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Gesunkener Fischkutter: Der rätselhafte Untergang der "Condor"

Von Fehmarn berichtet Juri Auel

Fehmarn: Warum sank der Fischkutter "Condor?" Fotos
Michael Amme/ laif

Zwei Fischer sind von ihrer Fahrt vor Fehmarn nicht lebend zurückgekehrt. Warum ihr Schiff sank, ist ein Rätsel. Jetzt wurde das Wrack geborgen.

Der Kapitän und sein Decksmann sind erfahrene Fischer. Ihr Boot ist gerade erst gewartet worden. Bei Windstärke vier, moderatem Seegang und klarer Sicht schippert die "Condor", Erkennungszeichen SB 14, in Richtung ihres Heimathafens Burgstaaken auf Fehmarn. Die Laderäume sind schon gut gefüllt.

Wenige Stunden später harren Familie und Kollegen der beiden Männer im Haus der Fischergenossenschaft aus. Es ist ungefähr 18 Uhr, die "Condor" hätte längst wieder im Hafen sein sollen. Draußen auf den Kuttern und im Hafen hören alle Kanal 16, den Funkverkehr der Seenotretter.

An jenem Abend des 6. Februars läuft eine große Suchaktion an. Die zwei Rettungskreuzer "Bremen" und "Hans Hackmack" der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, zwei Schiffe der Wasserschutz- und der Bundespolizei, ein Rettungshubschrauber der Deutschen Marine, fünf Fischkutter sowie zwei Schiffe und ein Hubschrauber aus Dänemark sind zur Vermisstensuche eingesetzt.

Gegen 20 Uhr findet die Wasserschutzpolizei Tauwerk und Fischerkisten. Wenig später wird eine leblose Person gefunden. Es ist der 45-jährige Decksmann. 30 Minuten später wird auch der sieben Jahre ältere Kapitän tot aus der vier Grad kalten Ostsee gezogen.

Bergung der "Condor" Zur Großansicht
Jens Pap

Bergung der "Condor"

Einen Monat später zerschneiden Taucher in 22 Metern Tiefe die Netze des 73 Jahre alten Holzkahns. Viele Fische leben noch, sie schwimmen davon. Der Untergang der "Condor": ein Mysterium.

Eine Seenotfunkbake, die bei Kontakt mit Wasser automatisch ein Signal senden soll, blieb stumm und wurde nicht gefunden. Die Rettungsinsel, die sich eigentlich von selbst lösen und aufblasen soll, blieb am Schiff hängen. Einen Notruf gab es nicht.

Polizeitaucher haben das Wrack von allen Seiten gefilmt, um herauszufinden, warum das Schiff gesunken ist. Am Montagabend ist das Boot gehoben worden. Die Unglücksstelle liegt 3,5 Seemeilen, etwa 6,5 Kilometer, vor der Ostküste Fehmarns. Spezialisten sollen das Wrack in Rostock nun genauer untersuchen.

Benjamin Schmöde, Prokurist der Fischergenossenschaft, beschreibt den Kapitän des Schiffes als "außergewöhnlich umgänglichen Menschen, der so gut wie nie schlecht gelaunt war". Beide, der Chef des Schiffs und sein Matrose, seien "Pfundskerle und zuverlässig" gewesen.

Benjamin Schmöde Zur Großansicht
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Benjamin Schmöde

Als die Fischer gefunden wurden, trugen sie keine Schwimmwesten, der Kapitän hatte sich noch einen Rettungsring umgelegt. Damit sie nicht voll Wasser laufen, sollen sie noch ihre Stiefel ausgezogen haben. "Die wussten, was auf sie zukommt", meint ein Fehmaraner. Eine Obduktion ergab: Die Männer sind nicht ertrunken, sondern an Unterkühlung gestorben.

"Das ist besonders tragisch", sagt ein Sprecher der Bundesstelle für Schiffsunglückuntersuchung (BSU). "Wäre die Rettungsinsel aufgetrieben, hätten die beiden vermutlich überlebt. Da hätten sie sich aufwärmen können."

Der Zusammenhalt der Fischer

Es ist eine erdrückende Stille, die den kleinen Hafen einige Tage nach dem Unglück umgibt, selbst die Möwen schweigen. Die Ostsee liegt bewegungslos da, über ihr der frühlingsblaue Himmel. Viele Kutter sind verlassen an ihren Liegeplätzen vertäut, die Stege sind fast menschenleer. Der Dorsch hat seit kurzem Schonzeit.

