Schwarze und Weiße in den USA "Ferguson braucht jetzt Gott"

Seit den Unruhen im August ist Ferguson eine gespaltene Stadt. Jetzt entscheiden Geschworene über den Fall Michael Brown. Der schwarze Teenager wurde von einem weißen Cop erschossen. Polizei und Bürger rüsten sich für neue Krawalle.

Aus Ferguson, Missouri, berichtet

AFP

Brian Fletcher sorgt sich um den guten Ruf seiner Stadt. "Wir müssen unser Image korrigieren", sagt er. "Ferguson ist wundervoll und progressiv."

Fletcher trägt ein T-Shirt: "I love Ferguson", das Wort "love" ist durch ein Herz symbolisiert. Eine alte Liebe: Seit drei Jahrzehnten macht Fletcher in dem Vorort von St. Louis Politik, zuletzt als Bürgermeister, von 2005 bis 2011. Danach wollte er "eine kleine Pause einlegen". Aber die Dinge nahmen einen anderen Lauf.

Plötzlich gelte Ferguson als "Vorstadtghetto", klagt Fletcher, ein Weißer. "Das beleidigt uns." Sicher, 67 Prozent der Einwohner seien Schwarze, während die überwältigende Mehrheit des Stadtrats und der Polizei weiß sei. Doch Fragen Ungleichheit sei man hier stets "direkt angegangen". Warum also jetzt dieses Chaos?

"Die ganze Welt sitzt uns im Nacken", sagt Fletcher. "Wir brauchen Hilfe."

Fergusons Probleme begannen Anfang August, als der schwarze Teenager Michael Brown hier von einem weißen Cop erschossen wurde. Proteste, Polizeiübergriffe, Plünderungen: Wochenlang schrieb Ferguson schlimme Schlagzeilen als Ground Zero der Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen Amerikas.

Demonstration gegen Polizisten (Mitte Oktober): Ferguson ist zweigeteilt
AFP

Demonstration gegen Polizisten (Mitte Oktober): Ferguson ist zweigeteilt

Inzwischen liegt ein brüchiger Friede über dem Ort. Ferguson bleibt zerrissen und zerstritten, ein Pulverfass. Die einen sehen Brown als Opfer rassistischer Polizeigewalt. Die anderen verteidigen Darren Wilson, den Todesschützen: Der 28-Jährige habe aus Notwehr gehandelt.

Jetzt droht erneut eine Eskalation. Die zuständige Grand Jury kann Wilson anklagen oder Notwehr geltend machen - oder den Fall ganz zu den Akten legen. Die neun weißen und drei schwarzen Geschworenen wollen ihre Entscheidung bald verkünden, vielleicht sogar schon in den nächsten Tagen.

Mit einer Anklage rechnet kaum jemand, selbst die meisten Schwarzen nicht. Bezirksstaatsanwalt Bob McCulloch gilt als befangen, sein Vater war ein Polizist, der seinerseits von einem Schwarzen erschossen wurde. Stattdessen fürchten viele hier, dass sich die Wut in neuen Unruhen entladen könnte, sollte Wilson ungeschoren bleiben.

"Wenn Wilson nicht angeklagt wird, werden unsere Straßen brennen", prophezeit Hazel Erby, die erste und einzige Schwarze im Bezirksrat von St. Louis, wo sie auch Ferguson vertritt. "Es macht mir Angst."

Brennendes Memorial für Michael Brown: Anschließend nur noch größer
AP/Jacob Crawford

Brennendes Memorial für Michael Brown: Anschließend nur noch größer

"Es wird uns nicht helfen, wenn Wilson davonkommt", findet auch Tommy Pierson, der Pastor der Greater St. Mark Family Church in Ferguson. Resigniert fügt der ehemalige Fließbandarbeiter hinzu: "Selbst bei einer Anklageerhebung wird es Plünderungen geben." Courtney Allen Curtis, einer von 17 Schwarzen im Landesparlament von Missouri, appelliert an die Vernunft: "Dies wird für Generationen das Erbe von St. Louis sein." "Egal wie es ausgeht, die Leute werden auf die Straßen strömen", sagt Montague Simmons von der Organization for Black Struggle. "Aus Freude - oder Rage."

Die Polizei rüstet bereits auf. Die Beamten sind in Alarmbereitschaft, Zwölf-Stunden-Schichten, rund um die Uhr. Auch hat die Bezirkspolizei für mehr als 172.000 Dollar neue Ausrüstung eingekauft: 25.000 Kanister Tränengas, 2000 Paar Handschellen, 37.000 Helme, Schilder und Schlagstöcke. "Wir haben das Material in der Hoffnung besorgt, dass wir es nie einsetzen müssen", erklärt ein Sprecher.

Dabei hatte das repressive Vorgehen der Polizei schon im August international für Kritik gesorgt. Amnesty International warf den Behörden in Ferguson flagrante "Menschenrechtsverletzungen" vor. "Ich kenne solche Szenen", sagte die Uno-Menschenrechtsbeauftragte Navi Pillay, in Anspielung auf das Apartheidsregime in ihrer Heimat Südafrika.

Wilde Gerüchte kursieren. Polizeichef Tom Jackson dementierte, dass er zurücktreten wolle, um den Schock einer Nicht-Anklage abzufedern. Interessierte Kreise lancierten geheime Details der Ermittlungen in der Öffentlichkeit, die Wilson zu entlasten schienen. "Nur eine Anklage kann uns zufriedenstellen", beharrt die schwarze Aktivistin Patricia Bynes.

Polizist in Ferguson: Hochgerüstet für den Krieg
AP/dpa

Polizist in Ferguson: Hochgerüstet für den Krieg

Der harte Kern der Demonstranten gibt nicht auf. Sie störten eine Vorstellung des Sinfonieorchesters von St. Louis und ein Baseballspiel der St. Louis Cardinals. Täglich postiert sich eine kleine Gruppe mit Gartenstühlen gegenüber der Polizeiwache, dem modernsten Bau im Ort, um die Cops anzubrüllen, wenn sie zur Arbeit kommen oder nach Hause gehen.

Darren Wilson selbst ist seit dem Vorfall untergetaucht. Strafverfahren mussten deshalb eingestellt werden, darunter ein Drogenfall, weil Wilson nicht vor Gericht erschien. Die Leute munkeln, er fürchte um sein Leben und habe sich einen Bart wachsen lassen und die Haare gefärbt.

Brian Fletcher hatte eine andere Idee, um die Lage zu entschärfen: fröhliche Slogans. "I love Ferguson" hat der Ex-Bürgermeister nicht nur auf T-Shirts drucken lassen, sondern auch auf Polohemden, Kaffeetassen, Trinkgläsern - und auf zehntausend Pappschildern für Vorgärten und Schaufenster.

Ferguson, beharrt Fletcher, sei anders als "in den internationalen Medien dargestellt" - ein "Ort der Vielfalt", mit Cafés, einer Weinbar, einer Bierbrauerei und einem "preisgekrönten Bauernmarkt". Die Randalierer kämen meist von außerhalb. Das bestätigt Bezirksrätin Erby: "Ich kenne Gruppen, die reisen eigens an. Sie sind gewaltbereit und haben Waffen."

Zu der Imagekampagne gehören auch Spendenaktionen wie neulich, als sie Spielzeuge und 6000 Windeln an "unsere Bedürftigen" verteilten. "Ich bin selbst in Armut aufgewachsen", sagt Fletcher. Er verstehe die historische Vorbelastung der Schwarzen: "Die wurden ja in Ketten hierher gebracht."

PR-Kampagne "I love Ferguson": Naive Parolen für den Imagewandel
AFP

PR-Kampagne "I love Ferguson": Naive Parolen für den Imagewandel

Vor allem Weiße beteiligen sich an seiner Initiative. Und Fletchers Parolen können nicht darüber hinwegtäuschen: "Es gibt zwei Fergusons", sagt Bezirksrätin Erby.

Auf der einen Seite liegt der Ortskern, gepflegt und mit ersten Weihnachtsdekorationen. Hier finden sich das Rathaus, die Polizeiwache, die Feuerwehr, besagte Weinbar und Fletchers "I love Ferguson"-Laden. An einem Zaun hängen Schleifen ("Love and Peace"). "Wir sind eine Familie", steht auf einem Schild am Straßenrand.

Das andere Ferguson liegt jenseits der Bahntrasse. An der West Florissant Road, dem Brennpunkt der Proteste, verfallen die Bauten, die Straßen sind leer und viele Geschäfte verbrettert, sie waren geplündert oder in Brand gesteckt worden. Hier mahnt ein Poster: "Rettet Ferguson."

Der Canfield Drive führt in das Sozialviertel, in dem Michael Brown lebte. Hier, mitten auf der Straße, ließen sie seine Leiche stundenlang in der Hitze liegen. Die Stelle ist unübersehbar: Teddybären, Plüschhasen, Baseballmützen, Kerzen, Kruzifixe und verwelkte Blumensträuße stapeln sich zum Mahnmal. Auf den Asphalt gesprüht, ein Klageruf: "Mike Mike."

Im September zerstörte ein Feuer das Denkmal, danach wurde die Ansammlung nur noch größer. Die Brandursache bleibt ungeklärt: Die Anwohner beschuldigen die Polizei, die Polizei sagt, eine Kerze sei umgefallen.

Michael Browns Beerdigung (im August): Leiche mitten auf der Straße
DPA/AP Photo/New York Times, Richard Perry, Pool

Michael Browns Beerdigung (im August): Leiche mitten auf der Straße

Und so herrscht ein unsichtbarer Belagerungszustand in Ferguson. Kürzlich hätten Schulkinder sie gefragt, wie es weitergehe, berichtet Hazel Erby mit Tränen in den Augen. "Ich wollte ihnen keine Angst machen und habe gesagt: Bleibt zu Hause, hört auf eure Eltern, mischt euch nicht ein."

Wie angespannt die Situation ist, zeigte jüngst eine Sitzung des Stadtrats. Dutzende drängelten sich in den engen Gemeindesaal des Rathauses, um ihren Sorgen, ihrem Ärger und Frust Luft zu machen.

"Erst eine Tragödie hat die Ungleichheiten hier enthüllt", sagte Adrienne Hawkins. Sie hat "One Ferguson" gegründet, eine Grassroots-Gruppe aus Weißen und Schwarzen. "Ferguson darf nicht gespalten werden."

Eine ältere weiße Dame schlägt unterdessen vor, kollektiv zu beten: "Ferguson braucht jetzt Gott!" Sie bekommt am meisten Beifall.

Zum Autor
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Marc Pitzke

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.