Flucht vor dem Rassismus Der Durchboxer

Er war der einzige Schwarze in Schwedt und Ausländerbeauftragter der Stadt. Vor rund einem halben Jahr floh Ibraimo Alberto vor dem alltäglichen Rassismus nach Karlsruhe. Der Ex-Boxer pflegt jetzt einen Schwerkranken und versucht, mit seinen Erfahrungen im Osten Frieden zu schließen.

Dominik Drutschmann

Von Dominik Drutschmann, Karlsruhe


Ibraimo Alberto ist neun Jahre alt, als er glaubt, sterben zu müssen. Es sind noch 500 Meter bis zu seinem Elternhaus, einer Holzhütte, mitten im mosambikanischen Dschungel. Auf dem schmalen Weg durch das Dickicht sitzt ein Löwe und starrt den kleinen Jungen an. "Ibraimo, du darfst niemals wegrennen, wenn ein Löwe kommt - sonst denkt er, du bist seine Beute." Die Worte seines Großvaters hallen in Ibraimos Kopf nach, als der Löwe langsam auf ihn zukommt. Er beschnuppert ihn, geht um ihn herum, berührt ihn fast mit seiner Schnauze. Dann, mit einem Satz, ist er weg, verschluckt vom tiefen Schwarz der Dschungelnacht.

Als Ibraimo Alberto die Geschichte zu Ende erzählt hat, fasst er sich mit der rechten Hand an die linke Brust, als könne er das Herzrasen von damals auch heute noch spüren. Er hat früh gelernt, nicht wegzulaufen.

Fast sein ganzes Leben lang glaubte Ibraimo Alberto, 48 Jahre alt, dass es keine Gefahren gibt, mit denen er nicht fertig werden könnte. Er überlebte die portugiesische Kolonialzeit in Mosambik, wanderte mit 18 Jahren in die ehemalige DDR aus. In Ost-Berlin arbeitete er Anfang der achtziger Jahre als Fleischer, nebenbei boxte Alberto. Durch den Sport kam er nach Schwedt. Für die 34.000-Einwohner-Stadt in der Uckermark stieg er in den Ring - mehr als hundertmal. Er war ein guter Boxer, schaffte es bis in die Bundesliga. "Jede Woche stand ich in der Zeitung", sagt er.

Nach der Boxkarriere studierte Alberto Sozialarbeit, engagierte sich ehrenamtlich. Dann kam die Wende.

Ein Drittel der Einwohner von Schwedt hat die Stadt seither verlassen, die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent. In der Zeitung stand Alberto nach der Sportkarriere nur noch selten. Die Schwedter Jugend kannte die DDR nur noch aus Erzählungen. Ibraimo Alberto, den erfolgreichen Boxer, kannten sie gar nicht. "In den Neunzigern wurde die Stimmung gegen Ausländer immer schlimmer", sagt er heute.

Er war das Aushängeschild für Integration

Ibraimo Alberto hielt es lange in Schwedt aus, nach 21 Jahren aber rannte er weg, zum ersten Mal in seinem Leben. Er, der zuletzt Ausländerbeauftragter der Stadt war, floh vor dem Rassismus seiner Mitbürger. "Wegzulaufen", sagt er heute, "war die beste Entscheidung meines Lebens".

Alberto sagt nicht, dass alles schlecht war in Schwedt, aber gut genug war das Leben in den vergangenen Jahren nicht mehr. Im Boxverein hatte er sich immer akzeptiert gefühlt, die Arbeit mit Jugendlichen erfüllte ihn. Wer ihn besser kennenlernte, dessen Herz gewann Alberto schnell. Die Familie seiner ostdeutschen Frau nahm ihn herzlich auf. Am Ende hat das nicht gereicht.

Alberto hat im hintersten Winkel eines Karlsruher Cafés Platz genommen, am Nachbartisch unterhalten sich zwei Damen um die 70. Unter Albertos dünnem Pullover zeichnen sich deutlich die breiten Schultern des ehemaligen Boxers ab. Außer der Stirnglatze deutet nichts darauf hin, dass er auf die 50 zugeht. Wenn er vom Dschungel erzählt und vom Großvater, dann leuchten seine Augen. Spricht Ibraimo Alberto über Schwedt, dann verengen sie sich zu Schlitzen, die Finger trommeln einen nervösen Rhythmus auf die Tischplatte, er spricht lauter und härter: "Dass ich nicht früher abgehauen bin, macht mich so wütend." Mit halbgeöffneten Mündern lauschen jetzt auch die beiden Frauen am Nachbartisch Albertos Geschichte.

Im Jahr 2006 wurde Alberto arbeitslos, untätig war er nicht. Als Ausländerbeauftragter der Stadt nahm er bis Mitte 2011 an 104 Kongressen teil, die Hälfte davon bezahlte er aus eigener Tasche. Er war das Aushängeschild für Integration einer Stadt, in der er selbst beleidigt und verprügelt wurde, weil er schwarz ist. Er sagt, er habe zwölfmal Strafanzeige erstattet. Zu einer Verurteilung kam es jedoch nie. Wie kann das sein? "Ich glaube die haben meine Anzeige weggeschmissen, wenn ich zur Tür raus war", sagt Alberto. Wenn die Polizei zum Tatort gekommen sei, dann mit Blaulicht und Sirene. Die Angreifer waren da längst wieder verschwunden. So erzählt es Alberto.

