Städte-Umfrage zu Flüchtlingen Deutschlands Bürgermeister sind entspannt

Der Bund diskutiert, die Städte handeln. In einer SPIEGEL-ONLINE-Umfrage zeigen sich die Oberbürgermeister der 30 größten Metropolen Deutschlands in Sachen Flüchtlinge überraschend entspannt.

Ankommende Flüchtlinge: Die Integrationsfrage entscheidet sich in den Städten
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Ankommende Flüchtlinge: Die Integrationsfrage entscheidet sich in den Städten

Von Marlene Göring


Deutschland streitet über Flüchtlinge, debattiert über Obergrenzen und Unterbringung - dabei fehlen bis heute Fakten: Wie viele Flüchtlinge sind bereits im Land? Wo leben sie? Wie viele leben in Zelten, wie viele in Wohnungen? Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Selbst die Bundesregierung hat keinen genauen Überblick.

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SPIEGEL ONLINE hat die Oberbürgermeister der 30 größten deutschen Städte um ihre Einschätzung gebeten. Wie viele Flüchtlinge kommen dort an? Wie werden die Asylbewerber untergebracht? Wie ist das Verhältnis zur Bevölkerung? Und was muss geschehen, um die Lage in den Griff zu bekommen?

Immerhin über 18 Millionen Menschen leben in diesen Städten, fast ein Viertel der Bevölkerung. Hier wird sich entscheiden, ob auf Dauer die Integration der Neuankömmlinge gelingt.

Das Ergebnis der Umfrage ist überraschend. Wer einen kollektiven Aufschrei erwartet, hat sich getäuscht: Nur drei von 30 Metropolen halten sich für "überfordert" (Braunschweig) oder sprechen von einer "Krise" (Wuppertal) oder einem "Krisenmodus" (Stuttgart). Aber nicht einmal sie wollen in "Wehklagen" ausbrechen, wie es im Stuttgarter Rathaus heißt. "Wir brauchen Geduld und Willen", antwortet Wuppertal. Sehen Sie die ausführlichen Antworten hier in der Karte, klicken Sie auf die markierten Städte:

Die Antworten im Wortlaut

Je größer der Kreis desto mehr Flüchtlinge pro Einwohner

Sicher ist es ein Unterschied, ob eine große Stadt vergleichsweise wenige Flüchtlinge versorgen muss - oder eine Gemeinde ein Vielfaches ihrer Bewohnerzahl aufnimmt. Aber es gibt auch in den Großstädten Zeltdörfer und Heimleiter, die ihre Einrichtung kurz vor dem Kollaps sehen. Kinder, die vergebens auf einen Platz in der Willkommensklasse warten. Und Bürger, die im Kampf gegen Flüchtlingsunterkünfte bis vor Gericht ziehen; oder Rechtsextreme, die gegen Flüchtlinge hetzen oder Heime beschädigen.

Die Bürgermeister und ihre Mitarbeiter blenden diese Probleme nicht aus. Aber wenn sie sich zur Gesamtlage äußern, signalisieren die meisten durchweg Gelassenheit. Für sie bringt es der Oberbürgermeister von Hannover, Stefan Schostok (SPD), auf den Punkt: "Aus unserer Perspektive ist es sicher richtig zu sagen: Es geht. Wir bekommen es hin. Wir schaffen das!"

"Als Stadt, in der von 500.000 Einwohnern 200.000 nicht in Deutschland geboren sind", heißt es in Nürnberg, "haben wir ein eher routiniertes Verhältnis zu Integrationsfragen." Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) spricht von "gelebter Menschlichkeit" statt "abwehrender Furcht". "Das können wir", "wir sind für diese Aufgabe gerüstet", versichern Augsburg und Mannheim.

Sind es zu viele Flüchtlinge?

Auch in der Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland dauerhaft aufnehmen kann, zeigen sich die Stadtoberhäupter zurückhaltender als zum Beispiel Vizekanzler Sigmar Gabriel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (beide SPD) oder Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), die alle eine Obergrenze fordern.

Nur zwei der 30 befragten Oberbürgermeister verlangen explizit, die Flüchtlingszahlen zu deckeln. Als eine Voraussetzung für Integrationserfolge "müssen die Zugangszahlen schon in den nächsten Monaten, insbesondere 2016 sinken", heißt es in Mannheim. "Nur wenn es gelingt, dass weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist die Situation zu beherrschen", teilt Braunschweig mit.

Wie werden Flüchtlinge untergebracht?

So gut es nur geht, bemühen sich die Städte, Massenunterkünfte zu vermeiden. "Wir versuchen, alles zu tun, um niemanden in Zelten oder Turnhallen schlafen zu lassen", heißt es zum Beispiel in Bonn. Eine Beschlagnahme von Unterkünften gab oder gibt es bislang in Bielefeld und Dresden, in Bremen wird ein entsprechendes Gesetz vorbereitet, in Hamburg wurde es bereits verabschiedet. Die anderen Städte lehnen dieses Instrument mehrheitlich ab.

Wer Flüchtlinge dezentral übers Stadtgebiet verteilt, muss am wenigsten mit Problemen rechnen - diese Einsicht hat sich überall durchgesetzt. Und in manchen Metropolen funktioniert es bereits: Die Hauptstadt von Baden-Württemberg spricht vom "Stuttgarter Modell" und hat derzeit 4397 Flüchtlinge in 81 Unterkünften in 18 Stadtbezirken untergebracht. In Aachen, Chemnitz, Leipzig und Wuppertal wohnt ein Großteil der Flüchtlinge in eigenen Wohnungen, auch Wiesbaden verfolgt diese Strategie.

Doch dieser Zustand wird sich nicht überall erreichen oder halten lassen. Jeweils zehn Metropolen setzen, wohl oder übel, bereits auf Turnhallen oder mobile Unterkünfte. "Zusätzlich werden Container und winterfeste Leichtbauhallen ab Oktober/November als Unterbringungsmöglichkeiten genutzt werden", teilt München mit.

Wie ist die Stimmung unter den Flüchtlingen?

Die Lage ist besser, als man angesichts diverser Berichte über Massenschlägereien annehmen würde - jedenfalls wenn man den Angaben der 30 Oberbürgermeister und ihrer Mitarbeiter folgt. Zwei Drittel der Metropolen haben keine nennenswerten Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalitäten, Ethnien und Religionen in ihren Asylbewerberunterkünften zu melden. Die Lage gilt dort als "problemlos" (Bonn) oder "entspannt und gut" (Münster). Und Mönchengladbach mahnt zur Besonnenheit: "Eine Prügelei unter Flüchtlingen gehört genauso wenig in die ,Tagesschau' wie eine Schlägerei auf dem Oktoberfest."

Allerdings unternehmen die Städte auch große Anstrengungen, um Streit zwischen vielen Menschen auf engem Raum bei "fehlenden sinnvollen Beschäftigungsmöglichkeiten" - wie es in Karlsruhe heißt - zu vermeiden.

In Bremen zum Beispiel müssen pädagogische Kräfte immer wieder daran arbeiten, dass Menschen aus Zentral- und Westafrika von Jugendlichen aus Nordafrika akzeptiert werden. Hannover hat Anfang des Jahres 20 weitere Sozialarbeiter eingestellt und will dieses Personal nun noch einmal aufstocken. "Dies hat sich als sinnvoll und notwendig erwiesen, um Konflikte unter Flüchtlingen präventiv zu erkennen und notfalls schneller zu schlichten", sagt Oberbürgermeister Schostok.

Klar ist aber auch: Kaum etwas wirkt sich derart auf die Stimmung aus, wie die Unterbringung. "Ich bin froh, wenn alle Flüchtlinge aus der beengten Turnhallensituation umgezogen sind", sagt Wiesbadens Stadtoberhaupt Sven Gerich (SPD).

