Designer-Chic bis Größe 52: "Kleine Tricks, die viel ausmachen"

Von Anna-Lena Roth

Designerin Anja Gockel: Zum ersten Mal in übergroß Fotos
Tobias Kruse/ Ostkreuz

Seit 17 Jahren entwirft die Mainzer Designerin Anja Gockel Premium-Kollektionen, zu ihren Kunden gehören Gwyneth Paltrow und Königin Silvia von Schweden. In Berlin zeigte sie nun ihre ersten Plus-Size-Entwürfe. Ein Gespräch über Magermodels und Kunden mit dicken Geldbeuteln.

Zu dünn, ungesund, miserable Vorbildfunktion: Pünktlich zur Fashion Week wird wieder kräftig über Magermodels debattiert. Auf den Laufstegen von Lena Hoschek, von Kilian Kerner, von Marcel Ostertag, von Guido Maria Kretschmer - überall sind extrem dünne Frauen zu sehen.

Schlanksein gehört zum Job der Models, sagt Kretschmer, 48. "Ich finde, man soll nicht mager sein, aber schlank sieht bei Mädchen toll aus." Das sei wie bei einem Schaufensterfigürchen. Alle Designer würden für ihre Showkollektionen mit derselben Größe arbeiten, mit einer 36, sagt Kretschmer. "Das ist das Ding. So läuft Mode."

So muss Mode nicht immer laufen. Zum ersten Mal gibt es auf der Berliner Fashion Week eine Messe, auf der ausschließlich Plus-Size-Marken ausgestellt sind. Stephan Sonn betreut mit seiner Agentur mehrere Kunden, die Mode in Übergrößen verkaufen. Von ihnen sei der Wunsch gekommen, während der Berliner Fashion Week auszustellen, sagt Sonn. Also fragte er die bekannten Messen an, die "Premium", die "Bread & Butter", die "Panorama", die "Gallery". Und bekam überall dieselbe Antwort: Nein, danke. Passt nicht zu uns.

Also hat Sonn seine eigene Messe organisiert. 35 Aussteller zeigen nun auf 1000 Quadratmetern in Berlin-Mitte ihre Kollektionen, darunter Ulla Popken, Mona Lisa - und Anja Gockel.

Die Mainzer Designerin ist eigentlich für ihre Premium-Kollektionen bekannt. Seit 17 Jahren gibt es ihr Label, die 45-Jährige hat lange in London gearbeitet und unter anderem bei Vivienne Westwood gelernt. Zu ihren Kundinnen zählen Nadja Auermann, Marietta Slomka, Gwyneth Paltrow und Königin Silvia von Schweden.

Am Mittwochmorgen präsentierte Gockel noch im großen Fashion-Zelt am Brandenburger Tor ihre Kollektion "Frida", inspiriert von der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo. Ein paar Straßen weiter, in einer ganz anderen, völlig unglamourösen Welt, zeigt sie ihre erste Kollektion, die von Größe 42 bis 52 reicht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gockel, sie kritisieren seit Jahren den Magerwahn in der Modebranche. Warum haben Sie 17 Jahre gebraucht, um eine Plus-Size-Kollektion auf den Markt zu bringen?

Gockel: Das frage ich mich inzwischen auch. Wir haben vor einem Jahr einen Laden in Mainz aufgemacht, und dort bekommen wir von den Kunden direkt mit, wie sehr sie sich Designerkleidung in großen Konfektionsgrößen wünschen. Vorher hatten wir nur die Anfragen nach Maßanfertigungen in unserem Atelier.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht unglaubwürdig? Eine Designerin, die einerseits dünne Models im großen Fashion-Zelt laufen lässt, andererseits auf der Plus-Size-Messe um Kundschaft im Übergroßensektor buhlt?

Gockel: Ich lege Wert auf gesunde Models und will keine Hungerhaken. Wer für meine Premium-Kollektion laufen will, muss mindestens einen Hüftumfang von 92 Zentimetern haben. Außerdem mache ich in meinem Atelier seit 13 Jahren Maßanfertigung in Übergrößen - ich weiß also, wovon ich rede. Ich selbst habe Kurven, bin 1,77 Meter groß und trage Größe 40. Meine Atelierleiterin ist eine 54. Das ist extrem wertvoll für die Arbeit an den größeren Entwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit an der Premium- von der an der Übergrößen-Kollektion?

