Flüchtlinge in Deutschland "Und plötzlich war das Abenteuer da"

"Welches Land wollen wir sein?" - das ist eine Frage, die viele Deutsche in der Flüchtlingskrise beschäftigt. Eine öffentliche Debatte in Flensburg sollte Antworten geben. Schwierig für alle, außer für Regisseur Detlev Buck.

Von , Flensburg

Detlev Buck: Keine Angst vor Veränderung
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Detlev Buck: Keine Angst vor Veränderung


Detlev Buck fasste sich kurz. "In meinem Dorf", sagte der Filmemacher, "ist es manchmal langweilig." Deshalb habe er neulich mit seiner Freundin eine Radtour gemacht. Unterwegs seien ihnen zwei Afrikaner auf dem Fahrrad entgegen gekommen. "Und plötzlich war das Abenteuer da."

Das Abenteuer, das ist das Neue, Unbekannte, vielleicht auch Unbequeme, das Flüchtlinge nach Deutschland bringen. Für Buck ist es das Spannende, eine Veränderung, die man begrüßen muss und vor der man keine Angst haben sollte. "Nichts bleibt, wie es ist", sagte er gewohnt lakonisch. "Sonst wird's auch langweilig."

"Welches Land wollen wir sein?" war die Frage, der sich Hunderte Besucher der gleichnamigen Debattenreihe der Stiftung Futurzwei am Donnerstagabend stellen wollten. Das Audimax an der Europa-Universität in Flensburg war brechend voll, die Hoffnung auf Antworten spürbar groß. Wie aber schafft man es, mitten im Abenteuer innezuhalten und sich zu überlegen, wohin es wohl führen mag?

Der Initiator der bundesweiten Debatte, der Soziologe Harald Welzer, sprach von einer historisch einmaligen Situation, einer "Sternstunde der Demokratie in Deutschland": Das Engagement von vielen, die Offenheit - es sei erstaunlich, dass eine Gesellschaft, die aus zwei totalitären Systemen erwachsen sei, diese Leistung erbringe. "Deshalb ist meine Antwort auf die Frage, in welchem Land ich leben will, ganz einfach: in diesem."

Helfen als kollektiver Glücksrausch

Welzer provozierte schon in seinem Eingangsstatement mit der Feststellung, dass es keine Lösungen in der Flüchtlingsfrage geben könne. Irritation und Unverständnis im Publikum. "Es gibt keine kurzfristigen Lösungen und auch keine kurzfristigen Korrekturen einer verfehlten Einwanderungspolitik", präzisierte der Soziologe. Zu glauben, dass man ein Problem in vier Wochen vom Tisch haben könne, sei absurd.

Katrine Hoop hat eine Lösung, und die liegt im konkreten Tun: Als Flüchtlingshelferin am Flensburger Bahnhof ist sie seit Monaten mitten drin im Abenteuer. Sie beschrieb sehr eindringlich die Win-win-Situation zwischen Bedürftigen und Helfenden.

"Für uns alle war es ein Befreiungsschlag, helfen zu können. Bevor die Flüchtlinge kamen, haben wir das Elend der Welt aus der Distanz betrachtet und nicht verstanden, warum es ausgerechnet uns so viel besser geht als vielen anderen." Plötzlich sei es möglich geworden, das Gleichgewicht wieder herzustellen, "für ein bisschen Gerechtigkeit zu sorgen". Eine riesige Bereicherung sei es gewesen, jemandem eine Freude zu machen. "Wir hatten wochenlang ein Dauergrinsen im Gesicht." Eine existenzielle Leere scheint gefüllt zu werden: "Es war ein kollektiver Glücksrausch, eine Euphorie, weil es sinnvoll war und nicht aus der Position des Überlegenen heraus geschah."

Das klingt nach einem Dopaminrausch, der die Flüchtlingshilfe zur Sinnfindung instrumentalisiert. Aber warum nicht, wenn es beiden Seiten hilft? Die Befreiung von Dingen, von sinnlos angehäuftem Ballast, scheint demnach bei den Spendern eine große Rolle zu spielen. "Die Leute waren so froh, ihren Kram loszuwerden", erzählte Hoop. Sie beschreibt das Land der Willkommenskultur in seinem Ist-Zustand, in dem junge Migranten helfen, die selbst erst wenige Monate im Land sind. In dem behinderte Menschen hingebungsvoll stundenlang Hosen verteilen, in dem Leute mit anpacken, die vorher "Probleme mit Ausländern" hatten.

