Jury-Entscheidung im Fall Michael Brown Amerikas Notwehr

Der Tod des schwarzen US-Teenagers Michael Brown bleibt ungesühnt: Polizist Darren Wilson schoss aus Notwehr - zu diesem Schluss kam eine Grand Jury. Das Verfahren verlief ungewöhnlich, wenn nicht gar dubios.

Von , New York


Die meisten hatten es befürchtet, trotzdem war es ein Schock. "Guten Abend und danke für Ihre Geduld", grüßte Bezirksstaatsanwalt Bob McCulloch, als moderiere er eine Lotterie. Minutenlang redete er in einem schmucklosen Gerichtssaal in St. Louis, ohne so richtig etwas zu sagen. Er lobte die "staatlichen und kommunalen Behörden" und schalt die "Nonstop-Gerüchte in den sozialen Netzwerken". Erst dann kam er zur Sache: Der Polizist Darren Wilson bleibt ungestraft.

Der Fall in Ferguson, einem Vorort von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, ist zum Fanal geworden: Am 9. August hatte Wilson den schwarzen, unbewaffneten Teenager Michael Brown erschossen. Dreieinhalb Monate lang beriet eine sogenannte Grand Jury aus zwölf Geschworenen, allesamt juristische Laien, ob die Beweislage ausreiche für eine Anklage gegen Wilson. Nun die Entscheidung: Nein, sie reicht nicht.

Der Tod des 18-jährigen Brown sei "eine tragische Geschichte", sagte McCulloch - doch keine Straftat: Wilson, 28, habe in "berechtigter Notwehr" gehandelt, da Polizisten notfalls auch "tödliche Gewalt" ausüben dürften, wenn sie sich bedroht fühlten. Brown wurde von mindestens sechs Kugeln getroffen.

McCullochs Erklärung wirkte kühl, seine Beileidsbekundung an die Familie des Toten wie eine Pflichterfüllung. Die Stimmung in Ferguson und St. Louis, ja, in den gesamtem USA, schien er völlig zu verkennen.

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Krawalle in Ferguson: Schüsse, Plünderungen, brennende Gebäude
Denn hier geht es nicht nur um den Tod eines Teenagers, sondern um den Rassismus in Amerika, um die institutionalisierte Diskriminierung von US-Minderheiten - und vor allem um vermeidbare Polizeigewalt, der überwiegend Schwarze zum Opfer fallen und überwiegend junge Männer.

Selbst Präsident Barack Obama räumte das am Abend ein: "Die Situation in Ferguson spiegelt eine breitere Herausforderung wider, der wir als Nation weiterhin gegenüberstehen", sagte er. "In allzu vielen Gegenden dieses Landes herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen Polizeikräften und den schwarzen Gemeinschaften. Das ist zum Teil auch das Resultat des Erbes der Rassendiskriminierung."

Schon Stunden vor der Bekanntgabe der Entscheidung hatten sich Hunderte in den Straßen versammelt, die meisten vor dem Justizzentrum von St. Louis, in dem McCulloch auftrat, und dem Polizeirevier von Ferguson. Sie reagierten mit Entsetzen, Tränen, Wut und Empörung. Unter ihnen war auch Browns Mutter Lesley McSpadden, die Polizisten anbrüllte: "Ihr alle wisst, dass das falsch ist!"

Im Laufe der Nacht schlug die Frustration in Gewalt, Plünderungen und Brandstiftungen um. Die hochgerüstete Polizei reagierte mit Tränengas und Rauchbomben (mehr zu den Protesten in Ferguson lesen Sie hier).

Auch in anderen US-Städten, darunter Los Angeles, Chicago und New York City, demonstrierten Tausende für Gerechtigkeit - nicht nur für Michael Brown, sondern für alle Jugendlichen, die von Polizisten getötet werden.

Es bleibt rätselhaft, weshalb die Justiz die Entscheidung ausgerechnet am Abend verkündete - zumal die Polizei explizit vor Demonstrationen nach Einbruch der Dunkelheit gewarnt hatte. Chaos überschattete die gesamten 108 Tage der Beratungen. So wurden Details der Grand-Jury-Beratungen gezielt an die Presse lanciert - was die Integrität des Verfahrens und der Entscheidung infrage stellte.

Die Identität der Mitglieder der Grand Jury blieb zwar geheim. Bekannt war aber, dass sie aus neun Weißen und drei Schwarzen bestand. Das Gremium war lange vor Browns Tod und unabhängig davon eingesetzt worden. Dennoch verlief das Verfahren ungewöhnlich, wenn nicht gar dubios. So empfahl McCulloch von vornherein keine Anklage, wie sonst üblich, um die endgültige Entscheidung einem Gericht zu überlassen - obwohl die erforderte Beweislast für Grand Jurys weit niedriger ist.