Kapitän Gunnar Gerth-Hansen bringt gerade mit Matrose Frederik Otten seinen Kutter "Tümmler" auf Vordermann. Über die grauen Pullover-Ärmel hat er zum Schutz Stulpen gezogen, die aus dem gleichen Material wie seine Nato-grüne Gummihose gemacht sind. "Das ist sehr, sehr hart für uns", sagt er über das Unglück. Das Süßwasser spritzt beim Schrubben über die Reling, es gefriert auf der Hafenkante zu einer rutschigen Schicht.

Sie sind eine Familie, sagen die Fischer über sich selbst. Man hält zusammen, es ist schwer geworden, mit dem Beruf Geld zu verdienen. Über das Unglück sprechen wollen wenige. "Das ist alles schon traurig genug", sagt einer, der gerade den Fang des Tages auf die Kaimauer wuchtet. "Da muss man nicht auch noch drüber reden."

Gerade noch 15 Mitglieder zählt die Genossenschaft, mit der die Fischer gemeinsam ihren Fang vertreiben. Billigfisch aus dem Ausland, zu viel Bürokratie und Schonzeiten, die aus ihrer Sicht mehr oder weniger willkürlich und zu äußerst ungünstigen Terminen gesetzt werden, machen den kleinen Betrieben das Leben schwer.

Hinzu kommen die großen Hochseetrawler, durch die sich Leute wie Gunnar Gerth-Hansen in ihrer Existenz als "Traditionsfischer" bedroht fühlen. Er ist Anfang 50, im selben Alter wie der verstorbene Kapitän. Sie sind zusammen groß geworden. Wenn die Arbeit auf dem Meer ruhte, traf man sich im Sportklub, ging gemeinsam bowlen.

"Das waren zwei tüchtige, erfahrene Fischer und liebe Kollegen", sagt Gerth-Hansen. Nur unweit von seinem Kutter stehen ein paar Kerzen auf dem Kai. Über ihnen ist ein Schild angebracht. "Gute Reise SB14! Wir sind sehr traurig!"

Gedenkort im Hafen Burgstaaken Zur Großansicht
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Gedenkort im Hafen Burgstaaken

Jens Pap hat die Bergung der "Condor" für ein Rostocker Unternehmen geleitet. "Es ist ein altes Holzschiff, da gab es schon ein paar Besonderheiten zu beachten", sagt er.

Taucher kappten die Netze des Bootes und schoben Hebegurte unter das Wrack. Immer wieder musste die Bergung verschoben werden. Windstärke 5 und hohe Wellen machten den Spezialisten zu schaffen. Am Montagabend zog der 45 Meter hohe Schwimmkran "Sanne A" das 16 Meter lange Schiff schließlich wieder an die Wasseroberfläche.

Das Schiff verschwindet nicht plötzlich vom Radar

Warum ist die "Condor" untergegangen? Keine Frage hat Fehmarn die letzten Wochen mehr beschäftigt. Spekulationen gibt es reichlich.

"Das ist eine Tragödie", sagt die Besitzerin eines kleinen Hotels in Hafennähe. Ihr Mann habe gemeint, das Schiff könne über eine alte Seemine gefahren sein. Fischer aus Heiligenhafen hätten immer wieder welche in ihren Netzen, sagt eine Passantin in der Burger Innenstadt. "Das Toilettenrohr soll undicht gewesen sein", erzählt ein Junge, der mit seinem Freund vor der Inselschule auf den Bus wartet.

Ein Gast im Café Möwennest hat etwas anderes gehört. "Die hatten die Netze zu voll", sagt er. Auch ein Kioskbesitzer glaubt an diese Theorie. "Wenn sich ein Befestigungsseil am Galgen, an dem das Netz hängt, löst, verlagert sich der Schwerpunkt", sagt der Mann Anfang 50. "Dann ist das schnell passiert." Ob das wirklich stimmt? Das weiß niemand.

Der Sprecher der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung jedenfalls kann keine der Geschichten bestätigen. Man ermittle in alle Richtungen, heißt es. "Wir schauen auch an, ob alle Luken geschlossen waren, in welchem Zustand der Motor war und was sich in den Laderäumen befindet."

Erste Erkenntnisse gibt es allerdings schon: Auf Radaraufzeichnungen verschwindet das fahrende Boot nicht plötzlich, sondern bleibt erst einige Zeit auf einer Stelle stehen. "Das ist ein Zeichen, dass die 'Condor' nicht schnell untergegangen ist", sagt der Sprecher. Das Wrack weist von außen keine Beschädigungen auf.

Innerhalb der kommenden zwölf Monate muss seine Behörde einen ersten Untersuchungsbericht veröffentlichen. Spätestens dann werden die Fischer auf Fehmarn wohl Gewissheit haben, warum zwei von ihnen nicht lebend zurückgekehrt sind.

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