Deutsche Feldpost aus Jersey: Weihnachtsgruß von 1941

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Im hessischen Mühlheim hat ein Landwirt einen 71 Jahre alten Brief von seinem Großvater erhalten. Der hatte das Schreiben als Wehrmachtssoldat auf der britischen Kanalinsel Jersey verfasst. Auf Umwegen landete die Feldpost nun in Deutschland - Dutzende Briefe für weitere Adressaten könnten folgen.

Verspätete Feldpost: Weihnachtsgrüße nach 71 Jahren Fotos
DPA

Hamburg - Eine Weihnachtskarte mit romantisch verschneiter Edeltanne, ein Reichsadler auf sepiafarbenem Briefumschlag, viele eng beschriebene Briefbögen: Die Post, die dieser Tage in einigen deutschen Haushalten eintreffen wird, ist sozusagen gut abgelegen.

Ganze 71 Jahre brauchten die insgesamt 86 Briefe, um an ihren Zielort zu gelangen. Die Adressaten sind längst verstorben - es sind die Nachkommen der Soldaten, die 1941 auf Jersey stationiert waren, die heute einen Blick auf die historische Feldpost ihrer Großväter, Väter oder Onkel werfen können.

Der in Mühlheim am Main lebende Engelbert Josef Bergmann erhielt am Dienstag als Erster den extrem verspäteten Weihnachtsgruß im Original. In Offenbach sollen noch heute vier weitere Briefe zugestellt werden.

Wer nun die Entdeckung ungeahnter Militärgeheimnisse erwartet, wird enttäuscht. In der Mehrheit handelt es sich um private Weihnachtspost, die die deutschen Besatzer von der Kanalinsel nach Hause schickten. Um banale, ganz alltägliche Mitteilungen und Wünsche.

"Calvados ist die beste Medizin gegen Erkältung"

In steiler, sich leicht nach rechts neigender Schrift steht da zum Beispiel: "Ich habe für Dich zwei Flaschen französischen Schnaps geschickt, lieber Onkel. Cognac konnte ich leider nicht mehr bekommen, aber ich glaube, dass dieser Dir auch schmeckt. Probiert habe ich ihn schon und ich habe ihn ganz gerne getrunken, wenn er auch etwas stark ist. Es ist ein 'Calvados', 60%ig (…) So wünsche ich, dass Du ihn Dir an Weihnachten oder Neujahr schmecken lässt, denn bei dem kalten Wetter ist er die beste Medizin gegen Erkältung."

Viele der Briefe wurden am 16. und 17. Dezember 1941 verfasst, weil sie pünktlich zu Weihnachten in Deutschland ankommen sollten. Einige wurden offenbar von Soldaten geschrieben, die gerade erst die Insel erreicht hatten - manchmal unter stürmischen Bedingungen. So berichtet ein Deutscher von einer fünfeinhalbstündigen Überfahrt von Granville nach Jersey bei neun Windstärken. "So etwas habe ich noch nie erlebt", schreibt der Mann. "Die Wellen waren so hoch, dass unser Schiff nicht mehr vorankam. (…) Wir wurden alle seekrank und mussten uns aneinander festhalten."

Ein junger Mann hatte 1941 die 86 Briefe aus dem Feldpostamt in Jersey entwendet, in einem "Akt des passiven Widerstands gegen den Feind", schrieb das Internetportal culture24. Dies geschah in einem Moment, in dem der Widerstand der Inselbewohner gegen die Deutschen wuchs. "Viele Insulaner wurden vor deutsche Gerichte gestellt, weil sie sich den Behörden widersetzten. Wenn man den jungen Mann dabei erwischt hätte, wie er die Briefe nahm, hätte man ihn sehr schwer bestraft, da gibt es keinen Zweifel", heißt es in einer Presseerklärung des Jersey Heritage Archive.

Der "Brief-Dieb", der mehrere Komplizen gehabt haben soll, ist inzwischen verstorben. Sein Mittelsmann, der die Dokumente 66 Jahre lang hütete und später die Kontakte zum örtlichen Archiv, dem Jersey Heritage, aufnahm, wollte anonym bleiben.

