Flüchtlinge aus Burma Verfolgt, verhöhnt, verletzt

In ihrer Heimat Burma werden sie als hässliche Ungeheuer beschimpft, vertrieben. Doch in den Nachbarstaaten sind sie auch nicht willkommen: Tausenden Rohingya droht in Bangladesch die Ausweisung - zurück in die Militärjunta.

Von , Islamabad


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Rohingya: Volk ohne Land
"Menschenunwürdig" - so werden die Zustände in den Flüchtlingslagern Bangladeschs beschrieben. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen ist die Zahl der hilfesuchenden Rohingya drastisch angestiegen, die Ankömmlinge aus Burma sind ungeliebt, die Lebensbedingungen in den Camps sind mies. Das beengte Leben sowie das Fehlen sanitärer Anlagen führe zu Krankheiten, heißt es in einer Mitteilung.

Manche Flüchtlinge werden an der Grenze erwischt. Ein Mann berichtet, er sei geschlagen worden von Polizisten, auf der Haut leuchten blaue Flecken. Dabei seien sie doch als Flüchtlinge gekommen und hätten Schutz gesucht, hier im Osten von Bangladesch. Paul Critchley, Leiter von Ärzte ohne Grenzen in Bangladesch, kennt solche Berichte: "Unsere Patienten erzählen, dass einige Flüchtlinge von den Grenzbeamten erwischt worden seien. Sie seien geschlagen und anschließend gezwungen worden, durch einen Fluss zurück Richtung Burma zu schwimmen."

Rohingya sind Angehörige einer religiösen und ethnischen Minderheit, beheimatet im Westen Burmas, an der Grenze zu Bangladesch. Vor Jahrhunderten ließen sich dort arabische Kaufleute und Einwanderer aus Bengalen nieder. Es entstand eine ganz eigene Kultur, eine eigene Sprache und damit eine eigene Identität.

Ethnische Säuberungen

Mit der Entlassung Burmas aus britischer Kolonialherrschaft 1948 erhielten die Rohingya einen Status als Minderheit. Doch 1962 übernahm das Militär die Macht, das den Westen des mehrheitlich buddhistischen Landes "burmanisieren" will: Flüchtlinge berichten von ethnischen Säuberungen in Westburma, von Massenvergewaltigungen und der systematischen Ermordung vieler Männer.

Wie wenig sie gelitten sind, zeigt ein Brief, den der Generalkonsul von Burma in Hongkong im vergangenen Jahr an Journalisten verschickte. Darin begründet er, Rohingya könnten keine Burmesen sein, da sie "sehr dunkelhäutig" und "hässlich wie Ungeheuer" seien.

Das neue Staatsbürgerschaftsrecht von 1982 machte die Rohingya schließlich staatenlos. Auf einer offiziellen Liste der von den Machthabern anerkannten Minderheiten tauchen sie nicht auf. Schulen dürfen sie nur mit Sondergenehmigung besuchen, etwa 80 Prozent von ihnen können weder lesen noch schreiben - in keiner anderen Volksgruppe Burmas ist Analphabetismus weiter verbreitet.

Verfolgt und bedroht

Die Rohingya werden diskriminiert, verfolgt und bedroht, finden keine Arbeit. Das Militär besetzt ihre Häuser. In den Nachbarländern suchen sie deshalb nach einer besseren Zukunft. Von den etwa drei Millionen Rohingya lebt inzwischen etwa die Hälfte außerhalb Burmas, in Bangladesch, Pakistan, Saudi-Arabien, Thailand, Malaysia und Indonesien, aber auch in Europa und Australien.

In Bangladesch halten sich Schätzungen zufolge etwa eine Viertelmillion Rohingya auf, die ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner, Hausangestellte oder Rikschafahrer verdienen. Weitere knapp 30.000 sind nach Angaben der Regierung in Dhaka offiziell als Flüchtlinge anerkannt und leben in Camps der Vereinten Nationen, überwiegend in dem Distrikt Cox's Bazaar.

Dort würden derzeit viele Menschen mit Verletzungen durch Schläge und Wunden durch Machetenhiebe behandelt, teilt Ärzte ohne Grenzen mit. Viele Frauen seien vergewaltigt worden. Die Organisation könne Gewalt gegen Rohingya in Bangladesch aus erster Hand bezeugen, heißt es in einer Mitteilung. Die Täter sind in den meisten Fällen Sicherheitskräfte.

Vertreter der Polizei weisen die Anschuldigungen von sich. Man müsse die Flüchtlinge registrieren und ihre Fälle überprüfen, sagt ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE auf Nachfrage. Übergriffe von Beamten auf diese Menschen könne er sich nicht vorstellen.

Brutalität als Methode

Doch David Mathieson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärt, der brutale Umgang der Sicherheitskräfte mit den Rohingya habe Methode. Angehörige dieser Minderheit würden seit mehr als 30 Jahren schlecht behandelt, seitdem 1979 erstmals mehrere tausend Flüchtlinge in Bangladesch angekommen seien. Das Leben in den Camps werde ihnen so schwer wie möglich gemacht, damit sie freiwillig nach Burma zurückkehrten. Die Regierung in Dhaka habe mehrfach deutlich gemacht, dass sie diese Menschen loswerden wolle.

Bangladesch wirft den Rohingya vor, dass sich aus ihren Kreisen islamische Extremisten rekrutierten. Vertreter der Rohingya weisen das als Diffamierung zurück, als Vorwand, sie nach Burma abzuschieben.

Zurück nach Burma, in die Fänge des Militärs, will aber niemand. Es ist ein Dilemma: Kaum einer der Flüchtlinge hat Dokumente, und da die meisten in Bangladesch nicht offiziell als Flüchtlinge anerkannt sind, haben sie keinerlei Anrecht auf medizinische Versorgung, Lebensmittelhilfen oder gar Bildung. Trotzdem kommen jedes Jahr Tausende weitere Rohingya aus Burma zu Fuß oder per Holzboot nach Bangladesch.

In die Schlagzeilen gerieten Rohingya schon häufiger, zuletzt im Januar, als Thailand Flüchtlinge, die in Booten ankamen, zurück aufs offene Meer trieb. Die Rohingya seien "Wirtschaftsflüchtlinge" und hätten daher kein Anrecht auf politisches Asyl, hieß es zur Begründung. Mehrere hundert Menschen ertranken. Auch in Indonesien und Malaysia will man diese Menschen nicht aufnehmen, man verlangt nach einer "regionalen Lösung".



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