in Bezug auf Rollenbilder und Aufgaben innerhalb der Familie keine selbstverständliche Übereinkunft mehr, sagt Halfmann.

Hilfreich, meist unumgänglich, ist nach Meinung der Expertinnen das direkte Ansprechen kontroverser Themen, mit Verständnis für die Position des anderen. Auch das Einhalten getroffener Absprachen sei entscheidend: kein drittes und viertes Eis hinter dem Rücken der Eltern!

Doch bei allem Konfliktpotenzial, stellt Tanja Sahib klar, sei der intergenerationelle Umgang für alle Seiten eine große Bereicherung. "Er sollte nicht aus Angst vor Konflikten gemieden werden." Die poesiealbumhafte Verklärung der Großeltern helfe jedoch niemandem, klärende Gespräche seien oft vonnöten.

So hat Pia Neuenthal nun mit ihrer Mutter ausgehandelt, dass diese vorher anruft und nicht einfach vor der Tür steht. Ihre Mutter hat sich damit abgefunden, dass Greta ab dem Herbst die staatliche Grundschule besuchen wird und nicht die von ihr favorisierte Waldorfschule. Sie wird einmal die Woche mit Greta in einen Töpferkurs gehen.

Und Sabrina Nonns Eltern sind doch noch mit den Enkelsöhnen in einen Kurzurlaub gefahren: ein Wochenende Paddeln im Spreewald, bei dem auch sie auf ihre Kosten kamen.

*Name geändert

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