Gehackte Promifotos Schluss mit den Belehrungen

Sie sind eitel, sie wissen zu wenig von Datenschutz: Warum also regen sich die Promis über die Veröffentlichung ihrer Nacktbilder eigentlich so auf? So der Tenor in vielen Kommentaren nach dem Leak. Eine Gegenrede.

Jennifer Lawrence: Tiefer Griff in die Privatsphäre
Getty Images/ WireImage

Jennifer Lawrence: Tiefer Griff in die Privatsphäre

Von Sarah Bauer


Der Diebstahl der Nacktbilder von mehr als hundert Prominenten bekam im Internet einen hässlichen Titel verpasst: "The Fappening". Das Wort ist ein Mix aus "fap" - einem lautmalerischen englischen Begriff für "onanieren" - und "happening" - einem Großereignis. #fappening2014 ist seit fünf Tagen ein Hashtag auf Twitter. Und hat seinen Weg gefunden in den alltäglichen Sprachgebrauch. Eine Szene in der U-Bahn am Mittwoch: Zwei Männer - Mitte 30, Vollbart, Skinny Jeans - reden über Fappening, es geht um die Brüste von Jennifer Lawrence.

Inzwischen kann man sogar T-Shirts im Internet bestellen, mit Aufdrucken wie "The Fappening survivors" oder "Never forget! 8/31/14". Das ist das Datum, an dem sich die Nacktaufnahmen von der Plattform 4chan aus im Internet ausbreiteten.

Solcher Humor reduziert ein Verbrechen zu einem Onanier-Event im großen Stil. Und auch Reaktionen abseits dieses Buzzword haben gezeigt, wie viele Menschen noch glauben, Frauen seien selbst schuld, wenn die ganze Welt ihre nackten Körper begafft.

Schaler Nachgeschmack

Viele Medien nahmen den Fotodiebstahl zum Anlass, eine wichtige Debatte um Datensicherheit und Privatsphäre anzustoßen. Häufig schwingt - vor allen Dingen in Foren - aber auch ein anderer Ton mit: Selbst schuld! Wenn ein Promi seinen Hintern fotografiert, muss er damit rechnen, dass dieser sich im Internet verbreitet. Außerdem sollten sich die betroffenen Stars - darunter auch Kirsten Dunst, Kate Upton und Kim Kardashian - nicht so haben. Schließlich basiere ihre Karriere darauf, täglich ihre Körper vor Kameras auszustellen.

Das britische Boulevardmedium "Daily Mail" schreibt über die betroffenen Promis: Man habe schon vor dem Diebstahl so viel von deren Körpern zu sehen bekommen, "der einzige Unterschied ist jetzt doch, dass sie diesmal nicht bezahlt wurden".

Aber auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") widmet sich ("Die Heiligkeit der Scheinheiligkeit") dem Gegensatz der freiwilligen Zurschaustellung der Promis und ihrem Schock über die Nacktbilder. Über das Model Kate Upton, von dem 60 Bilder im Netz landeten, schreibt der Autor: "Wer Kate Upton nicht kennt und sie bei Google sucht, wird sie dort auf den ersten hundert Bildern ebenfalls derart dürftig bekleidet finden, dass es nicht einmal mehr Fantasie bedarf, um sich den Rest vorzustellen." Der Autor macht zwar im Anschluss einen Unterschied zwischen öffentlichem Auftritt und Verletzung der Privatsphäre. Trotzdem hat es einen Nachgeschmack: Von der hat man eh schon jedes Stück gesehen.

Das Argument, dass Prominente ohnehin großzügig ihre Körper zeigen, ist dürftig. Als habe jemand gesagt, dass Frauen, die sich überaus sexy anziehen, selbst danach gefragt hätten, dass Fremde ihnen in der Öffentlichkeit das Oberteil hochziehen. Wenn Kate Upton Lust auf eine öffentliche Debatte über ihre Brüste hätte, wäre es ihr gutes Recht, Nacktbilder von sich hochzuladen. Ganz anders sieht es aus, wenn jemand den Stars die Entscheidung abgenommen und ihren Körper zum öffentlichen Gut gemacht hat.

Die vermeintliche Schuld der Frauen

Jennifer Lawrence, die sonst alles weglächeln kann - spektakuläre Stürze bei Oscar-Verleihungen etwa - hatte für den Foto-Leak keinen Humor übrig. Einer der bärtigen Männer aus der U-Bahn verstand das nicht: "Für ihre Karriere ist's doch sicherlich gut! Die sieht doch top aus!" Der Autor des oben genannten "FAZ"-Artikels war übrigens anderer Meinung: "Jennifer Lawrence: ein Graus. Vollkommene Desillusionierung." Ob Karriere-Push oder Karriere-Killer: Wer gab den Redakteuren und Männern in der U-Bahn das Recht, über den Körper von Lawrence zu urteilen? Die Hacker haben den Frauen ein Stück ihres Privatlebens gestohlen, und alle, die die Bilder weiterhin angucken, stehlen mit.

