Fashiontrend Palästinensertuch "Die Damen sind ganz wild darauf"

Ob billiger China-Import oder handbestickt, knallfarben oder klassisch schwarzweiß: Das Palästinensertuch erlebt im Nahen Osten eine Renaissance als Mode-Accessoire. Jetzt wird Kritik laut: Der Trend entweihe ein Nationalsymbol, wettern nicht nur die Palästinenser.

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz


Beirut - "Und dieses Modell", sagt Verkäuferin Nicole, während sie das kostbare Stück vorsichtig entfaltet, "dieses Modell wird ganz besonders gern von Touristen aus Saudi-Arabien gekauft".

Vor Nicole liegt ein Palästinensertuch: Schlichte Baumwolle, schwarzweiß kariert - aber, als Reverenz an den Geschmack des Publikums vom Golf, mit einem Quentchen Kitsch versehen. Auf Nicoles Exemplar hat ein libanesischer Designer Herzchen sticken lassen.

Diese Verzierung hat dem Stück Stoff einen Ehrenplatz im Beiruter Edel-Kaufhaus ABC eingebracht. 200 Dollar soll die aufgepeppte "Kefije" kosten - so viel verdienen viele Libanesen in einem halben Monat. "Wenn Sie ein billigeres suchen, gehen sie zwei Straßen weiter", rät Nicole. "Da gibt es welche schon ab fünf Dollar."

Ob in Beirut oder Dubai, Kairo oder Riad: Bei modebewussten Arabern sind Varianten der "Kefije" in diesem Winter ein Muss. Das bunte Tuch mit dem markanten Karo ist zum Modeschlager geworden. Nicht nur die Jugendlichen unterwerfen sich dem Trend. Nicole verkauft auch Abendkleider, Handtaschen, selbst Armreifen aus "Keffije"-Stoff. "Die Damen sind ganz wild darauf."

Nun ist es nicht der erste internationale Boom des Palästinensertuchs. Im Westen war es schon einmal schick: In den siebziger Jahren galt es als Ausdruck politischen Bewusstseins, der Fortschrittlichkeit, des Protests. Dass sich auch Terroristen damals gern mit Schal zeigten, erhöhte den Marktwert. Ein Tuch als Ausdruck für Rebellion.

Der Schal als "Dschihad Schick"

Markantester "Kefije"-Träger war Yassir Arafat, der das Tuch als Kopfbedeckung trug. Nur selten sah man den Palästinenserführer oben ohne. Arafat war es auch, der das Symbol-Potential des Stoffstücks erkannte: Mittels seiner "Kefije" unterstrich er stets den palästinensischen Anspruch auf das Heilige Land. Dazu schlang er die langen Enden des Tuches so über die Schulter, dass sie etwa den Umriss des historischen Palästina bildeten.

Nach Arafats Tod war die "Kefije" kurzfristig von den Fernsehschirmen dieser Welt verschwunden - dann tauchte sie vor ein, zwei Jahren als Accessoire auf den Laufstegen von Paris, London und Berlin wieder auf. Der Schal wurde zum Hit, auch weil er ein Aufreger war.

Nachdem rechtskonservative Kommentatoren in den USA den Schal als "Dschihad-Schick" bezeichnet hatten, zog die Schmalzkringel-Kette Dunkin' Donuts einen Werbespot zurück, in der ein "Kefije"-tragender Starkoch aufgetreten war. Auch das Label "Urban Outfitters" gab dem Druck von Lobby-Gruppen nach und nahm die Tücher aus dem Programm.

Während der Halsschmuck einigen Westlern also zu politisch konnotiert ist, so ärgert viele Araber das Gegenteil. Dass die Renaissance des Karostoffs heute meist rein modisch motiviert ist, schmerzt diejenigen, die in ihm ein Nationalsymbol sehen.

"Das Tuch ist unsere Flagge. Weil wir keinen eigenen Staat haben, tragen wir sie um den Hals, auf dem Kopf", sagt Mohammad al-Abdallah.

Abdallah ist einer von etwa 400.000 Palästinensern, die heute im Libanon leben. Nur noch wenige sind in der Heimat geboren, die meisten Palästinenser im Libanon sind Nachfahren derjenigen, die nach der Gründung des Staates Israel vertrieben wurden oder geflohen sind.

"Versteh sie oder trag sie erst gar nicht"

Eine neue Heimat haben sie im Libanon nicht gefunden: Zwar werden die Palästinenser im Zedernstaat geduldet, doch leben die meisten immer noch in Flüchtlingslagern. Renommierte Berufe zu ergreifen wird ihnen vom Gastland verwehrt. Ihnen bleibt die Erinnerung an die Heimat - und die Pflege der Symbole, die nationale Identität stiften.

"Die Jugendlichen, die sich heute mit der Kefije schmücken, tun das, ohne darüber nachzudenken, was sie bedeutet", sagt Abdallah. Seine Freunde, die sich zum Interview dazugesellt haben, stimmen zu. Die Männer leben keine fünfzehn Taximinuten von Nicoles Edel-Kaufhaus entfernt im Lager Schatilla - doch ihre Gedanken drehen sich um Kampf, nicht im Luxus.

"Die Kefije ist das Tuch der palästinensischen Kämpfer, der Intifada. Doch die Jungs, die es jetzt tragen, trauen sich nicht, auch nur einen Stein gegen Israel zu werfen", sagt ein 30-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen will. "Diese Leute entwerten alles, wofür das Tuch steht."

Während des Gaza-Krieges zum Jahreswechsel sah es kurzfristig so aus, als bekomme der Mode-Trend doch noch einen politischen Beigeschmack: Viele Libanesen, die sich das gecheckte Tuch des Chics wegen gekauft hatten, legten es in den drei Wochen des Krieges als Zeichen der Solidarität mit den Palästinensern um. Doch mit dem Schweigen der Waffen in Gaza ist aus dem Symbol wieder ein Accessoire geworden - eines, dass auch im Sommer noch Saison haben wird. Dünne Seidenblusen mit Karomuster, "Kefijes" aus leichtester ägyptischer Baumwolle: Die schon ausgestellten Frühlingskollektionen im ABC-Kaufhaus zeigen, dass der Trend zum Tuch noch lange nicht vorbei ist.

Längst haben die Mode-Gegner auf Facebook Position bezogen. Die Kefije-Gruppe "Trag sie mit Bewusstsein, nicht der Mode wegen" hat 2000 Mitglieder, die "Versteh sie oder trag sie erst gar nicht"-Fraktion kann gar 5000 Anhänger aufweisen.

Damit liegen die Skeptiker ganz klar vorn: Die Facebook-Gruppe "Ich liebe ignorante Mode" kann derzeit nur mit 300 Unterstützern aufwarten.



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