Junge Syrerin im Rollstuhl "Ich habe noch keinen Deutschen weinen sehen"

Nujeen Mustafa floh über das Mittelmeer nach Deutschland - im Rollstuhl. Hier erzählt die junge Syrerin, wie sie sich nach einem Jahr als Gast hier fühlt. Und was ihr an den Deutschen nicht gefällt.

Nujeen©FamilieMustafa

Ein Interview von


Das Schicksal von Nujeen Mustafa bewegte vor einem Jahr die Welt. Damals floh die junge Frau aus Syrien mit einer Schwester über das Mittelmeer - im Rollstuhl. Nujeen kam 40 Tage zu früh auf die Welt. Ihr Gehirn wurde nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, sie leidet unter einer Lähmung der Beine.

Auf der Flucht fiel die 17-Jährige mehreren Reportern auf, die BBC erzählte ihre Geschichte, auch der amerikanische Moderator John Oliver. Nun hat Nujeen gemeinsam mit der "Sunday Times"-Journalistin Christina Lamb ein Buch über ihr Leben geschrieben: "Nujeen - Flucht in die Freiheit". Es erscheint am 10. Oktober.

Heute lebt Nujeen Mustafa bei Köln, gemeinsam mit zwei Schwestern und einem Bruder. Im Interview spricht sie darüber, was sie in Deutschland mag - und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nujeen, Sie sind im Sommer 2015 im Rollstuhl über das Mittelmeer nach Deutschland geflohen. Warum haben Sie darüber ein Buch geschrieben?

Nujeen Mustafa: Ich will zeigen, dass wir Syrer keine Zahlen sind. Wir sind Menschen, wir haben eine Geschichte, Kultur, Gefühle. Syrien war ein schönes Land, ich wäre gern mit meiner Familie dort geblieben, wenn es Frieden gäbe und nicht Bomben alles zerstören würden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen das die Deutschen nicht?

Mustafa: Viele Menschen haben Angst vor Fremden, vor einer fremden Kultur, vor Chaos. Sie sehen uns und fürchten sich. Vielleicht auch, weil wir nicht so hübsch aussehen, wenn wir nach einer Reise durch halb Europa müde und abgekämpft hier ankommen.

SPIEGEL ONLINE: Erleben Sie persönlich Ablehnung?

Mustafa: Ich selbst habe bisher keine bösen Deutschen getroffen, und es gibt viele Menschen, die Flüchtlingen helfen. Aber die Skepsis nimmt zu, das liest man überall. Das macht mich traurig. Denn ich mag die Deutschen, und ich bin ihnen unglaublich dankbar, dass ich hier sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was mögen Sie an den Deutschen?

Mustafa: Sie können unheimlich gut arbeiten. Wenn sie etwas angefangen haben, müssen sie es fertig machen. In der Schule musste ich lernen, von links nach rechts zu schreiben, das war neu für mich - und es fiel mir unheimlich schwer. Die Lehrerin ließ nicht locker und ermutigte mich so lange, bis ich es konnte. Und mich beeindruckt, dass viele große Figuren der Weltgeschichte Deutsche waren: Gutenberg, der den Buchdruck erfand. Beethoven, der größte Komponist. Die Deutschen wollen immer die Nummer eins sein. Und sie sind pünktlich.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas typisch Deutsches, das Sie nicht mögen?

Mustafa: Ich mag das deutsche Essen nicht - bis auf Süßes, Donauwellenkuchen zum Beispiel oder Spekulatius. In die Schule nehme ich zum Mittag immer nur Brot mit. Und ich mag nicht, dass die Menschen kaum Gefühle zeigen. Ich habe noch keinen Deutschen weinen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Sie heute?

Mustafa: Ich lebe mit zwei Schwestern und einem Bruder zusammen bei Köln, in einem kleinen Haus. Eine meiner Schwestern hat vier Töchter, hier ist immer viel los. Ich besuche jeden Tag eine Schule für Behinderte in Bonn, manchmal gehen wir in den Zoo, einmal in der Woche spiele ich Basketball. Und wenn ich zu Hause bin, lerne ich, vor allem die Sprache. Ich bin stolz darauf, dass wir dieses Interview auf Deutsch führen können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Freunde gefunden?

Mustafa: Mit meinen Mitschülerinnen verstehe ich mich gut. Wir albern viel und sind den ganzen Tag zusammen. Zu unseren Nachbarn sagen wir "Hallo", aber das war es. Wir respektieren, dass sie keinen engeren Kontakt wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie in Deutschland?

Mustafa: Ich vermisse meine Verwandten, meine Heimat. Früher in Syrien haben wir uns gegenseitig oft besucht, das gibt es heute nicht mehr. Und ich vermisse natürlich meine Eltern, die in der Türkei leben. Sie sind zu alt, um über das Mittelmeer zu fliehen. Ich warte darauf, dass mein Asylantrag endlich bewilligt wird. Dann möchte ich die beiden nachholen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, eines Tages nach Syrien zurückzukehren?

Mustafa: Ja, natürlich, ich bin ein Gast in Deutschland. Wenn es Frieden in Syrien gibt, möchte ich wieder zurück. Es macht mich traurig, wenn Leute denken, wir seien verwöhnte Kinder, die wegen des Wohlstands nach Deutschland gekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Flucht hat Menschen weltweit berührt. Wie schlimm war sie für Sie?

Mustafa: Der schlimmste Moment war nicht die Fahrt in einem Holzboot über das Mittelmeer, sondern ein Tag in einem Lager in Slowenien. Wir waren eingesperrt, ich durfte nicht raus, nicht telefonieren, es gab kein WLAN. Da habe ich gemerkt, wie wichtig mir Freiheit ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie möchten Sie in zehn Jahren leben?

Mustafa: Ich möchte perfekt Deutsch können und auf dem Weg sein, meinen Traumberuf zu verwirklichen: Astronautin. Dazu brauche ich das Abitur und muss Physik studieren. Vor allem möchte ich in zehn Jahren mit meinen Eltern zusammen sein. Ich habe heute manchmal Angst, dass ich sie nie wiedersehe.

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YouTube/rewanjuan
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