Fetischistenfotos "Die intensivste Form der Umarmung"

Sie lieben Latex, Schmerzen oder Hundekostüme: Die Sexualität von Fetischisten ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Florian Müller fotografierte die ungewöhnlichen Leidenschaften - und erlebte Verstörendes wie Schönes.

Florian Müller/ Edition Lammerhuber

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Müller, was treibt einen Fotografen in die Fetischszene? Die Suche nach extremen Motiven?

Müller: Ich würde die Motive nicht extrem nennen, eher exotisch. Und für Fetischisten sind sie sogar alltäglich. 2008 habe ich mich das erste Mal mit dem Thema beschäftigt. Damals ging es noch darum, die Arbeitswelt in einem Dominastudio zu dokumentieren. Da habe ich gemerkt, wie groß die Bandbreite der Gelüste des Menschen ist. Das hat mich interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat es sich angefühlt, als Sie das erste Mal bei einer Fetisch-Session dabei waren?

Müller: Totales Unverständnis meinerseits. Ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, wie Menschen so Lust empfinden können. Aber auch das war ein Grund, mich so intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich wollte es verstehen können.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Momente, die schwer erträglich waren?

Müller: Es sind Sachen passiert, die ich so nicht hätte sehen, hören, riechen wollen. Ich kann etwa klinische Fetische oder die Neigung, extreme Schmerzen zu empfinden, nur schwer nachvollziehen. Wenn sich zum Beispiel jemand in einem Rollenspiel wie ein Schwein schlachten lassen will und am Anfang wie ein Schwein quiekt, kann ich das ertragen. Wenn er aber während der Session so starke Schmerzen erlebt, dass ein leidvolles menschliches Wehklagen daraus wird, dann geht mir das nah. In solchen Momenten war es gut, dass die Kamera da war. Sie hat für etwas Abstand gesorgt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ziemlich extrem.

Müller: Ja, es gab schon ein paar verstörende Sessions. Aber es gab auch sehr viele harmlose Momente, in denen es um ganz grundsätzliche menschliche Bedürfnisse ging, wie Nähe und Geborgenheit. Oft ist der Weg dorthin jedoch nicht allzu offensichtlich.

Zur Person
  • Rafael Gruber
    Florian Müller, Jahrgang 1982, studierte Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Vor seinem "Sessions"-Projekt fotografierte er unter anderem einen Slum in Neu Delhi und Stelzenfischer in Sri Lanka. Für ihn besteht kein allzu großer Unterschied zwischen Geschichten wie diesen und "Sessions": "Das Eintauchen in fremde Lebenswelten ist für mich ein zentraler Antrieb. Die Parallele besteht für mich darin, mich mit dem Alltag anderer Menschen auseinanderzusetzen."
SPIEGEL ONLINE: Wussten die Fotografierten, wie Sie zu ihren Fetischen stehen?

Müller: Ich bin sehr offen mit den Leuten umgegangen und habe versucht, allen gegenüber ehrlich zu sein. Ich habe immer gesagt, wenn ich etwas nicht nachvollziehen konnte oder wenn ich etwas unangenehm fand.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Menschen darauf reagiert?

Müller: Erstaunlich cool. Die wussten ja schon, dass viele Leute ihre Leidenschaft nicht verstehen oder sogar verurteilen. Sie fanden es gut, dass ich mich damit auseinandergesetzt habe. Ich glaube, die Ablehnung, die diesen Menschen aus der Gesellschaft entgegenschlägt, kann man gar nicht mehr toppen. Wenn es zu einem offenen Gespräch kommt, gibt es ja schon eine Nähe und ein Interesse, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Nähe herzustellen und Vertrauen aufzubauen, war ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Es ist schließlich nicht selbstverständlich, dass man sich von einem Fremden bei sexuellen Handlungen fotografieren lässt.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Akteure die Fotos gesehen?

Müller: Ich habe allen Fotografierten Bilder gegeben. Solche Aufnahmen haben einen enormen Stellenwert in dieser Szene. Eine Fetischistin hat sich bei mir zu Hause die Fotos angeguckt, die wir eine Woche vorher gemacht haben, und sich dann so in ihren Erinnerungen verloren, dass sie angefangen hat zu weinen. Diese Person trägt gerne Latexanzüge und nimmt damit eine andere Identität an. Das bedeutet für sie eine so unglaubliche Freiheit, dass sie schon die Erinnerung zu Tränen gerührt hat.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das Projekt auf Ihre eigene Sexualität ausgewirkt?

Müller: Nicht auf meine Sexualität. Aber sehr bereichernd waren die Momente, in denen mir die Menschen erklärt haben, was ihnen ihr Fetisch gibt, und ich sie ein bisschen besser verstanden habe.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern sie sich an eine bestimmte Situation?

Müller: Im Band gibt es ein Bild, wo ein Mann in einem Vakuumbett liegt. Verpackt in durchsichtigem Latex, wie ein Stück Fleisch, komplett bewegungsunfähig und nur mit einem Schlauch zum Atmen. Das sieht erst mal abschreckend aus. Als die Session zu Ende war, habe ich ihn gefragt, wie er das empfindet. Er hat gesagt, es sei die intensivste Form der Umarmung, die man sich vorstellen kann. Das hat für mich etwas ganz Positives, Menschliches, obwohl das Szenario so kalt und unmenschlich wirkt. So erzählen die Bilder trotz ihrer Drastik eine sehr lebensbejahende Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Geschichte?

Müller: Es geht um Menschen, die Wege gefunden haben, sich wohlzufühlen.

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