Seit Marineoperationen das Meer zwischen Nordafrika und Italien stärker überwachen, werden zufällig ausgewählte Flüchtlinge dazu gezwungen, die Boote zu steuern. In Italien warten auf die sogenannten Scafisti hohe Haftstrafen.

Die Sonne geht gerade über dem Meer auf, da spürt Abdou Faye die Mündung eines Sturmgewehrs an seiner Schläfe. Er sitzt mit 80 Männern in einem Schlauchboot. Es riecht nach Erbrochenem, viele mussten sich übergeben, auch ihm ist schlecht von der schwankenden Fahrt. Vor vier Stunden sind sie an der Küste Libyens ins Boot gestiegen, seitdem fahren sie Richtung Horizont.

Ein Mann in Taucheranzug, schwarze Stoffmaske über dem Gesicht, befiehlt Faye, er solle jetzt das Boot fahren. Ohne Erklärungen, wie ein Motor funktioniert. Faye fragt: "Warum ich?" Die Antwort ist eine Drohung: "Wenn du es nicht machst oder zurückkommst, erschieße ich dich." Der Maskenmann steigt auf ein zweites Schlauchboot, das ihnen gefolgt ist. Es dreht Richtung Libyen ab. Faye nimmt das Steuer des Außenborders in die Hand und fährt mit dem Boot voller Flüchtlinge Richtung Horizont, wo er Italien vermutet.

So erinnert sich Faye, der heute 33 ist, an den Morgen des 4. April 2015. Es ist der Moment, der seine Zukunft in Europa bestimmt: Als Faye in Libyen ins Schlauchboot stieg, war er ein Flüchtling. Als der Senegalese in Italien an Land geht, wird er wegen Schlepperei verhaftet. Seit fast drei Jahren besteht sein Leben aus Gefängniszellen und dem Sozialzentrum Terra Viva, in dem er inzwischen unter Hausarrest wohnt und arbeitet.

An einem sonnigen Vormittag sitzt er dort, im Süden Siziliens, auf einer Terrasse. In Fayes Haaren, auf seiner roten Trainingsjacke und seiner modisch zerschlissenen Jeans hängen Grashalme, er macht eine Pause vom Rasenmähen. "Ich habe mein Leben riskiert, um nach Italien zu kommen und meiner Frau und meinen zwei Töchtern zu helfen." Sein Blick ist starr, aber seine Hände zittern. Er ist sich sicher, nichts Böses getan zu haben.

Migranten wie Faye werden in Italien "Scafisti", genannt, "Bootsfahrer". Er ist einer der vielen neuen Schlepper wider Willen. Bis vor einigen Jahren fuhren professionelle Schmuggler mit stabilen Booten bis an die Strände Siziliens. Doch seit europäische Marineoperationen das Meer zwischen Nordafrika und Italien stärker überwachen, hat sich das Gesicht der Schlepperei verändert. Heute werden häufig zufällig ausgewählte Flüchtlinge dazu gezwungen, den Kompass zu lesen, mit einem Satellitentelefon Hilfe zu holen oder das Gummiboot zu steuern. So wie Faye.


Die NGO Borderline Sicilia schätzt, dass pro 100 ankommende Migranten durchschnittlich zwei Scafisti festgenommen werden. Die offiziellen Zahlen des italienischen Innenministeriums sind geringer. Laut Gesetz müssen Schleuser in Italien mit fünf bis 15 Jahren Gefängnis und 15.000 Euro Strafe pro geschmuggelter Person rechnen.

Drei Jahre, vier Monate Haft und 800.000 Euro - dazu hat die italienische Justiz Faye verurteilt. Das Geld wird er wohl nie aufbringen können. Zwei Jahre war er im Gefängnis, seit einem Jahr lebt er unter Hausarrest im Terra Viva. Sein Anwalt hat diese alternative Haft bei der Staatsanwaltschaft von Catania angefragt.

