Seenotretter im Mittelmeer "Dann hast du ein Baby im Arm..."

Libyen droht mit Gewalt, Italien schickt Kriegsschiffe: Im Streit über die Flüchtlingshilfe im Mittelmeer steigt der Druck auf freiwillige Retter. Einige wollen trotzdem weitermachen. Hier sagen sie, warum.

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Für die Seenotretter im Mittelmeer war es bislang keine gute Woche - und es könnte noch deutlich schlimmer werden: Libyen hat Hilfsorganisationen aufgefordert, sich von den Küsten des nordafrikanischen Landes fernzuhalten. Italien plant dort zudem eine Militärmission, die EU hält sich weitgehend bedeckt.

Am Wochenende hatten Hilfsorganisationen wie Sea Eye, Ärzte ohne Grenzen und Save the Children angekündigt, sich vorerst aus dem Rettungsgebiet vor der nordafrikanischen Küste zurückzuziehen. Als Grund nannten sie Drohungen und die Ankündigung aus Libyen, eine "Search and Rescue Zone" auf internationale Gewässer auszuweiten. Als eines der letzten Schiffe privater Helfer kreuzt nun noch die "Aquarius" von der Organisation SOS Méditerranée im Mittelmeer.

Lesen Sie hier, wer die Retter sind und was sie bewegt:

Wie lange die Helfer auf der "Aquarius" noch Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten können, ist derzeit nicht abzusehen. SOS Méditerranée ist jedoch nicht die einzige Gruppe, die ihr Engagement fortsetzen möchte: Die Dresdner Hilfsorganisation "Mission Lifeline" plant, im September erstmals mit einem eigenen Schiff im Mittelmeer Schiffbrüchigen zu helfen.

Derzeit werden der Organisation zufolge die letzten Wartungsarbeiten in Malta abgeschlossen, bevor die "Lifeline" in wenigen Wochen zur ersten Mission starten soll. "Trotz der zunehmenden Kriminalisierung von privaten Seenotrettungsorganisationen", sagt "Mission Lifeline"-Chef Axel Steier, "lassen wir uns nicht von der Pflicht abbringen, Menschenrechte und internationales Seerecht im Mittelmeer zu verteidigen."

Aus Sicht vieler Seenotretter ist die aktuelle Situation ein Dilemma: Aufgrund des harten Vorgehens der libyschen Behörden würden tatsächlich weniger Migranten in unsicheren Booten internationale Gewässer erreichen, sagt Stefan Dold von Ärzte ohne Grenzen dem SPIEGEL. Das bedeute allerdings, dass die Flüchtlinge in libysche Lagern gebracht würden.

Flüchtlingsretter im Mittelmeer

"Die Situation in diesen Lagern ist absolut menschenunwürdig", so Dold. Es mangele oftmals an Nahrung und Wasser, zudem gebe es Berichte über Gewalt und Willkür. "Es ist fürchterlich, dass Menschen aufgehalten werden, die vor Elend und Gewalt fliehen", sagt Dold.

Für Ärzte ohne Grenzen sei es daher ein wichtiges Ziel, das Schiff "Prudence" wieder auf Rettungseinsätze zu schicken. "Wir bemühen uns derzeit bei der EU und den libyschen Behörden um Sicherheitsgarantien für unser Schiff und um die Zusicherung, dass wir weiter gemäß grundlegender humanitärer Prinzipien arbeiten können", sagt Dold. "Dazu gehört auch, dass wir die Geretteten nicht nach Libyen bringen können."

Dass es dazu kommt, scheint jedoch höchst unwahrscheinlich. "Derzeit sieht es danach aus", sagt Dold, "dass die libyschen Behörden und die EU eine Situation herbeiführen, in der für private Seenotretter kein Platz mehr ist."

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Mit Material von dpa

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