Eine unlösbare Aufgabe

Die Post auf Jersey hatte in Zusammenarbeit mit der Deutschen Post, dem Roten Kreuz und Militärhistorikern nach den Empfänger und deren Angehörigen in Deutschland geforscht. Immerhin zehn Personen konnten sie inzwischen ausfindig machen. "Als man uns um Hilfe bat, dachten wir zunächst, es sei eine unlösbare Aufgabe", sagte Michael McNally von der Jersey Post. "So viel Zeit ist vergangen und Deutschland hat sich bemerkenswert verändert, geografisch wie demografisch. Dass wir zehn Verwandte der Soldaten finden konnten, ist mehr, als wir je gehofft haben."

"Diese Briefe bilden eine bemerkenswerte Sammlung", sagt Stuart Nicolle vom Archiv. "Wir haben viele Nachweise dafür, wie die Insulaner mit der Situation während der Besatzung umgegangen sind, aber diese Briefe geben einen einmaligen und faszinierenden Einblick in die Gefühle der Besatzer."

Ab Sommer 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht die nur 118 Quadratkilometer große Insel Jersey als Teil ihres "Atlantikwalls" gegen die Alliierten entlang Europas Westküste. Vor dem Einmarsch konnten noch mehr als 20.000 Bewohner nach Großbritannien gebracht werden. Die Eindringlinge bauten klobige Bunker und Festungsanlagen an der Küste, die noch heute zu sehen sind und teilweise als Museen genutzt werden. Während der Besatzung mussten Zwangsarbeiter unter härtesten Bedingungen eine Tunnelanlage bauen, die später zum unterirdischen Krankenhaus umgebaut wurde. Viele von ihnen kamen dabei zu Tode.

Auf Befehl Hitlers wurden im September 1942 mehr als 2000 Zivilisten in das deutsche Bad Wurzach deportiert und dort in Internierungslagern festgehalten. Diese Zeit hat eine Frau namens Joan Coles in einem Tagebuch dokumentiert, das im Archiv von Jersey Heritage ausgestellt ist.

Es gab Insulaner wie Leslie Sinel, die Tagebuch führten, und den ungebrochenen Optimismus der Menschen dokumentierten: "Wir sind Ende des Jahres recht heiter und auf ruhige Art optimistisch, was die kommenden zwölf Monate angeht, obwohl die Bedingungen vor Ort sich sehr verschlechtert haben." Am 7. November heißt es: "Die Deutschen scheinen sehr deprimiert zu sein."

Tatsächlich scheinen der feuchte Winter und die Ereignislosigkeit auf Jersey den Deutschen aufs Gemüt geschlagen zu haben. Das Leben sei so langweilig, dass noch nicht einmal das Kartenspiel Abhilfe schaffen könne, schreibt einer. Ein anderer wünscht seinen Lieben frohe Weihnachten und stellt fest: "Was ich mir am meisten wünsche, ist, dass der Krieg bald zu Ende ist, damit wir alle das Leben wieder genießen können."

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insgesamt 11 Beiträge
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1. 20000 ew
josian 18.12.2012
auf einer 118 m2 großen Insel , wie geht denn das?
2. Fehlerteufel, mal wieder,
festuca 18.12.2012
Heute 98000 Einwohner auf 116 Quadratmeter? Ziemliches Gedränge.
3. 118 Quadratmeter?
sgvs 18.12.2012
Etwas größer dürfte Jersey nun doch sein.
4. Ungläubig!!
kissfan 18.12.2012
20000 Menschen konnten also vor dem Einmarsch von der 118 Quadratmeter großen Insel in Sicherheit gebracht werden!! Wie das gehen soll, müßt ihr mir mal erklären!! Ich kannte das eigentlich nur als makabren Witz. Wieviele Äthiopier passen in eine Telefonzelle? Werfen sie mal eine Scheibe...............da rein.
5. Die Rosenzüchterin
kenterziege 18.12.2012
Zitat von sysopJersey Heritage ArchiveIm hessischen Mühlheim hat ein Landwirt einen 71 Jahre alten Brief von seinem Großvater erhalten. Der hatte das Schreiben als Wehrmachtssoldat auf der britischen Kanalinsel Jersey verfasst. Auf Umwegen landete die Feldpost nun in Deutschland - Dutzende Briefe für weitere Adressaten könnten folgen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/feldpost-aus-jersey-weihnachtsgruesse-aus-dem-ii-weltkrieg-a-873681.html
Ich empfehle das Buch "Die Rosenzüchterin" für Erkenntnisse aus der Besetzung der Kanal-Inseln durch die Deutschen. der Roman wurde später mit Hannelore Elsner in der Hauptrolle verfilmt.
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