Hotline für besorgte Bürger "Mein Angebot richtet sich an AfD-Wähler"

Manche Deutsche fürchten Flüchtlinge. Um ihnen die Angst zu nehmen, betreibt Ali Can eine Hotline für "besorgte Bürger". Hier erzählt er, was er sich dabei denkt - und welche Anfragen bei ihm eingehen.


Ali Can war früher selbst Asylbewerber. 1995 kam er als Kleinkind mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland, wie er auf seiner Webseite schreibt. Heute engagiert er sich bei Unicef, leitet Workshops für den Umgang mit kultureller Vielfalt und steht kurz vor dem Abschluss seines Lehramtstudiums in Gießen.

Bei dieser Biografie ist es nicht verwunderlich, dass die Flüchtlingskrise den 22-Jährigen besonders beschäftigt. Kein Thema hat die deutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahren so polarisiert. Oft ist nur noch von "Gutmenschen" und "Rassisten" die Rede, dazwischen bleibt kein Platz mehr für einen Austausch ohne Polemik.

Ali Can will genau das wieder möglich machen: Dialog. Er will mit Flüchtlingsgegnern ins Gespräch kommen, will ihnen Ängste nehmen. Die Ergebnisse der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern bestärken ihn noch in seinem Engagement.

Er hat eine "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben gerufen, unter der ihn eben jene "besorgten Bürger" einmal die Woche zu einer verabredeten Zeit anrufen können.

Ali Can

Ali Can

SPIEGEL ONLINE: Was ist die Idee hinter der Hotline?

Can: Mit dem Aufkommen des Flüchtlingsthemas gab es in Deutschland einen großen Rechtsruck. Den Umgang mit den vielen besorgten oder rechtsgesinnten Bürgern finde ich falsch. Wir überlassen das Feld den Radikalen. Ich möchte für eine bessere Verständigung sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern ist der Umgang falsch?

Can: Mir fehlen Wertschätzung und Mitgefühl in der Kommunikation. Manche Medien, Politiker, Bürger haben oft eine stark ablehnende Haltung gezeigt. Etwa, wenn "Dunkeldeutschland" geschrieben wird, oder Sachsen sollte nicht mehr zu Deutschland gehören. Oder wenn vom "Pack" die Rede ist. In Gießen gab es Lokale, die mit Aufklebern deutlich machten: AfD ist nicht willkommen. So vergrault man Menschen, wenn man sie gleich als "dumm" oder "Nazis" bezeichnet. Ich selbst habe Freunde auf Facebook gelöscht, weil sie komische Links geteilt haben. Das ist aber die falsche Haltung.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wollen Sie den Dialog wiederherstellen.

Can: Es geht viel um Kommunikation mit Haltung. Man muss auf die Leute eingehen und zuhören - allein das bewirkt viel. Die Menschen wollen gehört werden und ernst genommen werden. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind da bisher sehr passiv geblieben. In meinen Augen ist der Umgang mit besorgten Bürgern eine wichtige Aufgabe für sie.

SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie, dass solche Bürger ein Interesse haben, mit Ihnen zu reden?

Can: Es gibt auch gewalttätige Rechtsextreme, die wollen nicht mehr reden. Aber um die geht es eher weniger bei meinem Angebot. Ich richte mich an diejenigen, die AfD wählen, zu Pegida gehen, die unzufrieden sind, die sich vielleicht auch rechtspopulistisch äußern. Die sehe ich wie in einer Drehtür: Die können nach rechts gehen, aber sie können auch wieder umdrehen. Die sind orientierungslos. Und je mehr wir uns gegen sie positionieren, umso mehr identifizieren sie sich als Rechte. Auf meiner Reise durch den Osten haben mir viele gesagt: Wenn wir immer als Rassisten abgestempelt werden, sobald wir den Mund aufmachen, dann sind wir es eben auch.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die Sorge, dass viele der jetzt angekommenen Flüchtlinge einen solchen Weg wie Sie, der hier aufgewachsen ist, nicht einschlagen können. Weil sie etwa schwer traumatisiert sind oder ein anderes Rollenverständnis von Mann und Frau haben. Was entgegnen Sie da?

Can: Ja, die Sorge ist zunächst berechtigt. Aber mein Beispiel zeigt, dass es trotz schwerer Bedingungen gelingen kann. Meine Eltern sind nie zur Schule gegangen. Sie sprechen gebrochen Deutsch. Niemand in meiner großen Familie, insgesamt haben wir mehr als 200 Verwandte, hat studiert. Ich bin der Einzige, ich spreche hochdeutsch. Das hat viel damit zu tun, dass unsere deutschen Nachbarn mir geholfen haben. Mein Fall zeigt: Wenn man ein bisschen mit anpackt, kann die Integration sehr gut funktionieren. Und ich helfe nicht nur besorgten Bürgern, sondern auch jungen Geflüchteten, bringe ihnen die Verfassung näher, zum Beispiel in Sachen Religionsfreiheit. Es geht nur in beiderseitigem Bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es schon Anrufe auf der Hotline?