Seitdem ist Italien für Faye nicht mehr nur eine graue Mauer hinter gelben Gitterstäben. Im Gefängnis setzte sich sein Alltag aus Italienischkursen und Fernsehen zusammen. Im Terra Viva darf Faye arbeiten, ohne dafür Geld zu bekommen. Zusammen mit anderen Scafisti schneidet er Rasen und Hecken, verlegt Kopfsteinpflaster, schreinert Zäune und verkauft an Wochenenden Gemüse.

Das Sozialzentrum sieht aus wie eine in die Jahre gekommene Ferienanlage: Palmen umringen einen halbleeren Pool, ein Esel frisst Gras. Das Zentrum liegt im Niemandsland zwischen zwei Dörfern, zwischen Ätna und Meer. Würde Faye von hier fliehen wollen, müsste er nur über eine mannshohe Mauer klettern. Doch Faye will bleiben. Er würde sonst die einzigen Menschen in Italien verlieren, die sich für ihn einsetzen - seinen Anwalt und den Leiter des Zentrums. "Abhauen? Niemals", sagt er.

Nach dem Rasentrimmen verlegt Faye Pflastersteine, dort wo später mal ein Pferdestall stehen soll. Routiniert klopft er jeden Stein mit dem Gummihammer fest. Schon im Senegal hat er auf Baustellen gearbeitet. "Zu 50 Prozent bin ich glücklich hier, weil ich eine neue Familie gefunden habe", sagt Faye. Der Leiter des Zentrums sei wie ein Vater für ihn, die anderen Scafisti wie Brüder. "Zu 50 Prozent bin ich jedoch traurig, denn ich bin nicht frei."

Faye hat bei der ersten Polizeibefragung nach seiner Ankunft auf Sizilien zugegeben, das Schlauchboot gefahren zu haben. "Ich bin deshalb kein Krimineller, ich hatte einfach keine Wahl", sagt er. In einer Woche wird Faye wissen, ob das höchste italienische Gericht, der Oberste Kassationsgerichtshof in Rom, das auch so sieht. Ähnlich wie der Bundesgerichtshof überprüft es Entscheidungen anderer Instanzen. Schließt es sich den vorherigen Urteilen an, muss Faye seine restliche Strafe im Sozialzentrum absitzen und Italien verlassen. Doch auch ohne Verurteilung hätte er nur geringe Chancen, bleiben zu dürfen. Senegal gilt als sicheres Herkunftsland.

Fast stündlich ist Faye über WhatsApp in Kontakt mit seiner Familie im Senegal. Er schickt Fotos von selbstgekochten Nudeln mit Käse, seine Frau Aminata Bilder der gemeinsamen Töchter Yassim, 6, und Umi, 3. Seine jüngste Tochter kennt Faye nur vom Handybildschirm. Auch jetzt, kurz vor dem Abendessen, nimmt er noch schnell eine Sprachnachricht auf. Faye setzt sich auf seinen Platz am Kopfende einer langen Tafel in seiner Wohngemeinschaft. Er kitzelt den dreijährigen Flüchtlingsjungen Destiny, der mit seiner Mutter auch hier lebt. Destiny kreischt. Zum ersten Mal an diesem Tag lacht auch Faye.

Der Polizist Carlo Parini hat viele Scafisti festgenommen. Er sieht aus, wie man sich Polizisten auf Sizilien vorstellt: füllig, mit grauen Haaren und misstrauischem Blick. Sitzt er hinter seinem Schreibtisch, kann er gerade noch über einen Stapel chaotischer Papiere schauen. Es scheint, als habe er ein eigenes System, von außen kaum durchschaubar. Der Polizeikommissar, 55, leitet im südsizilianischen Küstenort Syrakus seit 1999 eine Spezialeinheit der Küstenwache und Wasserschutzpolizei. Vorher hat er Mafiosi gejagt. Er ist fast immer am Hafen, wenn in Südsizilien ein Schiff mit Flüchtlingen an Bord einfährt.

