Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Erzbischof Koch zur Familiensynode in Rom: "Kirche fängt mit der Ehe an"

Ein Interview von

Abendmahl für Geschiedene, Ehe-Sakrament für homosexuelle Paare: Wie offen ist die katholische Kirche für Reformen, die sich so viele Gläubige wünschen? Fragen an den Berliner Erzbischof Koch.

Familiensynode in Rom: "Differenzieren ,  ohne zu diskriminieren" Zur Großansicht
AP

Familiensynode in Rom: "Differenzieren, ohne zu diskriminieren"

Am Wochenende reist der Berliner Erzbischof Heiner Koch nach Rom. Drei Wochen lang soll dort auf der Weltbischofssynode über die Rolle der Familie in der katholischen Kirche und der Welt gesprochen - und gerungen - werden.

Die Liste der Themen ist lang. Dauerbrenner wie die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zum Abendmahl oder der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren stehen auf der Agenda. Aber auch Bioethik, Genderfragen oder "die Angst junger Menschen vor der Ehe" werden in dem Arbeitspapier Instrumentum laboris umrissen.

Neu ist, dass Laien auf der Synode über ihre "Familienerfahrung" berichten werden, auch ein deutsches Paar ist geladen. Als Fortschritt werden schon im Vorfeld des Treffens verbesserte Arbeitsmethoden, mehr Partizipation und eine veränderte Debattenkultur gefeiert - Dinge, die in der säkularen Welt selbstverständlich sind, in der Kirche ein Novum, das klar auf den veränderten Führungsstil des Papstes zurückgeht. Er ließ 2013 einen Fragebogen zur Sexualethik an die Laien schicken - herauskam, was jeder ahnte: Vor allem in Deutschland, Westeuropa und den USA ist die Diskrepanz zwischen kirchlicher Doktrin und Lebenswirklichkeit der Gläubigen riesig.

Vom 4. bis 25. Oktober werden 298 Synodenväter zu der Vielzahl der Themen Positionen erarbeiten, die dann in einem Schlussdokument zusammengefasst und als Empfehlung dem Papst übergeben werden. Traditionalisten beklagen schon jetzt bei der Zusammensetzung der Teilnehmer ein "erdrückendes Übergewicht" der Liberalen um den emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper.

Berlins Erzbischof Heiner Koch meidet ideologische Flügelkämpfe und will sich nicht von politischen Fraktionen innerhalb seiner Kirche instrumentalisieren lassen. "Die Abgrenzung von Konservativen und Liberalen funktioniert in einer Weltkirche nicht", sagt er.

Zur Person
  • DPA
    Heiner Koch wurde 1954 in Düsseldorf geboren, 1980 zum Priester und 2006 zum Bischof geweiht. Zunächst arbeitete er im Erzbistum Köln. Im Januar 2013 ging er ins Bistum Dresden-Meißen. 2014 wurde Koch von der Deutschen Bischofskonferenz zum Vorsitzenden der Kommission für Ehe und Familie berufen. Im Juni 2015 wechselte er nach Berlin, wo er die Nachfolge von Kardinal Rainer Maria Woelki antrat.
SPIEGEL ONLINE: Herr Koch, was erwarten Sie von der Familiensynode in Rom?

Heiner Koch: Ich erwarte einen positiven und begeisternden Austausch über die Familie. Wir sprechen im Vorfeld viel über das Scheitern und die Probleme in Familien. Ich erwarte ehrliche Gespräche, in denen jeder seine kulturelle und religiöse Prägung einbringen kann. Ich hoffe, dass unterschiedliche Positionen offen und kontrovers diskutiert und nicht einfach vom Blatt abgelesen werden. Ich möchte, dass wir einander zuhören, und auch wahrnehmen, was zwischen den Zeilen gesagt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhärtet sind die Fronten zwischen reaktionären und liberalen Kräften in der katholischen Kirche? Könnten Machtkämpfe die Synode torpedieren?

Koch: Ich glaube, die Abgrenzung von Konservativen und Liberalen funktioniert in einer Weltkirche nicht. Ich bin unter anderem für die deutschen Gemeinden im Ausland zuständig und bei meinen vielen Reisen habe ich die Erfahrung gemacht: Ehe und Familie werden weltweit unterschiedlich bewertet. Afrikaner etwa empfinden Kritik an der Institution Familie als einen Angriff auf die eigene Identität. Die Familie trägt sie mehr als Staat und Gesellschaft, finanziell und wirtschaftlich. Sie ist entscheidend für ihre Existenz, sie macht ihr ganzes Leben aus. Ist das konservativ oder liberal? Schwer zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Die nigerianische Bischofskonferenz zum Beispiel begrüßt die strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen im Land - wenn das nicht konservativ ist. Wie kann man die unterschiedlichen nationalen Positionen auf der Synode unter einen Hut bringen?

Koch: Wir müssen klären, wo wir zusammenstehen müssen und wo regionale und kulturelle Differenzierungen möglich sind. In der theologischen Sichtweise gibt es keinen Dissens. In der Wahrnehmung der Situation unterscheiden wir uns, sind aber offen für die Argumente des jeweils anderen. In der Bewertung und bei den Konsequenzen geht es deutlich auseinander. Konsens herrscht bei der Definition von Ehe: Für Katholiken ist sie ein Sakrament, eine heilige Wirklichkeit, ein tiefer Glaubensakt. Ihre Unauflöslichkeit steht für uns fest.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie da päpstlicher als der Papst? Franziskus hat doch mit seinem Motu Proprio zur Annullierung von Ehen den Gläubigen sozusagen ein Hintertürchen geöffnet, frei nach dem Motto: Annulliert die Ehe, wenn es nicht mehr läuft, dann dürft ihr neu heiraten und weiter an den Sakramenten teilnehmen.