Gockel: Viele Ideen aus der Premium-Kollektion habe ich übernommen. Aber nicht alles sieht in einer 48 noch gut aus. Man muss natürlich die Proportionen anpassen. Die Tuniken sind beispielsweise 10 bis 20 Zentimeter länger. Wichtig ist auch eine andere Nahtführung, um Problemzonen zu kaschieren. Kurze Röcke werden nur mit Leggings kombiniert. Das sind kleine Tricks, die viel ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt schon ein großes Angebot an Plus-Size-Marken, dafür muss man sich nur auf dem Messegelände umsehen. Braucht es da ausgerechnet noch eine Anja-Gockel-Kollektion?

Gockel: Ich entwerfe für selbstbewusste Frauen, darunter oft Selbständige, die es zwischen ihren Meetings nicht zum Sport schaffen - und nicht für Frauen, die vorm Fernseher sitzen und Chips essen. Meine Kunden haben das Bedürfnis nach Designerkleidung, in diesem Segment gibt es jedoch kaum welche.

SPIEGEL ONLINE: Das sind auch Kundinnen, die viel Geld für Kleidung ausgeben können.

Gockel: Die Entwürfe kosten im Laden zwischen 129 und 699 Euro. Natürlich war das Finanzielle auch ein Grund, die Kollektion zu machen. Die erste Saison hat da große Hoffnung gemacht. Mir geht es darum, intelligent Nischen zu besetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihnen so viel daran liegt, dass normalgewichtige Frauen in der Modebranche akzeptiert werden - wäre es da nicht konsequent gewesen, ihre beiden Schauen zu verbinden und auch die Übergrößen-Mode im Fashion-Zelt zu zeigen, statt auf der vergleichsweise winzigen Messe?

Gockel: Ein Schritt nach dem anderen. Das sind zwei verschiedene Kollektionen und zwei verschiedene Zielgruppen. Sicher wäre es wünschenswert, das zu verbinden. Aber ich kann ja nicht die ganze Branche ändern.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Frau Gockel soll 40 tragen?
tutnet 05.07.2013
In ihrem rosafarbenen Kleid sieht das nicht so aus.
2. Falschfarben
peter-k 05.07.2013
Zitat von tutnetIn ihrem rosafarbenen Kleid sieht das nicht so aus.
Die kriegt die Krise, wenn Sie diesen Farbton rosa nennen.
3. Uebergroesse?
c2016 05.07.2013
Entschuldigung, aber wenn die Damen auf dem dritten Bild alle "Uebergroesse" haben, dann stimmt aus meiner Sicht mit der Definition etwas nicht. Und nur an geschickter Kleidung kann es nicht liegen. Die Damen haben Beine, von denen sehr viele Frauen nur traeumen koennen und die sind nicht mit Designer-Mode verhuellt. Vielleicht sind dies ja auch die Magermodels der Uebergroessen-Fraktion.
4.
pterois 05.07.2013
Zitat von c2016Entschuldigung, aber wenn die Damen auf dem dritten Bild alle "Uebergroesse" haben, dann stimmt aus meiner Sicht mit der Definition etwas nicht.
Wenn Größe 42 bereits als Übergröße zählt (s. Interview) - eine Unverschämtheit -, passt das schon... Bis auf das Model im schwarzen Mantelkleid (?) haben alle Models wohl Größe 42. Ich frage mich, wieso Frau Gockel behauptet, die beiden Kollektionen seien für unterschiedliche Zielgruppen? Schließlich suggeriert sie vorher genau das Gegenteil. Heuchelei.
5.
Atheist_Crusader 05.07.2013
Die Damen auf den Bildern sollen schon Übergrößen sein? Ich kenne viele Frauen, die für solche Maße töten würden. Was werden dann erst für Maßstäbe für normale Maße angelegt?
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