Polizeichef Ron Johnson Der Friedensstifter von Ferguson

Gespräche statt Gummigeschosse: Ron Johnson hat die eskalierte Lage in der US-Kleinstadt Ferguson beruhigt. Panzerfahrzeuge und Polizisten in Kampfmontur sind aus den Straßen verschwunden - zur Freude der Protestierenden.

AP/ St. Louis Post-Dispatch

Ferguson - Es ist eine radikale Kehrtwende in der Polizeistrategie. Anders als in den vorangegangenen Nächten traten die Sicherheitskräfte am Donnerstag in Ferguson nicht mehr rabiat auf: keine Panzerfahrzeuge, keine Militärkluft, keine Sturmgewehre, keine Blendgranaten, keine Gummigeschosse, kein Tränengas.

Missouris Gouverneur übertrug die Verantwortung für die Kleinstadt der Autobahnpolizei, einer bundesstaatlichen Behörde. Das Kommando vor Ort führt nun Ronald S. Johnson, der 51-Jährige setzt auf Dialog und Deeskalation.

In Ferguson, einem Vorort von St. Louis, waren nach dem Tod des Afroamerikaners Michael Brown Unruhen ausgebrochen. Der 18-Jährige war unbewaffnet von mehreren Kugeln aus der Dienstwaffe eines weißen Polizisten getroffen worden. Es habe zuvor einen Angriff auf den Beamten gegeben, so die Darstellung der Polizei. Freunde und Familie des Opfers vermuten hingegen einen rassistischen Hintergrund. Seither hatten sich die mehrheitlich schwarze Bevölkerung und mehrheitlich weiße Provinzpolizisten Straßenschlachten geliefert. Es gab Dutzende Festnahmen.

"Wir sind nicht hier, um Angst zu verbreiten"

In dieser aufgeheizten Situation war die Benennung von Ron Johnson ein kluger Schachzug: Er ist Afroamerikaner, stammt aus der Gegend, gilt als erfahren und hat eine steile Karriere hingelegt. Er hat einen Hochschulabschluss in Strafrecht und arbeitet seit 27 Jahren bei der Autobahnpolizei. Laut "Washington Post" wurde Johnson 2007 in eine Aus- und Fortbildungskommission Missouris für Gesetzeshüter berufen. Er leitet zudem eine Einheit der Autobahnpolizei, die für elf Bezirke zuständig ist, darunter auch St. Louis. "Es bedeutet mir auch persönlich eine Menge, dass wir die Spirale der Gewalt durchbrechen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Ferguson. "Ich bin hier aufgewachsen, und das ist immer noch meine Heimat."

Welch radikal anderen Ansatz Johnson verfolgt, machte er anschließend deutlich - in Worten und mit Taten. "Wir sind hier um den Menschen zu dienen und sie zu beschützen", sagte er. "Wir sind nicht hier, um Angst zu verbreiten." Er habe Verständnis für die Wut und die Furcht der Einwohner von Ferguson. Diese Gefühle, sagte Johnson, würden seine Männer respektieren. Er habe alle Polizisten angewiesen, ihre Atemschutzmasken abzulegen.

Video auf vine.co

Anschließend mischte Johnson sich mit einer Handvoll Kollegen, alle in normaler Uniform, unter die Demonstranten, die sich erneut zu Tausenden in Ferguson versammelt hatten. Als der Protestzug sich in Richtung der Stelle aufmachte, an der Michael Brown erschossen worden war, marschierte Johnson mit. "Es geht um diesen jungen Mann hier", sagte er einem CNN-Reporter, und hielt ein Foto von Brown in die Höhe. "Es geht um Gerechtigkeit für Jedermann."

Bei den Protesten engagierten sich "Leute, die ich aus der Schule kenne", sagte Johnson. Und auch bei ihm zu Hause sei der Frust spürbar: Seinem 21 Jahre alten Sohn und der zwei Jahre älteren Tochter müsse er "dieselben Fragen beantworten wie alle anderen Eltern hier auch". Johnson kritisierte auch die fehlende ethnische Vielfalt innerhalb der US-Polizei. Seit Jahren prangern Bürgerrechtler mehr oder minder offenen Rassismus innerhalb der Sicherheitskräfte an.

Die neue Strategie in Ferguson scheint zu fruchten. Es blieb in der Nacht deutlich ruhiger als in den Nächten zuvor, es flogen keine Molotowcocktails. Die Menge war friedlich, teils gar in emotional-festlicher Stimmung. Immer wieder kamen Demonstranten zu Johnson und seinen Kollegen, um ihnen die Hand zu reichen. Johnson diskutierte mit mehreren jungen Männern. Einer von ihnen kam nach dem Gespräch auf den Polizisten zu und umarmte ihn.