Wie ist das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Bevölkerung?

Deutschlands Oberbürgermeister haben dazu eine einhellige Meinung: Alle 30 Großstädte bezeichnen das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Anwohnern als "gut" oder "sehr gut". Viele werden sogar euphorisch, wenn es um das Engagement ihrer Bürger geht. "Bochumer sind außerordentlich hilfsbereit", "Ehrenamtler sind hoch motiviert und leisten einen Einsatz, der nicht hoch genug gewürdigt werden kann" (Bonn), "überwältigend" (Dortmund, Düsseldorf, Münster, Wiesbaden) - so oder so ähnlich verlautet es in etwa der Hälfte der deutschen Metropolen.

Manche verweisen auf die ohnehin hohen Migrantenanteile in ihren Städten. "Die Bürger der Stadt sind es gewohnt, mit Menschen aus 170 Nationen zusammen zu leben", heißt es in Mannheim, "wir sind eine Multi-Kulti-Stadt, da fallen die Flüchtlinge gar nicht auf", in Frankfurt am Main.

Nun kann man annehmen, dass die Befragten kaum ein Interesse daran hätten, dass ihre jeweilige Stadt als Krisengebiet kurz vor dem Kollaps dasteht. Andererseits: Wer auf mehr Hilfe vom Bund pocht, hätte einen Grund, die Lage dramatischer darzustellen.

Wie soll es weitergehen?

Knapp zwei Drittel der Metropolen fühlen sich vom Bund alleingelassen. "Was die bayerischen Kommunen seit Monaten leisten, erwarten wir auch vom Bund", sagt die Münchner Sozialreferentin Brigitte Meier: "schnelles, pragmatisches Handeln - und keine Sonntagsreden." Die Verfahren dauerten zu lange, die Verteilung der Flüchtlinge sei nicht gerecht, weil Bayern und Nordrhein-Westfalen die Hauptlast trügen, diese Kritik ertönt zurzeit von Nürnberg bis Essen. Normalerweise regelt der sogenannte Königsteiner Schlüssel, welcher Anteil der Flüchtlinge in welche Bundesländer geschickt wird - dieses Verfahren funktioniert aber nicht mehr, wie viele Städte beklagen.

Auf die Frage, was zu tun ist, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen, denkt die Mehrheit schon an die Zeit nach der Aufnahme. 23 von 30 Städten wollen eine schnelle und "tatsächliche" Integration - und nennen Sprache (17), Bildung (13) und Arbeit (13) als Themen, die im Zentrum stehen würden.

Nur zwei Metropolen fordern mehr und schnellere Abschiebungen. Andere versprechen sich von den Neuankömmlingen Chancen. "Angesichts des drohenden Arbeits- und Fachkräftemangels ist Deutschland und damit auch Düsseldorf auf Einwanderung angewiesen", sagt Oberbürgermeister Geisel.

30 Städte in Deutschland, das heißt im Großen und Ganzen 30-mal Pragmatismus und Voraussicht. Trotzdem bleibt es ein langer, mühsamer Weg, um Neuankömmlinge aufzunehmen und zu integrieren. Missverständnisse sind dabei nicht zu vermeiden.

In Kiel prüfen sie deshalb zurzeit, sogenannte Refugee-Guides an jeden Flüchtling in Gemeinschaftsunterkünften zu verteilen. Die 15-seitige "Orientierungshilfe" soll ihnen helfen, die Deutschen besser zu verstehen.

"Es ist vollkommen normal, stundenlang im Zug neben Fremden zu sitzen und nur ,Guten Tag' zu sagen", können Asylbewerber dort zum Beispiel lernen. Oder dass ein einfaches Lächeln üblicherweise nicht als Flirt zu interpretieren sei: "Die Menschen versuchen normalerweise einfach nur freundlich zu sein."

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