Amerikas Schwarze zum Tod von Michael Brown "Sie sehen dich immer als Feind"

Ihr Twitter-Foto mit den erhobenen Händen machte weltweit Schlagzeilen: Studenten der afroamerikanischen Howard University protestieren gegen alltäglichen Rassismus und Polizeigewalt. Hier berichten sie von ihrer persönlichen Angst.

Eine Multimediareportage von und , Washington

Ikenna Ikeotuonye/ Howard University

Er steht ganz vorne, erste Reihe in der Mitte, Karohemd. Khalil Saadiq hat die Arme erhoben, als würde er sich ergeben. Und dahinter stehen gut 300 Kommilitonen, die es ihm gleichtun. So, wie es der unbewaffnete Michael Brown in Ferguson gemacht haben soll, kurz bevor er von einem Polizisten erschossen wurde.

#DONTSHOOT steht als Hashtag unter dem Foto, das Saadiq von Washingtons Howard University aus um die Welt getwittert hat. Zehntausende haben es retweetet, Hunderte haben es nachgestellt. Ein Foto und seine Wirkung.

Einen Tag später steht der 19-Jährige in der Abenddämmerung auf dem Howard-Campus. Es ist noch immer schwülwarm, die Sprinkleranlage kümmert sich ums Grün. Saadiq trägt schwarzes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Hornbrille. Der schmächtige Mann erscheint wie ein Abgesandter der Bürgerrechtsbewegung aus den Sechzigerjahren.

Und tatsächlich geht es doch noch immer um viele alte Fragen für Amerikas Schwarze: mangelnde Gerechtigkeit, fehlende Gleichheit, eingeschränkte Chancen. "Anders als für Weiße", sagt Saadiq, "gilt für mich die Schuldvermutung, bis ich meine Unschuld beweisen kann."

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Monat für Monat sterben unbewaffnete Afroamerikaner durch Polizeigewalt. Exakte Statistiken gibt es nicht. Fälle wie der von Michael Brown stechen heraus, sorgen für nationale Aufmerksamkeit. Es spielt keine Rolle, ob der Teenager zuvor in einen Ladendiebstahl verwickelt war oder nicht - das gibt den Beamten ja nicht das Recht zu töten.

Im September 2013 erschossen Polizisten in North Carolina den 24-jährigen Jonathan Ferrell, der ihnen entgegenlief, weil er sie nach einem Autounfall um Hilfe ersuchen wollte. Student Saadiq sagt: "Die, die uns schützen sollen, sehen dich als Feind."

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So kam Khalil Saadiq, der gerade erst mit dem Studium in Washington begonnen hat, auf die Idee mit dem Twitter-Foto. Das wiederum löste eine Welle aus, die er nicht vorausgeahnt hat: Mit Wucht materialisierte sich der virtuelle Protest, weshalb Saadiq in der Abenddämmerung vor Hunderten seiner Mitstudenten redet. Sie halten eine Mahnwache, gedenken des toten Michael Brown. Doch es geht um mehr. Es geht um Selbstvergewisserung und darum, wie man nun weitermachen soll:

"Hört das denn nie auf?", fragt ein Plakat.

Vor einem Jahr erst haben sie doch hier eine Andacht gehalten, als George Zimmerman von der US-Justiz freigesprochen wurde. Zimmerman, der selbst ernannte Nachbarschaftswächter aus Florida, der den unbewaffneten, 17-jährigen Trayvon Martin erschossen hatte. Weil er ihm verdächtig vorkam.

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US-Präsident Barack Obama hatte damals gesagt, den Schwarzen Amerikas sei die "historische Ungleichbehandlung" im Justizsystem weiterhin präsent. Und sie seien es gewohnt, wenn man ihnen im Kaufhaus folge oder wenn die Autoschlösser klickten. All das sei auch ihm passiert.

So wie den meisten hier auf dem Campus der Howard, der schwarzen Eliteuniversität des Landes, gegründet direkt nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Die Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegungen, von hier bekamen sie zentrale Impulse.

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Doch Uni oder nicht - für Polizei und staatliche Behörden mache das keinen Unterschied, sagen sie. Denn die sähen nur die Hautfarbe:

"Als mein Bruder 18 Jahre alt wurde, haben wir gefeiert, dass er noch lebt", sagt Allyson Carpenter.

"Ich bete für das Leben meiner ungeborenen Söhne", sagt Maia Miller.

Und Khalil Saadiq sagt: "Das Leben der Schwarzen wird offenbar nicht geschätzt."

Was tun? Greg Carr könnte es wissen. Der Mann ist Professor für afroamerikanische Studien an der Howard-Universität und der Jubel der Studenten brandet auf, als er an diesem Abend das Podium betritt. Carr lobt deren Twitter-Foto als "Zeichen an die Welt". Doch ihre Verantwortung als Mitglieder der Howard gehe weiter: "Euer Job ist es, euren Kopf zu nutzen!"

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Carr tippt sich an die Stirn. Lernen als Kampf um die Gerechtigkeit, Lernen fürs Kollektiv. Die Idee: Wer lernt, kann das System verändern, etwa als Jurist. Niemand hier ruft zur Gewalt auf. Niemand spricht von Rache. Sie dulden. Sie lernen.

Der Tod des Michael Brown wird eingeordnet in die (Leidens-)Geschichte des schwarzen Amerika: Rosa Parks und der Busboykott, die Sit-ins und Freedom Rides und all die Toten, von Martin Luther King jr. bis Trayvon Martin. Jedes Ereignis, sagt Professor Carr, habe etwas verändert, habe in den Leuten etwas ausgelöst. Und die "Black Community" weitergebracht. Es ist wohl die einzige Möglichkeit, um dem sinnlosen Tod eines Teenagers so etwas wie Sinn zu geben. Nun diskutiert zumindest das ganze Land über rassistische Übergriffe der Polizei.

Über den Howard-Campus legt sich eine festlich-entschlossene Stimmung. Man singt, entündet Kerzen, reckt die Faust zur Black-Power-Geste gen Himmel. Dreimal erschallt es: "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden! Keine Gerechtigkeit, kein Frieden! Keine Gerechtigkeit, kein Frieden!"

Dann gehen die Studenten still nach Hause.




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