Fashion Week Paris Supersize me

Die Kragen stehen hoch, die Schulternlinie fällt nach unten ab und das Gesicht wird versteckt. Klingt merkwürdig? Auf der Pariser Fashion Week experimentierten die Designer. Unter voluminösen Mänteln versteckten sie weibliche Silhouetten - und gaben einen Vorgeschmack auf die nächsten Trends.

REUTERS

Aus Paris berichtet Wlada Kolosowa


Es heißt: Attitüde ist in der Modewelt alles. Nur auf den Laufstegen der Pariser Fashion Week darf man das Gesicht verlieren. In der Herbstkollektion von Comme des Garçons wurde das Antlitz der Models hinter Strumpfmasken mit Blumendruck versteckt. Bei Alexander McQueen ist das halbe Gesicht von Sonnenbrillen bedeckt, die an die "Power Rangers" erinnern.

Das Designerduo A.F. Vandevorst hat die Köpfe ihrer Models mit Schals und Pelzen blickdicht umwickelt. Bei Maison Martin Margiela, wo verdeckte Gesichter fast Markenzeichen sind, wurden die Rollkragen bis unter die Augäpfel der Models gezogen. Oder es wurden ihnen übergroße Kragen verpasst, hinter denen man kaum das Gesicht sah. Die Kragen stehen in dieser Saison auch bei anderen Designern oben: Ann Demeulemeester verhüllt Hals und den halben Kopf mit architektonischen Konstruktionen aus Leder, Haider Ackermann wählt opulente Strickkragen.

Mehr Volumen

Die Sicht ist eingeschränkt - dafür herrscht bei der Oberbekleidung völlige Bewegungsfreiheit. In vielen Mänteln und Jacken, die bei der Pariser Fashion Week präsentiert wurden, hat nicht nur ein Mensch genug Platz, sondern mindestens zwei.

Bei Rochas gilt: Mehr ist mehr, was die Opulenz der Stoffe angeht, aber auch das Volumen. In die Mäntel von Comme des Garçons würden locker drei Menschen passen. Die taillierte Form der Oberbekleidung ist einer kastenförmigen gewichen - zu sehen zum Beispiel bei den pastellfarbenen Jacken von Chloé, oder bei Entwürfen von Nicolas Ghesquière für Balenciaga.

Die Betonung liegt auf den Schultern. Auch hier gilt: gern ein bisschen zu viel. Der Blick wird aber nicht etwa auf die Schultern gelenkt, indem sie ausgepolstert werden. Vielmehr sind die Schultern in vielen Herbstkollektionen "überschnitten", sie sind etwas zu groß geraten. Balenciaga, Stella McCartney und Chanel zeigen Jacken, Mäntel und Jackets, deren Ärmel nicht etwa an der Schulterrundung beginnen, sondern erst in der Bizepsgegend.

Außen Kasten, innen hui

Doch keine Angst - auf den Straßen werden bald nicht nur noch quadratische Neutren zu sehen sein. In den kastigen Mänteln stecken nämlich weibliche Silhouetten. Die Taille der Kleider wird mit Gürteln betont, die Hüfte, wie schon in den Frühlingskollektionen, mit Schößchen und Plissees. Der Meister der Drapierungen, Haider Ackermann, wickelte alle Modekritiker um die Finger, indem er weibliche Rundungen mir Korsettgürteln in Szene setzte und aufwendigen Schößchen, die fast wie Skulpturen anmuten. Die Frau zeigt bei Ackermann, was sie hat - und das ohne einen Quadratzentimeter zu viel Haut zu enthüllen.

Auch bei Dior besann man sich auf die klassische Sanduhrsilhouette: Eng an der Taille, unten voluminös dank üppiger Röcke aus plissierten Stoffen. Kreativdirektor Bill Gaytten entwarf nette, adrette Kleider, die von netten, adretten - und betuchten - Frauen gekauft werden.

Plissees können mehr als das: Bei dem japanischen Designer Yohji Yamamoto sahen Faltenröcke aus wie außerirdische Blüten, die beim Gehen ihre Blütenblätter wieder öffnen und schliessßen. Faltenmeister Issey Miyake zeigte, dass plissierte Materialien nicht nur Stoff für Schuluniformen sind, sondern auch der Stoff der Zukunft: Zu Beginn seiner Show demonstrierte er seine neue Technik des "Dampf Stretch". Direkt auf dem Laufsteg wurden Stoffbahnen gebügelt, die sich unter anderem in einen Faltenrock verwandelten.

Die Frau bekennt sich also dazu, Frau zu sein - und bekennt auch Farbe. "Im Zweifel trage Rot", sagte einmal der amerikanische Designer Bill Blass. Der Satz wurde zur ungeschriebenen Moderegel - schließlich sticht damit jede Frau hervor. Philosophen unter den Designern wie Hussein Chalayan und Yohji Yamamoto haben sich in ihren Kollektionen daran gehalten, wie Provokateure Mugler und Alexander McQueen und natürlich auch der Meister der roten Kleider - Valentino.

Außen undurchdringliche Trutzburg, innen feminin und elegant. Stark, aber trotzdem bereit, den Kopf zu verlieren. Und selbst in widrigen Situationen den vollen Durchblick. Ist das die Frau von morgen?

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
fizmat 08.03.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSDie Kragen stehen hoch, die Schulternlinie fällt nach unten ab und das Gesicht wird versteckt. Kling merkwürdig? Auf der Pariser Fashion Week experimentierten die Designer. Unter voluminösen Mänteln versteckten sie weibliche Silhouetten - und gaben einen Vorgeschmack auf die nächsten Trends. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,820104,00.html
Weibliche Silhouetten? Ich fürchte, was da versteckt wird unterscheidet sich nicht erheblich von Kleiderständern, oder ausgehungerten Jünglingen in der Pubertät. Silhouette kann man auch mit Schattenbild übersetzen, insofern stimmt es schon. Schlimm, diese Reklame für Magersucht.
bartholomew_simpson 08.03.2012
2. Praktisch
Zitat von sysopREUTERSDie Kragen stehen hoch, die Schulternlinie fällt nach unten ab und das Gesicht wird versteckt. Kling merkwürdig? Auf der Pariser Fashion Week experimentierten die Designer. Unter voluminösen Mänteln versteckten sie weibliche Silhouetten - und gaben einen Vorgeschmack auf die nächsten Trends. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,820104,00.html
Die voluminösen Kleidungsstücke haben ja den unbestreitbaren Vorteil, dass bei einer "Figurveränderung" oder,weniger charmant ausgedrückt, Gewichtszunahme, keine neuen Sachen mehr gekauft werden müssen;-)
Blattlaus 09.03.2012
3. Kompetenz?
Zitat von sysopREUTERSDie Kragen stehen hoch, die Schulternlinie fällt nach unten ab und das Gesicht wird versteckt. Kling merkwürdig? Auf der Pariser Fashion Week experimentierten die Designer. Unter voluminösen Mänteln versteckten sie weibliche Silhouetten - und gaben einen Vorgeschmack auf die nächsten Trends. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,820104,00.html
Habt Ihr echt niemanden mit der kompetenz von der fashion-week zu berichten? Es gibt tausende intelligente, stil-bewusste junge Frauen, und Ihr engagiert diese Bäuerin??
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