Fashion Week in Berlin Damen, Diven und düstere Grazien

Retro-Schick, italienische Verführung, surreale Outfits aus Leder: Auf den ersten großen Shows der Fashion Week in Berlin buhlen Designer um die Gunst der Publikums. Manch einer verlässt sich nicht nur auf Mode-Experimente, sondern setzt zudem auf möglichst exotische Präsentationen.

REUTERS

Von Wlada Kolosowa


Berlin - Funktionsjacken, Jeans, Schuhwerk, das für Stadttouren geeignet ist. Das ist die Mode, die für gewöhnlich unter dem Brandenburger Tor zu sehen ist. In diesen Tagen mischen sich jedoch Menschen unter die Touristen, die Klamotten tragen, die zu keiner anderen Funktion bestimmt sind, als gut auszusehen.

Ein paar hundert Meter hinter dem Brandenburger Tor steht das Zelt, in dem die großen Shows der Fashion Week stattfinden. Vor dem Eingang reiht sich die Mode-Meute in die Schlange, Fans und Fachleute klammern sich an ihre Einladungen.

Im Zelt busseln sich zwei Blondinen überschwänglich zur Begrüßung, einmal, zweimal, dreimal, noch einmal für die Kameras, und noch einmal, weil die Wasserflasche in der Hand die Aufnahme störte. Dann noch ein letztes Mal, mit ein bisschen mehr Ausschnitt.

Gefragt nach ihrem Beruf antwortet eine der beiden mit ihrem Namen. "Ja, und als was arbeiten Sie?" Die Antwort bleibt dieselbe. Namen sind alles. Vor lauter "Wer ist wer?" und "Wer trägt was?" könnte man glatt vergessen, dass es eigentlich darum geht, was die Models auf dem Laufstegen anhaben.

Ladys bei Escada, Mademoiselles bei Lena Hoschek

Bei "Escada Sport" tragen sie Rosen-Prints und Karos, Tweed und Samt. Das Label eröffnete die Modenschauen und bleibt seinem unaufgeregten, saturiertem Stil treu: klassische Schnitte, ruhige Farben. Überraschend sind nur die Gladiatorsandalen mit Pelzbesatz, die wahrscheinlich ähnlich warm halten, wie Flipflops mit Daunen-Fütterung.

Als die österreichische Designerin Lena Hoschek ihre Kollektion im Zelt vorstellt, sind vor dem Laufsteg hochtaillierte Tellerröcke und Schluppenblusen zu sehen. Die Frauen scheinen direkt aus einer Milchbar der fünfziger Jahre gekommen zu sein. Vielleicht haben die Gäste sich so angezogen, um der Designerin Tribut zu zollen, vielleicht weil die Mode dieser Jahrzehnte einfach so gut den weiblichen Kurven schmeichelt.

Auch diesmal bleibt Lena Hoschek ihrem femininen Retro-Stil treu: Sie stattet ihre Models mit Baskenmützen aus und schickt sie zu französischen Chansons auf den Laufsteg. Doch Hoscheks bunte Zeiten sind passé: Waren in der letzten Saison noch Bonbon-Farben zu sehen, tragen ihre Mademoiselles diesmal Bleistift- und Plisseeröcke in gedeckten Farben und feminine Kleider ohne viel Chi-Chi.

Mischlinge und Vollblut-Diven

Das Zusammentreffen von verschiedenen Kultur- und Stilformen ist bei "Mongrels in common" Programm. Übersetzt heißt der Name "Gemeinsamkeit: Mischling" und daran halten sich die beiden Designerinnen. Die Kreationen aus Mischfaser sind streng und sexy, elegant und lässig zugleich. Die Designerinnen halten ihre Kollektion in dunklen Monofarben, krönen sie aber mit Jacken und Blusen mit einem fotorealistischem Print einer Schwefelquelle darauf.

Ganz anders bei "Dimitri": Hier laufen Vollblutdiven über den Laufsteg. Der italienische Designer Dimitrios Panagiotopoulos beherrscht die Mode, für die sein Herkunftsland berühmt ist: glamouröse Kleider, Hosenanzüge, die wie angegossen sitzen, Stilettos und durchsichtige Blusen. Es ist Mode, wie sie russischen Oligarchen-Gattinnen gefallen könnte, aber auch selbstbewussten Karrieristinnen, die auch am Arbeitsplatz Frau sein wollen.

