Essgewohnheiten in Mexiko Donuts statt Tortillas

Sie essen kaum Obst und Gemüse, Fast Food gilt als Statussymbol - und manche Mütter füllen Cola in die Flaschen ihrer Babys: Mexikaner ändern ihre Ernährungsgewohnheiten drastisch. Bei Übergewicht und Diabetes macht das Land den USA Konkurrenz.

AP

Jeden Tag vor Morgengrauen macht sich José Vázquez daran, ein Stück mexikanische Tradition zu retten. Kurz nach drei Uhr zieht er das Rolltor seiner Tortilla-Bäckerei "La Fé" in Mexiko-Stadts Bezirk Roma hoch, geht in die Maismühle und holt einen Batzen goldgelben Teig. Er heizt den Ofen an, legt den Teig auf die Walzen. Quietschend ziehen sie die Teigmasse ein, plätten sie und stanzen Maisfladen aus, so groß wie Handteller. Paarweise laufen diese über ein Band, unter dem die Gasflammen lodern. Eine halbe Stunde später erfüllt kräftiger Maisduft das Geschäft.

Vázquez stapelt die Tortillas, packt sie in einen Plastikbeutel und stellt sie auf den Tresen. Die ersten Hausfrauen, Taco-Bruzzler und Restaurant-Kuriere kommen vorbei, grüßen wortlos und holen ihre Tortillas ab.

Was den Deutschen ihr Brot, ist den Mexikanern ihr Maisfladen, Teil fast jeder Mahlzeit. Rund drei Kilo verputzt eine fünfköpfige Familie pro Tag. Vázquez verkauft das Kilo für elf Peso, rund 0,63 Euro.

"Wir sind zu einem abschreckenden Beispiel geworden"

Als vor vier Jahren die Maispreise wegen Missernten, Spekulationen und des Biosprit-Booms explodierten, protestierten Zehntausende Menschen dagegen. Die Regierung und die großen Maisproduzenten kamen zum Krisengipfel zusammen und vereinbarten kurzfristige Preissenkungen. Bezahlbare Tortillas sind in Mexiko so etwas wie ein Grundrecht.

Vázquez leitet die Bäckerei seit sechs Jahren. Er hat nicht den Eindruck, dass dem Maisfladen das Ende droht. "Die Leute kommen jeden Tag, stehen Schlange für ihre Tortilla. Wir verkaufen hier locker tausend Kilo am Tag", sagt er.

Alejandro Calvillo teilt die Ruhe des Tortilla-Bäckers nicht. Calvillo ist Gründer von "El poder del consumidor", einer von zwei Verbraucherschutzorganisationen, die es in Mexiko gibt. Er beobachtet seit Jahren, wie Fast- und Junk-Food der traditionellen mexikanischen Küche zusetzen und die Menschen krank machen.

"Wir sind von einem Vorzeigeland in Sachen Ernährung zu einem abschreckenden Beispiel geworden", sagt Calvillo. In den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren hätten sich die Ernährungsgewohnheiten der Mexikaner grundlegend gewandelt.

Cola, Hamburger, Donuts - Ungesundes ist beliebt

Nach Angaben der Gesundheitsbehörden sank der Konsum von Gemüse und Früchten zwischen 1988 und 2002 um ein Drittel. Zugleich stieg der Verbrauch von süßen Brausegetränken um 40 Prozent. Bei jedem Familienfest stehen mehrere Zwei-Liter-Flaschen Zuckerbrause auf dem Tisch.

Die Folge: Sieben von zehn Erwachsenen und jedes dritte Kind sind übergewichtig. Laut einer Studie der Universität Harvard trinken die Mexikaner mehr Zuckerbrause als jedes andere Volk, 180 Liter pro Jahr und Kopf. Damit stellen die Mexikaner sogar ihre Nachbarn in den USA in den Schatten.

Auch Hamburger, Sandwichs und Donuts überschwemmen den mexikanischen Markt. Heute hat offenbar jede Fast-Food-Kette aus den USA Tausende Filialen in Mexiko. Es gilt unter Mexikanern als Statussymbol, sich dort ein Essen leisten zu können, das gewöhnlich das Anderthalbfache des täglichen Mindestlohns kostet. Die Mexikaner nennen Fast Food zwar "Comida chatarra", Schrottessen. Aber sie lieben es, sich damit den Bauch vollzuschlagen.

Cola in der Nuckelflasche

Nach Erkenntnissen der Harvard-Forscher sind in den vergangenen sechs Jahren in Mexiko rund eine halbe Million Menschen an Übergewicht und Zuckerkrankheit gestorben. Das wären ungefähr siebenmal mehr Opfer als im Drogenkrieg während desselben Zeitraums.

Für Calvillo ist das fast ein Grund zum Verzweifeln: "Dabei hatten unsere Vorfahren einen der ausgewogensten und gesündesten Speisepläne", sagt der Ernährungsexperte. "Bohnen, Chilis, Kürbis und viele grüne Pflanzen."

Den schädlichsten Einfluss auf die Ernährung habe in Mexiko die Werbung, meint Verbraucherschützer Calvillo. Die Nahrungsmittelkonzerne versuchten, schon Kleinkinder mit Werbung an ihre Produkte zu binden. "Elf Spots pro Stunde zur Zeit des Kinderfernsehens sind untragbar", sagt er. Außerdem seien die Produkte schlicht schädlich. "Die angeblich so gesunden Frühstücksmüslis oder Snacks von US-amerikanischen oder mexikanischen Herstellern sind vor allem zucker- und kalorienreich."

