Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Unruhen in Ferguson: Die belagerte Stadt

Aus Ferguson berichten und (Video)

AP/dpa

Eine Stadt ringt mit der Gewalt: Nacht für Nacht herrscht seit den Schüssen auf Michael Brown Ausnahmezustand in einer US-Kleinstadt. Tagsüber sieht das ganz anders aus. Ein schier unwirkliches Bild.

Als es mehr oder weniger vorbei war letzte Nacht, als die meisten Molotowcocktails geflogen und die Tränengasgranaten verschossen waren, da ging der Polizeibeamter Ron Johnson noch einmal die West Florissant Avenue in Ferguson entlang. Jene Straße also, auf der seit mehr als einer Woche bei Tag demonstriert und bei Nacht gekämpft wird.

Johnson, Kommandeur der in Ferguson eingesetzten Polizisten, sagte: "Das muss aufhören." Er sagte das mehrmals in dieser Nacht.

Schüsse seien gefallen, die seine Polizisten aber nicht erwidert hätten. Feuerwaffen wurden beschlagnahmt, auch ein Molotowcocktail. Johnson sprach von "Gewaltverbrechern", die er von den friedlichen Demonstranten abgrenzte, die seit dem Tod Michael Browns auf die Straße gehen. Etwa 70 Personen wurden in der letzten Nacht festgenommen; zwischenzeitlich auch Journalisten, darunter Deutsche.

Es lief nicht gut in dieser Nacht im Vorort von St. Louis. Mal wieder nicht.

Fotostrecke

4  Bilder
Festnahme von Reportern in Ferguson: "Eklatante Verletzung der Pressefreiheit"
Am Tatort ein Berg von Teddybären

Fünf Stunden später patrouilliert Ron Johnson erneut auf der West Florissant Avenue. Nicht weit von hier, ein paar Hundert Meter den Canfield Drive runter, ist Brown am Samstag vor einer Woche vom Polizisten Darren Wilson vier Mal in den rechten Arm und zwei Mal in den Kopf geschossen worden.

Der Einsatzleiter Johnson sieht an diesem Dienstagmorgen überhaupt nicht müde aus. Nein, sagt er, über gestern werde er nicht reden. Auch nicht über vorgestern. Und schönreden werde er schon gar nichts: "Aber heute ist ein neuer Tag, die Sonne scheint, die Bürger räumen auf, sehen Sie die vielen jungen Leute!" Johnson zeigt auf die Straße, überall Freiwillige mit Müllbeuteln.

Allein, es gibt gar nicht so viel aufzuräumen, wie sie aufräumen wollen. Dafür, dass hier wenige Stunden zuvor Krawall war, sieht das alles unwirklich sauber aus, wirkt viel zu ruhig. Am Tatort hat sich mitten auf dem Canfield Drive ein Berg von Teddybären und Andenken gesammelt. Es ist still, gepflegter Rasen, hin und wieder hört man ein Flugzeug, ein paar Grillen. Sonst nichts. "Hands up! Don't shoot!", erinnert ein Plakat an die Schüsse auf Michael Brown.

"Jeden neuen Tag machen wir einen kleinen Schritt vorwärts", sagt Johnson, "und irgendwann können wir das Ding drehen."

Erklärungsversuche vom neuen Commander

Tatsächlich? War es nicht in den ersten Tagen ausgerechnet die Polizei, die mit Militär-Style und -Taktik den Konflikt weiter befeuert hat? Und wurde es dann, als der Bundesstaat Missouri die örtliche Polizei entmachtete und dem Afroamerikaner Johnson von der Autobahnpolizei das Kommando übertrug, nicht viel friedlicher? Nur um in den letzten Nächten, mit zunehmender Polizeihärte, wieder ins Gegenteil umzuschwenken? Da ist was dran.