Das deutsch-französische Designerduo "Augustin Teboul" hält nichts von geradlinigen Laufstegen und schickt das Publikum in die Gallerie KOW, wo es sich zwischen Nebel, Waschbeton und schwarzgekleideten Models verirren darf.

Angelehnt an der griechischen Mythologie heißt die Installation "Der Pfad der Ariane". In der Legende schenkt Prinzessin Ariadne dem jungen Theseus einen Faden, damit er nicht im Labyrinth des Minotaurus verloren geht. Bei Augustin Teboul begibt sich die Künstlerin Ariana Andereggen selbst in eine als Labyrinth verstandene Installation - und verliert den Faden.

Sie irrt zwischen sechs Podesten, auf denen Models zu mystischen Grazien gefroren sind. Nur ab und an bewegen sie sich, mechanisch wie Aufziehpuppen, wenden und drehen sich, um dem Publikum ihre surrealen Outfits aus Leder, Perlen und grobmaschiger Spitze zu präsentieren, sowie ihren kunstvollen Kopfschmuck. Und Ariane irrt und irrt, und findet kein Ausweg. Wo ist der Anfang? Wo ist das Ende? Die Mode kann wunderbar verwirrend sein.



insgesamt 3 Beiträge
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pepito_sbazzeguti 19.01.2012
1. Halloween
Zitat von sysopRetro-Schick, italienische Verführung, surreale Outfits aus Leder: Auf den ersten großen Shows der Fashion Week in Berlin*buhlen Designer um die Gunst der Publikums. Manch einer verlässt sich nicht nur auf Mode-Experimente, sondern setzt zudem auf*möglichst exotische*Präsentationen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809987,00.html
Bei den Bildern 12-14 der Fotostrecke frage ich mich, ob wir schon wieder Halloween haben.
KnoKo 19.01.2012
2.
Zitat von pepito_sbazzegutiBei den Bildern 12-14 der Fotostrecke frage ich mich, ob wir schon wieder Halloween haben.
Ging mir ähnlich. Nebenbei bemerkt fand ich die Escada-Kreationen auch ziemlich übel.
giovanniluca 20.01.2012
3. Muss schöner werden, Malachowski und taz haben Recht
Zitat von sysopRetro-Schick, italienische Verführung, surreale Outfits aus Leder: Auf den ersten großen Shows der Fashion Week in Berlin*buhlen Designer um die Gunst der Publikums. Manch einer verlässt sich nicht nur auf Mode-Experimente, sondern setzt zudem auf*möglichst exotische*Präsentationen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809987,00.html
Ist ja alles schön und gut, und manches auch ganz nett anzusehen. Aber wer schon mal die Fashion Week in Mailand oder NY erlebt hat, der weiß, dort wird mehr geboten. Hier sieht alles aus wie von dort mitgebracht. Den Spiegel-Artikel letztes Jahr fande ich sehr gut. In der Taz hat Marcel Malachowski diesmal noch einen drauf gesetzt: "Weniger sexy war nie", und die ganze Fashion Weekund ihre Chefs ärgern sich drüber, freut sich Alfons Kaiser in der FAZ. Das triffts ganz gut. Man sollte solche Kritik ernstnehmen, und sich nicht beleidigt zurückziehen Ein bißcher demokratischer bitte, nicht so wie Wulff und unser Berlusconi, sondern auf Kritik sachlich antworten. Ich weiß zwar nicht, ob Berlin wirklich sexy sein kann, aber die Orientierung an großer Mode wäre schon ganz richtig un ein echter, chicer Berlin-Look, das wäre das, was fehlt. Berlin und die Mode brauchen so etwas, was die taz fordert. Im Internet meinen viele Blogger das auch. Berlin Fashion Week : Weniger sexy war nie - taz.de (http://www.taz.de/Berlin-Fashion-Week-/!85808/) Berliner Modewoche: Misston in Ton - Gesellschaft - FAZ (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/berliner-modewoche-misston-in-ton-11613606.html) Fashion Week Berlin: Am besten Kaschmir* - manager-magazin.de - Lifestyle (http://www.manager-magazin.de/lifestyle/stil/0,2828,810042,00.html)
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