Wie schafft er es, zwischen professionellen und unfreiwilligen Schleusern zu unterscheiden? Zu 99 Prozent liege er richtig, sagt er. Er achte auf Augenkontakt zwischen den Flüchtlingen, oft schauten die anderen den Menschen, von dem ihr Leben in den Tagen zuvor abhing, immer wieder unbewusst an.

"Die Leute, die die Boote unfreiwillig steuern, sind eigentlich Helden", sagt Parini. Sie würden versuchen, ihr Leben und das der anderen Flüchtlinge zu retten. Andere Polizeistationen sehen das anders. In der Stadt Ragusa gab die Polizei im März eine Pressemitteilung heraus, als sie einen Scafista an seinem 18. Geburtstag noch auf dem Boot verhaftete. "Ich könnte die Scafisti auch gleich am Hafen festnehmen", sagt Parini. Wenn er jedoch Zweifel daran habe, dass ein Schmuggler Teil einer Schlepperbande sei, dann mache er es nicht. Häufig sammele er nur Aussagen, die er der Staatsanwaltschaft schickt.

"Hallo, mein Name ist Gigi", so unkonventionell stellt sich der Richter Gigi Omar Modica in Palermo vor. Der 45-jährige trägt Sonnenbrille zur braunen Cordjacke und ist mit dem Fahrrad gekommen. Er war einer der ersten Richter, der Scafisti freigesprochen hat. Seine Argumentation: Die Flüchtlinge hätten aus Not heraus gehandelt. Der Artikel 54 des italienischen Strafgesetzbuches besagt, dass Menschen, die gezwungenermaßen eine Straftat begangen haben, um sich selbst oder andere zu retten, nicht verurteilt werden können. "Wenn ich unschuldige Menschen sehe, muss ich handeln", sagt Modica. Für ihn sind die Scafisti wider Willen Opfer des italienischen Justizsystems.

Nur wenige Richter urteilen wie er. "Das hat politische Gründe", glaubt Modica. Bei Fällen wie diesen sind Überzeugungen kaum von juristischer Arbeit trennbar: "Viele Richter wollen illegale Migration nicht unterstützen", sagt Modica. "Einige Kollegen sind ganz offen der Meinung, Italien habe nicht das Geld, so viele Flüchtlinge aufzunehmen." In den Kommentarspalten unter Artikeln über ihn und seine Arbeit sei er als Freund von libyschen Schmugglern beschimpft worden, Leute haben über seinen arabischen zweiten Vornamen spekuliert.

Drei Tage vor dem Urteil des Obersten Kassationsgerichtshof in Rom steht Faye auf dem Parkplatz von Terra Viva hinter einem Brotstand des kleinen Biomarktes. Mit freundlichem "Guten Tag, wie geht es Ihnen" begrüßt er jeden Kunden. Er sei zuversichtlich. "Wenn du einen Fehler gemacht hast, dann kannst du weinen", sagt er. "Ich habe keinen Fehler gemacht. Also weine ich nicht."

Drei Tage später, an einem Tag Mitte Mai, teilt ihm der Leiter des Sozialzentrums die Entscheidung des Gerichtes aus Rom mit: Er sei schuldig. Nach dem Ende seiner Haft am 6. August wird Faye wahrscheinlich in den Senegal abgeschoben, bis dahin bleibt er in Hausarrest. Fayes Blick wird starr, seine Lippen zittern. Er weint nun doch.



Impressum


Dieses Projekt gehört zur Langzeitserie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE Perspektiven auf europäische Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalist Center (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt. Hier erfahren Sie mehr.

Text: Hanna Gieffers, Alessandro Puglia (Mitarbeit)

Fotos: Maria Feck

Videos: Maria Feck, Alessandro Puglia

Programmierung: Chris Kurt