Die Menschen in Ferguson begrüßen das neue Vorgehen der Polizei. "Alles was sie vorher gemacht haben, war uns anzuschauen und mit Tränengas zu beschießen, sagte Pedro Smith. Doch jetzt sei alles anders. "Nun werden wir mit Respekt behandelt." Auch der Student Mark Hall äußerte sich positiv: "Ich bin so glücklich, dass sie uns in Ruhe lassen. So können wir zeigen, dass wir nur die Möglichkeit haben wollen, unsere Rechte friedlich wahrzunehmen." Alles, was man wolle, sei die Chance, gehört zu werden.

wit/AP/Reuters/AFP

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Seite 1
karl-der-gaul 15.08.2014
1.
Ich hab nirgendwo gelesen was eigentlich an dem Tag passiert ist als der junge Schwarze erschossen wurde. Ist der weiße Polizist in der früh aufgestanden und dachte heute ist ein feiner Tag einen schwarzen Jungen zu erschießen. Es muss irgendwas vorher passiert sein. Was den?
meine 15.08.2014
2. irrenhaus
Die USA sind ein totales Irrenhaus geworden. Leider mit weltweitem Sendungsbewusstsein. Das ist nicht der American Way of Life mit dem ich großgeworden bin. Wo ist das Land geblieben, dass Bürgerrechte achtet und verteidigt? Stattdessen Krieg und Gewalt nicht nur weltweit sondern auch gegen die eigene Bevölkerung. Auch im Geheimen, s. NSA. Ich schüttle fassungslos den Kopf über dieses Amerika, das mit dem Land, das ich einst bewundert hatte nichts mehr gemein hat.
walter_e._kurtz 15.08.2014
3. sehr schön
Zitat von sysopAP/ St. Louis Post-DispatchGespräche statt Gummigeschosse: Ron Johnson hat die eskalierte Lage in der US-Kleinstadt Ferguson beruhigt. Panzerfahrzeuge und Polizisten in Kampfmontur sind aus den Straßen verschwunden - zur Freude der Protestierenden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ferguson-ron-johnson-beruhigt-proteste-nach-tod-von-michael-brown-a-986282.html
...daß hier ganz offensichtlich ein alternativer Ansatz zum Law-and-Order Gehabe des völlig überforderten Dorfsheriffs gefunden wurde. Alles Gute und viel Glück, daß sich die Situation (nicht nur) in Ferguson zum Guten hin wandelt. Das wird ein langer Weg.
sponner_hoch2 15.08.2014
4.
Zitat von karl-der-gaulIch hab nirgendwo gelesen was eigentlich an dem Tag passiert ist als der junge Schwarze erschossen wurde. Ist der weiße Polizist in der früh aufgestanden und dachte heute ist ein feiner Tag einen schwarzen Jungen zu erschießen. Es muss irgendwas vorher passiert sein. Was den?
Stand hier in irgendeinem anderen Artikel (könnte SpOn aber in der tat öfter verlinken): MIchael Brown und sein Freund waren auf dem Weg zu Großmutter und gingen wohl auf der Straße. Der Polizist forderte sie auf, auf den Bürgersteig zu gehen. Die beiden antworteten, es sind eh nur noch ein paar Meter, die könnten sie auch noch auf der Straße laufen. Daraufhin hat der Polizist Brown in den Wagen gezehrt, es gab einen Schuß im Wagen, Brown ist aus dem Wagen raus und stand/ging dann draußen mit erhobenen Händen, dann hat der Polizist mehrmals auf in geschossen. Alles ohne Gewähr, da a) aus meiner Erinnerung und b) ich nicht mehr weiß, von wem diese Schilderung kam. Ich hoffe, dass das FBI mit seinen Ermittlungen Licht in die Sache bringen kann. Wie auch immer, warum zwingend irgendwas passiert sein *muß* (wie sie schreiben), erschließt sich mir nicht. Sooooo undenkbar ist es ja nicht, dass kein objektiv nachvollziehbarer Grund für eine Eskalation vorgelegen hat und der Polizist letztenendes aus "Spaß" geschossen hat. Da kann ja schon eine "Respektlosigkeit" wie ein nicht gesagtes "Sir" reichen, um auszurasten - willkommen in den Südstaaten, vor allem bei der Polizei mit paramilitärischer Ausbildung und Corpsgeist. Der http://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi-B%C3%BCrgerrechtsaktivistenmord ist gerade mal 50 Jahre her, und die Reaktion der Vertreter von Mississippi 1989 (siehe unten im Wikipedia-Artikel) sogar erst 25 Jahre.
sponner_hoch2 15.08.2014
5.
Zitat von walter_e._kurtz...daß hier ganz offensichtlich ein alternativer Ansatz zum Law-and-Order Gehabe des völlig überforderten Dorfsheriffs gefunden wurde. Alles Gute und viel Glück, daß sich die Situation (nicht nur) in Ferguson zum Guten hin wandelt. Das wird ein langer Weg.
So weit ich weiß nicht der Dorf-"Sheriff": Laut NY Times war für die Einsätze bei den Demonstrationen nicht die mehr die Polizei von Ferguson federführend, sondern die Polizei von St. Louis County (nicht zu verwechseln mit der Polizei von St. Louis Stadt). Was es jetzt allerdings auch nicht besser macht...
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