"Ich fühle mich nicht wohl in Deutschland"

"Die Arbeit hat uns politisiert", sagte Hoop, die sich weiterhin in der Flüchtlingshilfe engagiert. "Wenn sie einen kleinen Jungen sehen, der am Grenzzaun in Ungarn verletzt wurde, werden die Folgen der miesen Einwanderungspolitik der Europäischen Union sehr konkret." Für Hoop ist klar in welchem Land sie leben will: "Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die sich nicht abschottet. Europa muss sein Potenzial erkennen und sich neu überdenken."

Harald Welzer: "Wir sollten aufhören, uns immer so klein zu machen"
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Harald Welzer: "Wir sollten aufhören, uns immer so klein zu machen"

Veranstalter Welzer hatte es satt mitzuverfolgen, wie im Internet "ein riesiger Müllhaufen von nicht belastbaren Meinungen anwächst" und will mit seiner analogen Debattenreihe einen Gegenpol setzen. Doch die Diskussion verlief schleppend, auch weil das Sendungsbewusstsein bei einigen Teilnehmern größer war, als die Lust am direkten Schlagabtausch. Der Blick nach vorn fiel sichtbar schwer, kein Wunder, haben sich doch die politischen Ereignisse, Krisen und Konflikte in den vergangenen Monaten so überschlagen, dass es schwerfällt, überhaupt ein ausgeruhtes Resümee zu ziehen.

Eine ältere Dame - beigefarbener Pullover, akkurate Hochsteckfrisur - trat auf den Plan, watschte Politik und Medien ab, wetterte gegen die herrschende "Gesinnungsdiktatur" und forderte eine "bedarfsorientierte Einwanderung". Der Arbeitsmarkt breche zusammen, immer mehr "fleißige Arbeitsbienen" kämen aus dem Ausland. "Ich fühle mich nicht wohl in Deutschland", erklärte sie. Die eigene Tochter sei schon ausgewandert. Ihr zur Seite sprang ein Rentner, der angab, aus Hamburg geflohen zu sein, weil er es dort nicht mehr ausgehalten habe. "Ich fühle mich nicht mehr frei und sicher. Der Frieden ist abhandengekommen", sagte er.

"Wir sind nicht so machtlos"

Niemand weiß, welche Erfahrungen die beiden gemacht haben. Aber es sprach Angst aus ihren Wortmeldungen. Angst, verdrängt und marginalisiert zu werden. Angst, etwas zu verlieren, vor allem aber Angst vor Veränderung. "Mit Logik", sagt Soziologe Welzer später, "kommt man solchen Empfindungen nicht bei. Vorurteile kann man nicht erklären." Manche Menschen müssen sich die Welt in Gut und Böse einteilen, um sie zu ertragen, das sei zutiefst menschlich. "Die Zahl der fremdenfeindlich eingestellten Menschen in Deutschland ist relativ stabil, sie liegt bei 15 bis 20 Prozent."

In Zeiten der Verunsicherung allerdings hilft die diffuse Furcht xenophoben Agitatoren. Sie kann politisch instrumentalisiert werden.

"Nie war die Gefahr für unsere Demokratie seit Ende des Zweiten Weltkriegs größer", warnt Welzer. Das sei auch einer "Verwahrlosung der Eliten" im Land geschuldet. Intelligenz, Ethik und Verantwortungsbewusstsein suche man derzeit bei Führungspersonen oft vergeblich. Die großen Korruptionsskandale um VW oder den DFB seien Zeichen des Niedergangs der Eliten.

Dennoch findet Welzer es kindisch zu behaupten, Deutschland könne die Herausforderung der Migration nicht bewältigen: "Wir sollten aufhören, uns immer so klein zu machen. Wir sind nicht so machtlos, wie einige es behaupten."



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