Johnson andererseits will das nicht so stehen lassen, schließlich müssten seine Leute auf Gewalttäter reagieren. Auch da ist was dran. Viele Bewohner sehen das so. Ermon K. Trotter, schwarzer Pfarrer aus Ferguson, sagt: "Wenn hier Leute Molotowcocktails werfen, dann muss und soll sich die Polizei schützen." Um die Ecke, bei Red BBQ, steht Sean Wilson, ein Weißer, im halb zertrümmerten Restaurant und schneidet Spanplatten zu. Für die Fenster. Vieles sei zerstört worden von Leuten, die gar nicht hier wohnten, sagt er. Die reisten extra an, etwa aus Chicago oder Texas. Denn wieso sollten die Einwohner ihre eigenen Geschäfte zerstören? Hier kauften sie ja ihr Benzin, ihr Essen, ihre Zigaretten. "Die meisten protestieren friedlich, das ist wunderbar, das ist Amerika", sagt Wilson, der nicht mit dem Polizisten Wilson verwechselt werden will, der die tödlichen Schüsse abgab. Weder verwandt noch verschwägert, betont er. Die Wut der Schwarzen könne er verstehen.

#FergusonProud pinseln sie auf die Spanplatten

Jetzt knirscht es im Eingangsbereich, Schuhe auf Scherben, Wilsons dunkelhäutiger Chef kommt rein: "Wir machen heute Barbecue, feuer den Grill an!" Barbecue trotz der zerbrochenen Scheiben, trotz der Wasserpfützen im Restaurant? Der Chef, der seinen Namen nicht in den Medien lesen will, sagt: "Indem wir öffnen, senden wir ein positives Signal der Stärke." Wilson, der Handwerker, solle draußen an die Spanplatten ein Hashtag pinseln: #FergusonProud. Wilson nickt. "Wir machen sauber", sagt er. "Und dann machen wir Barbecue." Serviert werde eben draußen auf dem Parkplatz.

Fast alle Geschäftsleute auf der West Florissant Avenue haben ihre Läden verrammelt. Aber die meisten haben diesen einen Satz draußen angeschrieben: "Wir haben geöffnet." So wird zu Beginn der zweiten Woche nach dem Tod des Teenagers deutlich, wie sich der Protest mehr und mehr spaltet. Da ist der friedliche und wütende und enttäuschte Protest der Schwarzen, die sich Fergusons von Weißen dominierter Polizei und den Behörden ausgeliefert fühlen. Ein Protest gegen rassistische Übergriffe im Alltag, der, zumindest über die sozialen Netzwerke, längst ein nationaler geworden ist.

Und dann gibt es da die Krawalltouristen, die mit Ferguson wohl nichts verbinden außer der Möglichkeit von, ja genau, Krawall. Es sind vielleicht nicht so viele, wie das mitunter auf TV-Bildern erscheinen mag. Weil da ein paar Dutzend Menschen schnell wie eine große Gruppe wirken können. Aber ist das ein Trost für die Einwohner von Ferguson, die Gerechtigkeit fordern ("No justice, no peace!") und außerdem ihren Alltag zurückhaben wollen? Nicht wirklich.

In wenigen Stunden beginnt die nächste Nacht von Ferguson.

Lesen Sie hier eine Chronologie der Ereignisse in Ferguson.

Chronologie

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jetzt wird einem erst klar,
Nabob 19.08.2014
mit welchem permanenten sozialen Überdruck dort schwarz und weiß miteinander leben. Das betrifft sowohl das extreme Töten eines Unbewaffneten mit 6!!!! Polizistenschüssen, und das Entsetzen der sozialen Undogs und die damit empfundene, abermalige Erniedrigung, es sei rechtens, Schwarze wie die Spatzen abschießen zu können, ohne als Weißer dafür belangt zu werden.
2.
nano-thermit 19.08.2014
You are free to do as we tell you... Die größte Demokratie verbittet sich demokratisch Grundrechte wie Demonstrationen.
3. Die meisten tun mir einfach leid
Freiberufler 19.08.2014
aber sie müssen lernen, friedlich zusammen zu leben, denn das scheint es zu sein, was in den USA immer noch nicht funktioniert. Daran müsssen sie arbeiten, jeden Tag. ------------- Gruss vom Freiberufler
4. Grade eben...
w.bartz 19.08.2014
hört man das es noch einen schwarzen Jugendlichen erwischt hat... Was ist denn da bloß los??? :(
5. An NANO Thermit
Hans Kupfer 19.08.2014
Demonstrationen ja, aber Brandschatzungen und Plünderungen sowie Selbstjustiz als Sippenhaftung nein. Aber Leute wie sie basteln sich ihr krudes Weltbild ja selbst. Wenn ihr Eigentum zerstört und geplündert wird, sind sie die ersten die jammern und nach der bösen Polizei rufen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Fotostrecke
Proteste: Eskalation in Ferguson

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: