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Proteste gegen Flüchtlinge in Freital: Ich schäme mich

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Flüchtlingsheim-Gegner in Freital: Einfach stehen geblieben (am 26. Juni) Zur Großansicht
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Flüchtlingsheim-Gegner in Freital: Einfach stehen geblieben (am 26. Juni)

Pegida in Dresden, Pöbeleien in Freital, Schüsse in Böhlen - in Sachsen scheint der Ausländerhass besonders groß. Die Idioten mit Idiom machen meine Kindheit kaputt.


Freital ist ein Ort, den ich mit meiner Kindheit verbinde. Ich bin nur 30 Kilometer entfernt geboren. In den Wäldern um Freital sammelten wir Pilze und Heidelbeeren. Es sind angenehme Erinnerungen.

Unangenehm berührt bin ich, wenn ich heute von Freital höre. Nicht von dem Ort als solchen, der kann ja nichts für seine Bewohner. Aber wenn bestimmte Menschen aus Freital und Umgebung vor der Kamera ihre Meinung zu Flüchtlingen kundtun, überkommt mich eine stille Wut.

Sächsisch ist ein Idiom, das so vertraut klingt in meinen Ohren. Meine Großeltern haben so gesprochen, meine noch immer in Sachsen lebende Verwandtschaft spricht so, auch meine Eltern konnten es in Baden-Württemberg nicht ablegen, wo sie seit über 30 Jahren wohnen.

Wenn sie etwas sagen, hörte und höre ich gerne zu. Es klingt vertraut und gutmütig. Wenn die interviewten Sachsen im Fernsehen den Mund aufmachen, fängt man an, diesen Dialekt zu verteufeln. "Solche Schmarotzer", pöbelte eine Frau, die in einem Drei-Minuten-Clip des NDR-Fernsehens zu Wort kommt. "Das sind welche, die sich hier ausruhen. Die machen hier Urlaub", sagte eine andere. "Ich weiß nicht, was für Terroristen mit hier rüberkommen", faselte ein Mann. Diese Menschen diskreditieren mit ihren Aussagen, mit ihrem Weltbild, mit ihrem Hass einen gesamten Landstrich. Sie diskreditieren vor allem ihre Mitmenschen, die nicht so denken.

Was geht in den Flüchtlingsheim-Gegnern vor, die in Wahrheit Rassisten erster Güte sind? Offenbar beziehen sie ihre Informationen lediglich aus dem Musikantenstadl, fahren in den Urlaub maximal an den Wolfgangsee und zimmern sich ihre Wirklichkeit nicht aus dem, was ist, sondern aus dem, was in ihrer klitzekleinen Welt Platz hat. Also höchstens Bratwurst, Bier und "Bauer sucht Frau".

Sie interessieren sich nicht für das, was außerhalb Freitals stattfindet - und selbst wenn, haben sie ganz offensichtlich nicht den Intellekt, zu verarbeiten, was um sie herum passiert. Immer wieder wird behauptet, das liege an ihrer DDR-Sozialisation. Wenn man keine anderen Einflüsse kannte, kann man auch nicht mit ihnen umgehen, so das Argument. Früher gehörte es dazu, über "die da oben" im Politbüro zu motzen, heute sind eben andere "da oben", gegen die man stänkern muss. Stänkern ist das Lebenselixier.

Doch in den letzten 25 Jahren wäre genügend Zeit und Gelegenheit gewesen, sich für die Welt zu interessieren. Es war Platz dafür, Informationen aufzunehmen, abzuwägen, zu differenzieren. Viele haben das genutzt - es gibt sie ja, die Engagierten, die Künstler, die Weltoffenen. Doch die protestierenden Leute aus Freital und anderswo sind einfach stehen geblieben - ja haben sich offenbar zurückentwickelt. Sie prägen nun das gängige Bild vom tumben Sachsen. Sie wirken wie Erwachsene, die plötzlich wieder zum Kind werden und Messer und Gabel nicht voneinander unterscheiden können. Kinder dürfen das, sie sind friedlich und keine Choleriker mit Minderwertigkeitskomplexen.

Die Wende, die Wiedervereinigung, die Freiheit - man wünschte, den Hetzern von Pegida und aus Freital wäre dieses Privileg nie zuteilgeworden. In den letzten Jahren habe ich die Ostler immer wieder gegen Lästereien und Kritik verteidigt. Habe versucht, zu argumentieren, es seien nicht alle so, es gebe so viele Fortschritte und viel Positives.

Ich höre jetzt auf damit. Ich schäme mich nur noch.

Zum Autor
Raphael Raue
Janko Tietz ist Chef vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Janko_Tietz@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
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1. differenzieren
valmorphanize 17.07.2015
ist das brauchbarste Wort in diesem Kommentar. Leider wird bei den freiwillig Zugereisten nämlich nicht differenziert, eine Politik a la "wer will noch mal, wer hat noch nicht" stößt den Menschen eben vor den Kopf, auch eine demokratische Möglichkeit gegen eine Glücksritterburg in seiner Gemeinde zu stimmen gibt nicht, kein Gemeinderatsbeschluss, Bürgerentscheid oder Klage können dies verhindern. Was sollen die Einwohner denn anders tun? Denn nicht alle Menschen möchten sich mit der verfehlten/Nicht vorhanden Einwanderungspolitik abfinden.
2. Ich ärgere mich....
allenamenschonbelegt 17.07.2015
darüber,dass ich dafür noch einen Solidaritätsbetrag von meinem Gehalt abgezogen bekomme. ich muss mich quasi für solche Menschen per staatsdiktat solidarisch zeigen. will ich aber gar nicht. im übrigen zahlen diese Bundesländer keinen Cent davon zurück....in was für einer Welt leben wir nur..............
3. Faschismus überall
harke 17.07.2015
Und was ist mit den besorgten "Bürgern" in den alten Bundesländern? Faschismus ist wieder hoffähig geworden und hat einen breiten Teil der Bevölkerung erfasst. Wenn man sich die Bilder anguckt und die Leute sieht, dann kann man schon optisch sehen, dass diese Leute von Sozialhilfe leben und dem Staat auf der Tasche liegen. Man sollte die Personalien dieser Faschisten aufnehmen und mit den Datenbanken von Jobcenter und Co. abgleichen und dann alles zusammen streichen.
4. Bravo!
stephanie.schrader 17.07.2015
Das musste mal geschrieben werden! Ich bin auch ein 'Kind der DDR' - aus Sachsen-Anhalt. Ich schäme mich genauso.
5. Ostler
vhn 17.07.2015
Der Autor hat jahrelang gemeint, es seien nicht alle so. Jetzt sind alle so? Wer so denkt oder argumentiert, ist auch nicht besser als die, über die er sich selbst echauffiert. Mauern im Kopf nützen uns gar nichts.
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