Can: Bisher kamen nur schriftliche Nachrichten auf Facebook, aber ich habe auch noch keine Werbung gemacht. Ich biete schon seit Längerem reale Treffen an. Und da kamen schon mehrere zustande.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Can: Eine Frau hat mich gefragt, ob sie eine Mauer um ihr Grundstück bauen muss, weil nebenan ein Flüchtlingsheim entsteht und es oft sehr laut ist. Ich habe ihr bei unserem Treffen in einem Café gesagt: An sich brauchst du keine Mauer, aber das konnte ich natürlich schwer einschätzen. Wenn es dort wirklich in Ruhezeiten oft laut ist, wenn junge Flüchtlinge vielleicht viel Müll hinterlassen, dann muss man natürlich intervenieren. Also bin ich bin dort mit einer Arabisch sprechenden Freundin vorbeigefahren und habe mit den Leuten in der Unterkunft geredet. Die Bewohner haben dann wirklich versucht, rücksichtsvoller zu sein. Ich versuche als interkultureller Streetworker ein Mittler zu sein, ein Brückenbauer. Die Frau hat sich hinterher am Telefon bedankt.


Ali Can steht mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr für Anrufe zur Verfügung. Mehr Informationen finden Sie hier auf seiner Webseite.

Die Fragen stellte Hendrik Ternieden



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
puby 06.09.2016
1. Coole Idee!
Wenn es denn auch angenommen wird. Ich kann jedem besorgten Bürger den Besuch einer syrischen Familie an Herz legen, alleine diese mit Nuss gefüllten Rollen sind den Besuch schon wert.
allessuper 06.09.2016
2. Vielleicht kann der junge Mann...
workshops für die Geschäftsleitung solcher Firmen durchführen, welche ihr Geld mit der miesen Verwaltung von Wohnunterkünften verdienen? Da ist nämlich die Rede von "Komm-Struktur" (heißt: da müssen die Flüchtenden schon was wollen und kommen. Man ist ja froh, dass die nicht von Komm-Kultur reden! ) von "Verweisberatung" (da ist eine Liste mit allen Institutionen, auf die verwiesen wird: sollen die mal klar kommen) und noch vielen anderen Dingen, dass einem gruselt. Wenn das das Willkommen in Deutschland ist, und dann sollen sich Menschen integrieren, dann bin ich dafür, dass wir im Ausland auch so empfangen werden, wenn wir als Touristen-Nomaden aufkreuzen. Geld macht woanders nicht den Unterschied, auch wenn wir das gern glauben wollen. Und etwas mehr Warmherzigkeit an der Stelle wäre eine sehr gute, innovative Zukunftsinvestition.
abstinent 06.09.2016
3. Querschuss
Ich nehme den allermeisten Leuten die Angst vor Flüchtlingen wie vor Terror schlicht nicht ab. So wenig wie ihre Angst vor der Islamisierung des Abendlandes. Ich habe schon öfter erlebt, dass Leute gesellschaftlich Akzeptiertes vorschieben, aber in Wirklichkeit vielleicht Nicht-Akzeptiertes im Sinn haben oder gar nicht ausdrücken können, was sie beunruhigt. Man sagt, dass ein Ehepaar seine eigenen Probleme am besten an den Nachbarn diskutiert. Die Flüchtlingsdebatte erscheint mir wie ein Brennpunkt, an dem sich ein allgemeines Unwohlgefühl artikulieren kann. Der Vertrauensverlust in die Politik ist viel älter als die Migrationsdiskussion. Nur hat es bisher die etablierte Politik nicht gestört. Pardon, mit Ausnahme von ein paar Krokodilstränen am Wahlabend.
CHO 06.09.2016
4.
Can hat genau verstanden, worum es bei der Mehrheit der Deutschen geht.
murksdoc 06.09.2016
5. Schönen Gruss:
Messer sind zum Essen da. Man schneidet sich damit nicht gegenseitig die Kehlen durch, schlitzt anderen nicht die Bäuche auf, dass die Gedärme in der Gegend herumhängen und rammt sie anderen auch nicht durch den Unterarm, wenn man sie wegen des abgebrochenen Griffes nicht wieder herausziehen kann und das Messer dann 30cm aus dem Unterarm des anderen heraussteht. Selbst wenn der andere zwar an den selben Gott glaubt, aber auf irgendwie andere Weise und unter einem anderen Namen seines Vereins. Dann verdiene ich zwar weniger Geld, kann nachts aber ruhiger schlafen. Der Verzicht auf obengenannten Abendunterhaltung ist mir das Geld allemal wert.
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