Da ist es auch wenig angebracht, die Debatte auf die vermeintlich fehlende technische Versiertheit der Frauen zu lenken, wie in einem Beitrag der Zeitschrift "The Spectator" geschehen: Die wichtigste Lehre aus diesem Skandal sei, dass "viele Frauen in Sachen digitale Privatsphäre komplett ahnungslos" seien. Der Feminismus müsse sich jetzt der Technologie zuwenden.

Ach so! Schon wieder sind die Frauen schuld. Dabei erklärt sich die Tatsache, dass weniger Männer-Nacktbilder durch das Netz geistern, vermutlich nicht allein dadurch, dass die Herren der Sicherheit von Apple weniger vertraut haben und bessere Schutzsysteme hatten. Sondern durch die Tatsache, dass die nackten Männer kaum jemanden interessieren. Ein nackter Mann ist ein nackter Mann. Ein Bild von einer nackten Frau, das sie angreifbar macht, ist für viele ein Grund, sich daran aufzugeilen und einen Kommentar abzugeben.

Und dann ist da noch die große Frage, die über der ganzen Debatte schwebt: Warum nehmen sich Menschen überhaupt nackt auf? Für viele eine klare Sache: Eitelkeit. Entsprechende Kommentare sind von Häme durchdrungen. Sie missachten, dass Frauen nicht zwangsläufig Nacktbilder aufnehmen, um einem Mann einen Gefallen zu tun. Für viele sind sie Ausdruck, dass ihr Körper, ihre Sexualität, ihnen gehört. Sie machen Aufnahmen von sich und für sich.

Ganz sicher aber wollten die nun Betroffenen keine Zielscheibe von öffentlichen Belehrungen werden. Oder eine Fappening-Vorlage.

insgesamt 154 Beiträge
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Seite 1
Didoxion 05.09.2014
1. Verstehe ich nicht, ...
... ein nackter Mann ist ein nackter Mann, aber eine nackte Frau wird automatisch zum Objekt? Ich empfehle, Nacktheit mit Selbstbewusstsein zu tragen oder nicht fotografisch festzuhalten. Scham oder nicht Scham, das ist wohl die Frage.
tombrok 05.09.2014
2.
Daumen hoch fuer den Artikel
mac4ever2 05.09.2014
3. Apple...
trifft hier keine Schuld, die Sicherheitsmechanismen sind nicht umgangen worden. Die Prominenten hatten zu einfache Paßwörter, die erraten werden konnten. Insofern trifft sie eine gewisse Mitschuld. Aber auch ich bin der Meinung, daß die Bilder keinen was angehen, daß jeder ein Recht darauf hat, privat beliebige Bilder zu machen und daß insofern die Debatte verzerrt läuft. Eins aber verstehe ich nicht: Warum werden bei drei vergeblichen Identifizierungsversuchen nicht die Server für 10 Minuten gesperrt? Woanders ist das üblich und das würde doch Brute force-Angriffe wirkungsvoll verhindern, oder irre ich da?
Phil2302 05.09.2014
4.
Oh wow, endlich ein Kommentar, der es trifft, und das sage ich als Mann. Ich habe auch Nacktbilder von meiner Freundin, sie von mir, und ich habe mir nicht die Bilder der Stars angesehen, denn es gibt sehr viele sehr viel bessere Nacktbilder. Ich habe im eigenen Freundeskreis die Erfahrung gemacht, dass es gerade die Unerfahrenen oder Langzeitsingles sind, die nicht verstehen können, warum jemand Nacktbilder von sich hat. Alle anderen finden es ganz normal.
skyrim 05.09.2014
5. Nacktbilder in der iCloud...
zu speichern ist töricht, vor allem als sogenannter "Star". Die machen den gleichen Fehler wie damals die Pharaonen mit ihren riesigen Pyramiden. Nacktbilder weiblicher Stars sind ein begehrtes Gut. Daher sollte man diese nicht unbedingt in einem der am weitesten verbreiteten Cloud-Dienste speichern. Wie bei den Pyramiden auch, gibt es zwar Hinternisse für die Diebe, aber irgendwann sind auch diese überwunden. Insofern müssen sich die sogenannten "Stars" schon eine gewisse naivität nachsagen lassen. Zu glauben die Daten wären in der iCloud sicher, ist einfach töricht. Gerade als weiblicher Star.
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