McCulloch hat enge Beziehungen zur Polizei: Mehrere Verwandte arbeiteten dort; sein Vater, ein Polizist in St. Louis, wurde 1964 von einem Schwarzen erschossen, als McCulloch zwölf war. 26.000 Menschen hatten in einer Petition vergeblich seine Beurlaubung und die Einsetzung eines Sonderermittlers gefordert.

Nach Angaben McCullochs tagten die Geschworenen an 25 Tagen und vernahmen rund 60 Zeugen - darunter Darren Wilson selbst, der vier Stunden lang aussagte. Er fürchtete demnach um sein Leben: "Er war so groß, und ich fühlte mich so klein", sagte Wilson über Brown, wie aus den Akten hervorgeht, die jetzt freigegeben wurden.

Wilson tauchte unter, soll sich sogar die Haare gefärbt haben, um nicht mehr erkannt zu werden. Er heiratete und traf sich mit Vertretern von TV-Sendern, um ein potenzielles Exklusivinterview auszuhandeln.

Er habe sich seiner Ausbildung und den Gesetzen gemäß verhalten, teilten Wilsons Anwälte in einer Stellungnahme mit. Wer die Entscheidung der Grand Jury kritisieren will, solle dies auf respektvolle und friedliche Weise tun.

Nach dem Beschluss stellen sich nun mehr Fragen als zuvor - und Antworten wird es noch lange nicht geben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
thomas.b 25.11.2014
1.
"Notwehr" ist ein gutes Stichwort: Wenn wir hierzulande Notwehr so wie die Amerikaner definieren würden, also begrenzt auf die gefühlte, subjektive Gefühlslage - na dann gute Nacht.
drmedwurst 25.11.2014
2. Was, wenn..
.. der Polizist schwarz gewesen wäre und das Opfer weiß? Wäre die Entscheidung anders ausgefallen? Ich behaupte mal ja.
rkinfo 25.11.2014
3. 'Berechtigte Notwehr' im Land der freien Schußwaffen
"Er habe sich seiner Ausbildung und den Gesetzen gemäß verhalten, teilten Wilsons Anwälte in einer Stellungnahme mit." Nachdem jeder Amerikaner ein kaum behinderbares Recht hat Schußwaffen zu tragen muss die Polizei früh in Konflikten annehmen dass merkwürdig handelnde Personen auch eine Schußwaffe greifbar haben. Niemand kann von einem Polizisten und seinen Ausbildern verlangen dass jene sich freiwillig zum 'Selbstmord' auf Schicht begeben. Wer sich merkwürdig verhält wird im Zweifel zuerst erschossen - so die grausame Logik im real existierenden Waffenparadies USA. Der Frust der Bewohner ist einerseits nachvollziehbar aber es hat auch keine zur 'Entwaffnung der Stadt' die letzten Monate aufgerufen. Da fehlt mir die innerer Logik der Empörten. Ohne Bedeutung beim Spruch der Jury war die kriminelle Vorgeschichte des Opfers - gut so und noch ein Punkt der den Jury-Spruch als gerechtfertigt bringt. Man wird aber im Nachgang der Ausschreitungen massiv gegen die örtlichen Gangs vorgehen müssen.
arrache-coeur 25.11.2014
4.
'Browns Mutter Lesley McSpadden, die Polizisten anbrüllte: "Ihr alle wisst, dass das falsch ist!"' - Ja, die Ausschreitungen sind falsch.
Bondurant 25.11.2014
5. Dieser Arikel ist seltsam
Der Tod des schwarzen US-Teenagers Michael Brown bleibt ungesühnt: Polizist Darren Wilson schoss aus Notwehr - zu diesem Schluss kam eine Grand Jury. (1) Dreieinhalb Monate lang beriet eine sogenannte Grand Jury aus zwölf Geschworenen, allesamt juristische Laien, ob die Beweislage ausreiche für eine Anklage gegen Wilson. (2) (1) Herr Pitzke weiß also, dass Mr. Brown Opfer einer Straftat wurde, sonst könnte er ja schlecht schreiben, dass sein Tod "ungesühnt" bleibt. Warum sagt uns Pitzke nicht, woher er das weiß? (2) die "sogenannte Grand Jury" ist im us-amerikanischen Rechtssystem die Institution, die über die Frage einer Anklageerhebung entscheidet, schon immer. Vielleicht teilt Pitzke uns mit, warum er diesen integralen Teil des Rechtssystems mit dem Beiwort "sogenannt" versieht. Es könnte nicht schaden, wenn Journalisten, die über Rechtsfragen berichten, wenigstens den Hauch einer Ahnung von der Materie hätten.
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