Koch: Das steht so nicht in seinem apostolischen Schreiben. Die Annullierung der Ehe ist keine Scheidung. Papst Franziskus möchte mit dem Motu Proprio das Verfahren der Annullierung vereinfachen und verkürzen. Dass wiederverheiratete Geschiedene nicht am Abendmahl teilnehmen dürfen hat damit also nichts zu tun. Es handelt sich dabei nicht um eine Strafmaßnahme, sondern eine theologisch stimmige Konsequenz. Nach katholischem Verständnis zerbricht mit einer Ehe nicht nur die Gemeinschaft zwischen zwei Menschen, sondern auch die mit Gott. Das Abendmahl ist aber Ausdruck dieser Gemeinschaft, da entsteht der Widerspruch.

Erzbischof Heiner Koch: "Die Ehe ist unauflöslich" Zur Großansicht
DPA

Erzbischof Heiner Koch: "Die Ehe ist unauflöslich"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben jahrelang als Seelsorger gearbeitet und wissen, wie alleingelassen sich wiederverheiratete Katholiken fühlen.

Koch: Nicht allen bedeutet die Eucharistie so viel, dass sie an dem Verbot verzweifeln. Aber es gibt Gläubige, die leiden sehr darunter, die möchten wieder zum Tisch des Herrn gehen, weil sie glauben, dass dort auch Platz für gebrochene Menschen ist. Sie fühlen sich nicht wertgeschätzt und nicht angenommen in ihrer Tragik, ihrer Schuld und ihrem Willen, zu Christus zu gehören.

SPIEGEL ONLINE: Macht Sie das nicht traurig?

Koch: Doch, absolut. Wenn einer im Grunde unseren Glauben und unser Eheverständnis teilt und nach bestem Wissen und Gewissen sein Leben geführt hat und dann scheitert, tut mir das weh. Ich weiß, dass das Leben nicht planbar ist. Solche Erfahrungen sind für mich der Hauptgrund, mich in dieser Frage zu engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet Ihre Antwort auf das Dilemma?

Koch: Die Kirche muss bei der geltenden Regelung bleiben, ich meine aber, sie kann den Bischöfen die Möglichkeit einräumen, den Einzelfall zu prüfen und dann auch anders zu entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Laut einer kircheninternen Umfrage plädieren 70 Prozent der deutschen Katholiken für eine Anerkennung und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Wie stehen Sie dazu?

Koch: Ich weiß aus Gesprächen mit Homosexuellen, dass sie sich von der Kirche nicht wertgeschätzt und diskriminiert fühlen, weil die Kirche die Segnung ihrer Beziehung verweigert. Ehe ist für uns die Beziehung von Mann und Frau auf Lebensdauer, offen für die Weitergabe des Lebens - und das kann eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft nicht sein. Was ist also mit Homosexuellen, was mit Christen, die keine Ehe eingehen wollen? Es muss uns gelingen, so zu unterscheiden, dass wir nicht damit verletzen, also differenzieren, ohne zu diskriminieren. Das klappt noch nicht immer.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Zwischenweg der kirchlichen Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren?

Koch: Ich sehe die Gefahr, dass die Segnung mit einer Eheschließung verwechselt werden kann, und das ist nicht gewollt.

SPIEGEL ONLINE: Der katholische Markenkern, der verteidigt werden muss.

Koch: Für uns ist das ein Markenkern, ja. Kirche fängt in der Familie und mit der Ehe an. Wir halten das für bedeutsam und hilfreich für den Menschen. Und wir pflegen beileibe nicht den Mythos der moralischen Perfektion - für uns gehören auch Schwäche und Scheitern mit dazu.

SPIEGEL ONLINE: Aber viele gleichgeschlechtliche Paare haben doch Kinder und geben Leben weiter?

Koch: Ich glaube, dass es gut ist, wenn ein Kind die Spannungseinheit zwischen Mann und Frau, die sich körperlich und seelisch zeigt, in Vater und Mutter erleben kann. Meiner Ansicht nach ist es auch ein Grundrecht des Kindes, seinen Vater und seine Mutter kennenzulernen. Ich würde aber nie behaupten, dass andere Familienkonstellationen für die Entwicklung des Kindes auf jeden Fall schlecht sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen liegen Ihnen auf der Synode besonders am Herzen?

Koch: Ich mache mir Sorgen um die alten Menschen in unserer Gesellschaft, um ihre Pflege, darum, wie man sie in Krankheit und im Tod begleitet. Das ist auch ein Familienthema und ein Problem, das immer größer wird. Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr. Ansonsten gilt: Wir stehen am Anfang der Synode, nicht an ihrem Ende! Ich bin lernbereit und hoffe dort Dinge zu erfahren, die ich bisher nicht wahrgenommen habe. Ich bin offen für Überraschungen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 0,44 km²

Bevölkerung: 793

Staatsoberhaupt:
Papst Franziskus

Präsident der päpstlichen Kommission und des Governatorats für den Staat der Vatikanstadt: Giuseppe Bertello

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Vatikan-Reiseseite



SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: