Minderjährige Flüchtlinge Der tragische Exodus aus Mittelamerika

Zehntausende zentralamerikanische Kinder und Jugendliche suchen ihr Heil in den USA. Ohne Begleitung fliehen sie vor Gewalt, Armut - und weil sie einem Irrtum aufsitzen. Präsident Obama reagiert alarmiert.

Von und , Mexiko-Stadt und New York


Silvia und Gilberto haben sich vermutlich nie getroffen. Aber vielleicht sind sie mal auf dem gleichen Zug mitgefahren, haben den gleichen Schlepper bezahlt oder sind von dem gleichen korrupten mexikanischen Polizisten ausgenommen worden.

Silvia, 16, aus El Salvador, floh vor Bandengewalt und Todesdrohungen. Gilberto, 15, aus Guatemala, wurde von seinen Eltern auf die Reise nach Norden geschickt. Er sollte Geld verdienen, damit die Familie daheim die Medikamente der kranken Mutter bezahlen kann. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie ihre Heimatländer. Aber beide Kinder suchten eine Zukunft in den USA. Dafür haben sie sich in Lebensgefahr begeben.

Silvia ist an ihrem Ziel angekommen. Gilberto ist auf dem Weg durch die Wüste verdurstet.

Rund 60.000 Minderjährige in sechs Monaten

Die beiden Minderjährigen stehen für ein Drama, das sich seit einigen Monaten zehntausendfach wiederholt: Kinder aus Honduras, Guatemala und El Salvador kämpfen sich allein 2000, manchmal 3000 Kilometer durch Zentralamerika und Mexiko. Die jüngsten sind kaum acht Jahre alt, manche schon 17.

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Minderjährige Flüchtlinge: Der Exodus aus Mittelamerika
Zu Fuß, per Bus und als blinde Passagiere auf dem Güterzug sind sie Wochen, manchmal Monate unterwegs, voller Angst vor der "Migra", der mexikanischen Ausländerpolizei, und den Häschern des organisierten Verbrechens und davor, vom Güterzug zu fallen, den sie angstvoll "die Bestie" nennen.

Die Kinder fliehen vor Horror und Hoffnungslosigkeit in ihrer Heimat. In den USA wollen sie sich ihre Träume erfüllen, ihre Verwandten finden oder einfach nur Geld verdienen.

Seit vergangenen Oktober kamen fast 60.000 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus Zentralamerika über die US-mexikanische Grenze, mehr als doppelt so viele wie im US-Haushaltsjahr 2013 (24.668). Bis zum Herbst - das Haushaltsjahr 2014 endet im September - könnte sich diese Zahl sogar auf 90.000 erhöhen. In den USA hat das ein enormes Echo ausgelöst, in der Politik wie in den Medien, und die seit Langem schwelende Einwanderungskontroverse zur humanitären Debatte zugespitzt - und zugleich zu einer bitteren Diskussion über Grenzsicherheit.

Trügerisches Gerücht

Präsident Barack Obama spricht von einer "dringlichen humanitären Situation" und hat alle staatlichen Stellen mobilisiert. Das Katastrophenschutzamt Fema versorgt die Kinder mit Medikamenten und Lebensmitteln. Für Freitag hat der Präsident die Staatschefs von El Salvador, Guatemala und Honduras, Salvador Sánchez Cerén, Otto Pérez Molina und José Hernández ins Weiße Haus bestellt. Bei dem Treffen will er seinen Kollegen einschärfen, dass sie den Exodus in ihren Ländern stoppen sollen.

Wenn die minderjährigen Migranten nicht vom US-Grenzschutz aufgegriffen werden, begeben sie sich oft freiwillig in die Obhut der Polizei. Denn in ihren Heimatländern kursiert das Gerücht, dass sie als Minderjährige vor Abschiebung sicher seien. Aber ihnen wird lediglich eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis zugestanden, solange ein Gericht über das Bleiberecht entscheidet.

Die Krise um die minderjährigen Flüchtlinge kommt nicht unerwartet. Die Behörden in den Grenzstaaten wiesen das Weiße Haus schon vor fast einem Jahr auf den wachsenden Ansturm unbegleiteter Kinder hin. Unternommen hat Washington damals nichts.

"Die Katastrophe spielt sich in den Herkunftsstaaten ab"

Der texanische Gouverneur Rick Perry wollte jetzt nicht länger warten und sandte Anfang der Woche tausend zusätzliche Nationalgardisten an die Grenze, um diese noch weiter abzudichten. "Wenn die Zentralregierung ihre Verfassungspflicht, die Südgrenze der Vereinigten Staaten zu sichern, nicht erfüllt, wird es der Staat Texas tun."

Auf Migrationsfolgen spezialisierte Hilfsorganisationen wie die deutsche "Medico International" halten diese Demonstrationen der Stärke für falsch und fordern von den USA, die Kinder als Flüchtlinge anzuerkennen: "Die humanitäre Katastrophe spielt sich nicht an der US-Grenze, sondern in den Herkunftsstaaten ab", sagt Dieter Müller, Mittelamerika-Referent von Medico. "Solange dort Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit vorherrschen, wird auch die Nationalgarde die Kinder und Jugendlichen nicht aufhalten."

So war auch für Silvia der schwere Weg in den Norden eine Frage von Leben oder Tod: Die 16-Jährige aus einem Vorort von San Salvador packte die Panik, als sich ihr der lokale Chef der Jugendbande Salvatrucha näherte. Silvia wusste, was das bedeutet: Den Mädchen, die mit den Bandenchefs mitgehen, steht oft monatelange sexuelle Gewalt bevor. Wer sich weigert, wird getötet.

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Migration durch Mexiko: Die Opfer der "Bestie"

Die "Maras" genannten Jugendbanden Salvatrucha und die Konkurrenz von der "18" dominieren weite Teile El Salvadors und Honduras'. Beide Staaten gehören zu den gefährlichsten der Welt mit mehr als 90 Morden pro 100.000 Einwohner.

Keine Perspektive in der Heimat

Der Onkel, bei dem Silvia wohnte, seit ihre Mutter vor zehn Jahren in die USA gegangen war, nahm sie aus der Schule, schnürte ihr den Rucksack, wünschte Gottes Segen und schickte sie auf den Weg zur Mama. Ob sie die jemals sieht, ist noch unklar. Aber zumindest in den USA ist sie nach wochenlangem Horrortrip gestrandet. Zitternd und unter Tränen vertraute sie sich dieser Tage in Nogales im US-Bundesstaat Arizona den Grenzpatrouillen an. Zwölf Tage hatte sie der Schlepper zuvor auf der mexikanischen Seite der Grenze in einem Container warten lassen, zusammen mit 40 Männern. Mehrfach wurde Silvia in dieser Zeit vergewaltigt.

Neben der Gewalt treibt die Kinder und Jugendlichen auch der Mangel an Perspektive in die Flucht. In Zentralamerika wird es für junge Menschen immer schwerer, einen Job zu finden, von dem sie leben können. Die Lohnveredelungsbetriebe, in denen für die USA Fernseher gelötet und Jeans genäht werden, zahlen Ausbeuterlöhne. Und ein Job als Parkhauswächter oder DVD-Verkäufer bringt vielleicht 150 Euro im Monat. Sehr viel mehr kann man mit ehrlicher Arbeit kaum verdienen.

Auch Gilberto aus dem kleinen Ort San José Las Flores im armen Hochland Guatemalas wusste das. Dort baute er mit dem Vater Bohnen und Mais an. Die Ernte war gerade genug für die Familie. Also schickte Vater Francisco Ramos Sohn Gilberto auf die lange und gefährliche Reise. Es war der 17. Mai und der letzte Tag, an dem er seinen Sohn lebend sah.

Nicht weit von McAllen, Texas, fanden die Grenzschützer seinen ausgedorrten Körper und schickten ihn zurück in die Hauptstadt Guatemala City. Francisco Ramos erkannte seinen Sohn vor allem an dem Gürtel. In der Schnalle war die Telefonnummer des Bruders in Chicago eingeritzt.

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insgesamt 43 Beiträge
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cato-der-ältere 25.07.2014
1. Irrtum
Zweifellos gibt es unhaltbare Zustände in vielen Ländern. Dennoch kann man annehmen dass die Situation vor 20 oder 40 Jahren noch schlechter war. Gerade im Mittelamerika tobten Bürgerkriege und der Lebensstandard war noch niedriger. Dennoch scheint der Migrationsstrom noch stärker geworden zu sein. Abgesehen von den aktuellen Brandherden in Syrien usw. ist die Lage in Europa ähnlich. Ob auf dem Balkan, dem mittleren Osten oder Subsahara-Ländern, die Lage dort ist nicht wirklich schlechter als früher, dennoch gibt es diesen unglaublichen Drive nach Europa zu gelangen. Dabei dürfte Illusionen und falsche Erwartungen die entscheidende Rolle spielen. Die jungen Männer die überwiegend die Flüchtlingsboote bemannen haben doch nicht tausende Dollar zusammengetragen um dann den Rest ihres Lebens von Sozialhilfe in Europa zu leben. Glaube ich jedenfalls. Sie erwarten dass sie hier arbeiten können, was aber illusionär ist, weil die klassischen Arbeiten für Menschen ohne anerkannte Ausbildungen und ohne sprachunkundige und ohne gute Sprachkenntnis immer weiter wegrationalisiert werden. Diese Leute haben einfach keine Ahnung von der Realität in Europa. Wenn hier wohl situierte Politiker und Medienleute sich darin gefallen zu fordern dass man den Zustrom lockern solle, bleiben sie leider immer Konzepte schuldig wie man das dann vernünftig weiter organisieren soll. Noch nicht mal für die hier lebenden Arbeitslosen gibt es ja Konzepte, ausser in den Hintern treten und Leistungen minimieren.
Knut666 25.07.2014
2. Es ist leicht für uns solche Geschichten zu verdrängen...
...weil man sich als Konsument in den Industrieländern oder nicht direkt verantwortlich fühlen braucht. Anders kann ich mir die Kommentarlosigkeit unter diesem Artikel nicht erklären. Die großen Handelsunternehmen müssen von uns allen gesetzlich gezwungen werden, auf bessere Löhne und fairere Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben zu achten. Ansonsten sollten wir mit den Füßen abstimmen und entweder direkt Mikrokredite vergeben oder nachweislich fair hergestellte Produkte kaufen, auch wenn die teurer sind. Wer unreflektiert kauft, macht sich an der Ausbeuterei mitschuldig.
black_dave 25.07.2014
3.
Zitat von sysopAPZehntausende zentralamerikanische Kinder und Jugendliche suchen ihr Heil in den USA. Ohne Begleitung fliehen sie vor Gewalt, Armut - und weil sie einem Irrtum aufsitzen. In den USA verschärft die Krise die Debatte um die Migration. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fluechtlinge-aus-mittelamerika-zehntausende-kinder-kommen-in-die-usa-a-982683.html
Ich empfehle zu dieser Thematik, den Roman "America" von T.C. Boyle. Dieser bereits 1995 erschienen aber noch hoch aktuell
arthurdent1973 25.07.2014
4. Historische Mitschuld der USA
Gerade in den drei genannten mittelamerikanischen Staaten hat die USA in der Vergangenheit mithilfe der CIA Militärdiktaturen an die Macht gebracht und ist verantwortlich für das Abschlachten und foltern unzähliger Zivilisten. Die USA unterstützen weiterhin die Großgrundbesitzer und die Versklavung der Bevölkerung (nichts anderes findet auf den Kaffee- und Bananenplantagen statt) Unglaublich nun diese Länder auch noch für die Massenflucht verantwortlich zu machen. Erst ausbeuten und sich dann über die Folgen aufregen. Ekelhafte Doppelmoral US - amerikanischer Politik
UnitedEurope 25.07.2014
5. Titellos
Zitat von cato-der-ältereZweifellos gibt es unhaltbare Zustände in vielen Ländern. Dennoch kann man annehmen dass die Situation vor 20 oder 40 Jahren noch schlechter war. Gerade im Mittelamerika tobten Bürgerkriege und der Lebensstandard war noch niedriger. Dennoch scheint der Migrationsstrom noch stärker geworden zu sein. Abgesehen von den aktuellen Brandherden in Syrien usw. ist die Lage in Europa ähnlich. Ob auf dem Balkan, dem mittleren Osten oder Subsahara-Ländern, die Lage dort ist nicht wirklich schlechter als früher, dennoch gibt es diesen unglaublichen Drive nach Europa zu gelangen. Dabei dürfte Illusionen und falsche Erwartungen die entscheidende Rolle spielen. Die jungen Männer die überwiegend die Flüchtlingsboote bemannen haben doch nicht tausende Dollar zusammengetragen um dann den Rest ihres Lebens von Sozialhilfe in Europa zu leben. Glaube ich jedenfalls. Sie erwarten dass sie hier arbeiten können, was aber illusionär ist, weil die klassischen Arbeiten für Menschen ohne anerkannte Ausbildungen und ohne sprachunkundige und ohne gute Sprachkenntnis immer weiter wegrationalisiert werden. Diese Leute haben einfach keine Ahnung von der Realität in Europa. Wenn hier wohl situierte Politiker und Medienleute sich darin gefallen zu fordern dass man den Zustrom lockern solle, bleiben sie leider immer Konzepte schuldig wie man das dann vernünftig weiter organisieren soll. Noch nicht mal für die hier lebenden Arbeitslosen gibt es ja Konzepte, ausser in den Hintern treten und Leistungen minimieren.
Das nicht. Aber selbst in Europa von Sozialhilfe zu leben ist immer noch besser als im Niger zu verhungern. In Europa ist man fast überall relativ sicher vor Gewalt, Krankheit oder echter Armut. Und wenn dann findet man doch am ehesten dort eine Arbeit. Wegrationalisiert ... es gibt einfach immer weniger Bedarf, weil Maschinen und Co. es genau so gut und billiger machen können. Aber das ist den Flüchtlingen egal (wenn sie es denn überhaupt wissen), denn sie flüchten ja nicht nur vor Arbeitslosigkeit sondern eben auch Gewalt. Ich schreie auch nicht Hurra! wenn ich sehe wie viele Flüchtlinge nur darauf warten nach Europa zu kommen. Manche Länder müssen sich jedoch schon fragen, ob sie nicht zumindest eine Teilverantwortung tragen. Ich will da nicht wieder die Kolonialkeule schwingen, aber wer im Niger Uran abbaut oder in Nigeria Öl fördert ... Am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als mit Geld und Einsatz zu versuchen die Flüchtlinge draussen zu halten, während wir gleichzeitig versuchen die Herkunftsländer attraktiver zu machen. Dank dem Interent kann sich nun aber quasi jeder zukünftige Flüchtling über die paradiesischen Umstände in Europa informieren und Wege suchen, herzukommen.
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