Jugend Rettet Flüchtlingshelfer wehren sich gegen Schlepper-Vorwurf

Arbeitet die Organisation Jugend Rettet mit Kriminellen zusammen? Im sizilianischen Trapani versuchen die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, die Vorwürfe eines italienischen Staatsanwalts zu entkräften.

Die "Iuventa" im Mittelmeer (Archiv)
Jugend Rettet e.V./dpa

Die "Iuventa" im Mittelmeer (Archiv)

Von


Das Bild ist verschwommen, doch die Szene ist klar zu erkennen: Zwei Menschen in einem Schlauchboot ziehen an einem Seil ein leeres, blau-rotes Holzboot hinter sich her. Das Foto hat ein verdeckter Ermittler der italienischen Polizei geschossen. Es zeigt nur einen Ausschnitt einer größeren Rettungsaktion, die sich am frühen Morgen des 18. Juni 2017 rund 30 Kilometer vor der libyschen Küste abspielte.

Das Rettungsschiff "Iuventa" der deutschen Nichtregierungsorganisation (NGO) Jugend Rettet nimmt Dutzende Flüchtlinge an Bord, die sich in drei Holzbooten von Libyen nach Europa aufgemacht hatten. Anschließend wechseln sie mit Schlauchbooten auf ein größeres Schiff der Hilfsorganisation Save The Children, das sie schließlich nach Italien bringt.

Ein tägliches Szenario auf dem Mittelmeer in diesem Sommer: Schlepper schicken in überfüllten Booten die Flüchtlinge aufs Wasser, wo sie, wenn sie Glück haben, auf Schiffe wie die "Iuventa" treffen, die sie aus ihrer lebensbedrohlichen Situation retten. Nach Meinung des italienischen Staatsanwalts Ambrogio Cartosio aus der sizilianischen Küstenstadt Trapani aber fand an diesem Morgen des 18. Juni auf dem Wasser ein krimineller Akt statt. Das Foto des verdeckten Ermittlers beweise, dass die Helfer von Jugend Rettet das leere Flüchtlingsboot zurück in Richtung libysche Küste gebracht haben, anstatt es zu zerstören.

Wanzen auf dem Schiff installiert

Cartosio hat mit großem Aufwand mehrere Monate lang gegen die deutschen Helfer ermittelt, nachdem bereits im September 2016 Vorwürfe aufkamen, Jugend Rettet würde mit Schleppern zusammenarbeiten. Wanzen wurden auf dem Schiff installiert, Handygespräche abgehört. In einer rund 550 Seiten dicken Ermittlungsakte wirft der Ankläger den Rettern aus Deutschland nun "Beihilfe zur unerlaubten Einreise" nach Italien vor. Am 2. August ließ er die "Iuventa" in Lampedusa konfiszieren und nach Sizilien überstellen.

In einer nichtöffentlichen Anhörung haben Anwälte der Organisation nun vor dem Gericht in Trapani die Vorwürfe bestritten. Anschließend äußerten sich die Helfer in einer Pressekonferenz: Sie hätten sich in ihrer Arbeit stets an Internationales Seerecht gehalten. Die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft seien nicht nur falsch, sondern entbehrten jeder praktischen Grundlage: Mit einem so kleinen Schlauchboot sei es unmöglich, ein Holzboot zur 30 Kilometer entfernten Küste zu bringen.

"Todesfallen"

Den Journalisten präsentierten die Helfer eine simple Erklärung für die Szene, die auf dem Foto zu sehen ist: Das Schlauchboot habe den Befehl erhalten, die leeren Boote zur Seite zu ziehen, damit sie den Transfer der Flüchtlinge von der "Iuventa" auf das größere Schiff nicht behinderten. "Diese Fotos wurden komplett aus dem Zusammenhang gerissen", heißt es in der Stellungnahme von Jugend Rettet, die dem SPIEGEL vorab vorlag.

Zum Vorwurf, das Boot nicht zerstört zu haben, entgegnen die Helfer: Zu diesem Zeitpunkt habe es bereits einen zweiten Notruf gegeben: Ein Schlauchboot mit Flüchtlingen sei in der Nähe in Seenot geraten. Eines der Beiboote der "Iuventa" habe sich gleich auf den Weg gemacht, das zweite sei ebenfalls dorthin gefahren, nachdem es das Holzboot aus dem Weg gezogen habe. Die Rettung von Menschen zähle mehr als die Zerstörung der Boote, auch wenn es grundsätzliches Ziel von Jugend Rettet sei, die Boote den Schleppern nicht wieder zu überlassen. Sie seien "Todesfallen", heißt es in der Stellungnahme, "wir werden niemals ihre Wiederverwendung unterstützen".

In ihrer Pressekonferenz wiesen die Ehrenamtlichen auch auf weitere Ungereimtheiten in den Ermittlungen hin: Beiboote anderer NGOs seien Jugend Rettet zugeschrieben worden, Zeugenaussagen würden sich widersprechen. Sie sehen sich als Opfer eines politischen Komplotts. Tatsächlich haben italienische Journalisten recherchiert, dass mindestens einer der Informanten der Staatsanwaltschaft der rechtsextremen Identitären Bewegung nahestehen soll.

Ein Richter muss nun darüber urteilen, ob die Beschlagnahme des Schiffes gerechtfertigt war oder nicht. Danach wird Staatsanwalt Cartosio entscheiden, ob er auch gegen die deutschen Helfer selbst ermittelt. Dann drohten ihnen Gefängnis oder empfindliche Geldstrafen.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.