Nach der Flucht kommt die Wut

Mann gegen Mann wusste Alberto sich zu wehren, ein Boxer verlernt das nicht. Er leugnet nicht, dass es ihm manchmal Genugtuung verschaffte, seine Gegner zu besiegen. Wenn ein Dutzend Nazis auf ihn zulief, wusste auch der Boxer Ibraimo nicht mehr weiter.

Es gibt Menschen in Schwedt, die Albertos Flucht in den Westen verstehen. "Ich kann nachvollziehen, dass Ibraimo gegangen ist", sagt Frank Bürger, Vorsitzender von PoDeSt. Der Verein Polnisch-Deutsche Standortentwicklung leitete in Schwedt einen Jugendtreff, in dem sich Ibraimo Alberto engagierte. "In unserem Verein wollten Leute nichts mit Ibraimo zu tun haben, weil er schwarz ist", sagt Bürger.

Längst hatte da der Hass Albertos Familie schon erreicht. Seine Ehefrau Birgit erkrankte an einer Depression, gab ihre Arbeit auf. Als auch die Kinder als "Negersau" beschimpft werden, fällte Ibraimo Alberto eine Entscheidung: Weg hier, so schnell wie möglich.

Nach der Flucht aus Schwedt entlud sich die Wut von Ibraimo Alberto. Er wandte sich an die Presse, erzählte, wie es ist für einen Schwarzen, der in Brandenburg lebt. Gefallen hat das den Schwedtern nicht. Der Bürgermeister Jürgen Polzehl will sich zur Sache gar nicht mehr äußern. Seine Pressesprecherin bemüht sich, freundliche Worte für Alberto zu finden. Ein ganz lieber Mann sei das gewesen. Aber Schwedt stehe jetzt zu Unrecht am Pranger. "Die NPD sitzt hier nicht im Stadtparlament und da sind wir froh drum", sagt sie. In anderen Städten in der Uckermark seien die Probleme viel größer.

"Ziemlich beste Freunde" in Karlsruhe

Seit einem halben Jahr lebt Ibraimo Alberto jetzt mit seiner Familie in Karlsruhe. "Meine Frau ist Schwedterin", sagt er, "manchmal hat sie Heimweh. Aber hier geht es uns allen besser." Er hat jetzt einen Job, befristet zwar, aber er verdient wieder Geld. Alberto kümmert sich um Schwerstbehinderte: fährt sie zur Uni, geht mit ihnen ins Kino.

Pino Golotta etwa begleitet er zum Behindertenstammtisch. An der Tür grüßt schon Pinos Mutter Caterine: "Ibraimo! Schön, dass du da bist." Vom ersten Tag an habe sie ihn ins Herz geschlossen, er gehöre schon zur Familie. Die beiden geben zusammen ein Bild ab, das an den französischen Kinoerfolg "Ziemlich beste Freunde" erinnert. Darin finden ein schwarzer Pfleger aus der Banlieue und ein querschnittsgelähmter reicher Weißer zueinander. Pino und Alberto verstehen sich inzwischen ohne Worte. Hebt der eine die Augenbrauen, hält der andere ihm das Bierglas mit dem Strohhalm hin. In "Ziemlich beste Freunde" geht es um die Lust am Leben. Alberto hat sie in Karlsruhe wiedergefunden.

Es gibt Menschen, denen sein Schicksal nahe geht. "Als ich die Geschichte von Ibraimos Zeit in Schwedt gelesen habe, bin ich richtig wütend geworden", sagt etwa Waltraud Motschall. Mit ihrem Mann nahm sie Kontakt zu Ibraimo Alberto auf, seitdem haben sie seine Familie und ihn unter ihre Fittiche genommen. Gemeinsam gehen sie auf Demos, zum Bürgermeister von Karlsruhe, zur SPD. "Diese Menschen sind ganz fantastisch", sagt Alberto. Er sagt immer dann "fantastisch", wenn er "gut" meint, und trotzdem wirkt es ehrlich, ohne jede Übertreibung. Waltraud Motschell sagt: "Ibraimo hat ein so großes Herz". Manchmal, wenn sie sich eine Woche nicht gesehen haben, rufe Ibraimo Alberto an - einfach nur so, weil er ihre Stimmen hören wolle.

In einigen Situationen merkt man ihm noch an, dass er sich an das neue, unbeschwerte Lebensgefühl erst noch gewöhnen muss. Als es auf dem Bürgersteig eng wird, weil zwei Fußgänger entgegenkommen, zuckt Alberto zusammen. Er zieht die Schultern ein, geht ganz an den Rand und hält den Kopf gesenkt. Die beiden Männer lächeln ihm zu, Alberto nickt erleichtert.

Die Straßenbahnlinie 2 setzt sich vom Karlsruher Marktplatz aus langsam in Bewegung. Ibraimo Alberto sprintet hinterher. Der Fahrer hält noch einmal an und öffnet die Tür. Auf einem Vierersitz haben zwei ältere Frauen ihre Einkaufstüten gestapelt. Unter unverständlichem Entschuldigungsgemurmel machen sie Alberto Platz. Es entwickelt sich ein Gespräch, Smalltalk übers Einkaufen. Alle drei lachen. Alberto schaut durchs Fenster auf seine neue Heimat. Die Frauen verabschieden sich, wünschen ihm einen schönen Abend. "Ich hätte nicht gedacht, dass das hier auch Deutschland ist", sagt er.



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