Kinder mit Anzeichen für Fehlernährung

Das Ergebnis lässt sich vor allem auf dem Land besichtigen. Dort, wo die Armut am größten ist, sieht man Mütter, die ihren Kindern Coca-Cola anstatt Tee oder Milch in die Saugflasche füllen. "Das geschieht teils aus Unwissenheit, teils aus Überzeugung, die von der Werbung eingetrichtert wird", sagt der Ernährungsmediziner Abelardo Ávila. "Gerade auf dem Land findet man oft Kinder mit entfärbten Haaren und Flecken auf der Haut - Anzeichen für Mangel- und Fehlernährung".

Verbraucherschützer Calvillo unterstützt eine Kampagne für eine Abgabe auf Zuckerbrause. Ein Peso (0,06 Euro) pro Liter soll beim Kampf gegen Übergewicht und Diabetes helfen, fordert die "Alianza por la Salud Alimentaria" (Allianz für gesundes Essen) in einem TV-Spot. Doch den sieht kaum jemand. Die großen TV-Anstalten weigern sich, ihn auszustrahlen, um es sich nicht mit der mächtigen Getränkeindustrie zu verscherzen.

Die Sender verletzten so das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit der Mexikaner, findet Calvillo. "Mehr als einen Monat schon weigern sich manche TV-Anstalten, den Werbefilm auszustrahlen, der vor bestimmten Getränken wegen ihres Zuckergehalts warnt.

José Vázquez, der Tortilla-Bäcker, findet all den Aufwand um die Ernährung ein bisschen übertrieben. "Ich bin auch kein Freund des Fast Foods und esse mittags am liebsten Taco mit Rindfleisch", sagt er. "Aber eine Cola trinke ich trotzdem gerne dazu." Dann verabschiedet er sich und reicht die teigverschmierte Hand. Es ist kurz vor 13 Uhr, und die Schlange vor seiner Tortilla-Bäckerei wird immer länger.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hauptsache_dagegen 17.10.2013
1. Nur eine Idee, aber...
...vielleicht könnte der mexikanische Staat dafür sorgen, dass das Leitungswasser wieder trinkbar wird. Solange das jedoch hochgradig keimbelastet und Cola schlicht auch eine billige Alternative ist (im Gegensatz zu Junk Food), werden die Leute weiterhin Cola trinken.
wwwwalter 17.10.2013
2. Gewohnheitstrinker und Süchtige
Schrecklich, was große Nahrungsmittelkonzerne im Verbund mit der Werbeindustrie den Menschen antun. Ohne Werbeverbote, Abgaben und Kennzeichnungen geht es leider nicht mehr, da kommen Marktliberalismus und Konsum an ihre Grenzen. Wer immer noch behauptet, der Verbraucher könne etwas bewirken, der irrt sich ganz gewaltig. Jeder soll natürlich essen und dürfen, was er/sie will. Aber niemand soll behaupten können, nichts gewusst zu haben. Und die Firmen, die das den Menschen (bewusst) antun, die sollten für die Folgekosten richtig zur Kasse gebeten werden. Kleinkinder täglich mit Cola vollzudröhnen, das erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung.
joG 17.10.2013
3. In London und im Frankfurter Westend....
....war ich schlanke Menschen gewohnt. Jetzt, hier in einer Kleinstadt nahe der Kohlengruben in NRW sehe ich immerzu übergewichtige Mitmenschen. Sind da die dicken Mexikaner unser Problem? Titelseitenmaterial und nicht eher als Studie im Fachblatt?
dorfneurotiker 17.10.2013
4. Ich bin ziemlich geschockt!
Cola statt Tee im Trinkflaeschchen. Hier hat auch der Staat bei der Gesundheitsaufklaerung versagt. Und ein Taco vom Mexikaner schmeckt doch viel besser als das Zeug von Mc Würg. Wir haben doch jetzt einige Grüne, die sicher eine neue Aufgabe suchen. Ich schlage vor Trittin und Roth als Aufklärer in solche Länder zu schicken. Aber bitte vorher abklären, ob das jeweilige Land über Atomwaffen verfügt. ( Vorsicht Ironie )
kenterziege 17.10.2013
5. Coca Cola und Burger
Zitat von sysopAPSie essen kaum Obst und Gemüse, Fast Food gilt als Statussymbol - und manche Mütter füllen Cola in die Flaschen ihrer Babys: Mexikaner ändern ihre Ernährungsgewohnheiten drastisch. Bei Übergewicht und Diabetes macht das Land den USA Konkurrenz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fast-food-statt-tortilla-mexikaner-veraendern-essgewohnheiten-a-928187.html
Das ist nicht nur in Mexico so. Ich beobachte das seit Jahren in Asien: Vietnam und China. Die einst so schlanken und zähen Menschen sind mehr und mehr mit Pummelchen durchsetzt, die Cola andere Süßigkeiten und Fritten essen. Die, die sich früher nur von mobilen Garküchen mit einer Glasnudelsuppe zufrieden gaben, werden weniger. Meinem Bruder, der Amerikaner ist, habe ich gesagt: Ihr werdet die Chinesen nicht mit Stuxnet oder Cruise Missiles erledigen, sondern mit Cola. Fast erscheint es mir auch wie ein später Sieg der USA in Vietnam: Die amerikanische Kultur quillt aus allen Ecken, man lernt gern und emsig englisch und trinkt Coca-Cola: Schade um die einst so hübschen Menschen! Ich frage mich was schlimmer ist: Rauchen und Alkohol oder Zucker und Frittenfett?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.