Asylkrise in Italien Die Helferin vom Hauptbahnhof

Der Iraner Seied lebte als Flüchtling in Deutschland, er wurde fast ermordet, dann wurde er nach Italien abgeschoben. Dort hat er eine Art Zuhause gefunden, das verdankt er einer engagierten Mailänderin.

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Von , Mailand


Mancher Schmerz lässt sich mit Worten kaum beschreiben.

Seied hat es schon eine ganze Weile lang versucht, auf Englisch, Deutsch und Italienisch, mit Händen und Füßen. Nun kramt der kleine, glattrasierte Mann ein Handy aus der Hosentasche, tippt auf ein Foto, dann zoomt er mit zwei Fingern an die Narben heran. So sehen Schmerzen aus.

Das Bild zeigt zwei langgezogene Wunden auf einem Rücken, genäht mit Dutzenden Stichen. Seied wischt ein paarmal auf dem Touchscreen nach rechts, dann ist der Patient auch von der Seite und von vorne zu sehen: Es ist Seied selbst. Und es ist offenbar alles andere als selbstverständlich, dass der Iraner an diesem Sommertag im gefliesten Saal eines ehemaligen Eisenbahndepots nahe dem Mailänder Hauptbahnhof sitzt.

Seieds vernarbter Rücken
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Seieds vernarbter Rücken

Der Weg dorthin war lang, er führte Seied von Iran nach Deutschland und von Deutschland nach Italien. Dass er dort nun ein Zuhause hat, in der Via Giovanni Sammartini im Norden Mailands, verdankt er Menschen wie Susy Iovieno, sie sitzt auf einem blauen Kunststoffstuhl neben Seied. Die Steuerberaterin gründete vor vier Jahren die Hilfsorganisation Sos Emergenza Rifugiati Milano, kurz SosErm, in deren Unterkunft Seied gemeinsam mit 65 weiteren Migranten lebt.

Seieds Fall zeigt, wie sehr das überlastete italienische Asylsystem vom Einsatz Tausender ehrenamtlicher Helfer abhängt. Das Flüchtlingsheim in den alten Bahndepots entstand vor einigen Jahren, nachdem SosErm-Gründerin Iovieno mit anderen Helfern ankommende Zuwanderer aus Süditalien am Hauptbahnhof versorgt hatte - mit Essen, Kleidung, Tipps. Vor Beginn der Weltausstellung 2015 musste die Gruppe dann in die Bahndepots umziehen - dort betreiben die Freiwilligen um Iovieno nun eine kleine Flüchtlingsunterkunft.

Susy Iovieno vor dem Flüchtlingsheim
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Susy Iovieno vor dem Flüchtlingsheim

Seied gehört zu den Wenigen, die hier einen Platz zum Leben und Schlafen gefunden haben, die nicht in Großunterkünften am Stadtrand oder gar auf der Straße leben müssen. Weil er kaum Italienisch und Englisch spricht, kommuniziert er meist über das Übersetzungsprogramm seines Handys, es erscheinen dann Sätze auf dem Bildschirm wie dieser: "Deutschland ist besser für meine Kinder, aber jetzt muss ich hier bleiben."

Dann legt er das Handy beiseite und breitet Dokumente auf dem Tisch aus: Formulare der italienischen Grenzpolizei, ein Befund des Hermann-Josef-Krankenhauses in Erkelenz, Briefe seines Anwalts in Deutschland, ein Zeitungsartikel aus der "Rheinischen Post". All das erzählt seine Geschichte.

"Sie landen oft auf der Straße"

Im vergangenen Jahr ließ Seied seine Frau und zwei Kinder in Iran zurück, reiste durch Nordafrika bis nach Sizilien, danach weiter über Mailand bis nach Deutschland. Der 43-Jährige lebte in verschiedenen Asylunterkünften in Nordrhein-Westfalen, unter anderem in Wegberg bei Mönchengladbach. Dort wurde er im August vergangenen Jahres Opfer eines Mordversuchs, ein 27-jähriger Landsmann stach mit einem Messer auf ihn ein.

Die Narben auf dem Rücken blieben, Seied musste gehen.

Im März, nach etwa acht Monaten in Deutschland, wurde der Iraner nach Italien abgeschoben - wegen des Dublin-Abkommens: Es besagt, dass Flüchtlinge in jenem EU-Land ihr Asylverfahren durchlaufen müssen, in dem sie erstmals europäischen Boden betreten haben. Es ist derselbe Grund, aus dem etwa der Asylbewerber Yussif O. aus dem württembergischen Ellwangen nach Mailand abgeschoben wurde, sein Fall hatte Schlagzeilen gemacht - in Deutschland ebenso wie in Italien.

Jetzt mischt sich Helferin Iovieno in das Gespräch ein, sie spricht über die Dublinati, "Dubliner", so nennt sie Flüchtlinge wie Seied. "Die kommen allein an, kriegen ein Dokument in die Hand gedrückt und landen dann oft auf der Straße", sagt sie. Seied habe großes Glück gehabt, dass er in Mailand die Helfer von SosErm getroffen habe: Die Behörden hätten ihn zunächst ins sizilianische Messina geschickt, 1100 Kilometer entfernt, weil er dort 2017 registriert worden sei.

Die Helfer von SosErm spendierten Seied die Fahrkarte nach Messina, die Beamten im dortigen Polizeipräsidium nahmen seine Fingerabdrücke und entließen ihn wieder: Weil es keinen freien Platz mehr in einer Unterkunft gebe, so erzählt es Iovieno, habe sich Seied selbst einen Schlafplatz suchen müssen. Daraufhin habe sie sich persönlich bei den Behörden dafür eingesetzt, dass er nach Mailand zurückkehren und dort sein Asylverfahren durchlaufen dürfe.

Ein Netz voller Löcher

Ein absurder Fall? Iovieno schüttelt den Kopf und setzt zu einem Kurzvortrag über das italienische Asylsystem an: Wer Italien als Asylbewerber erreiche, lande in staatlichen Unterkünften mit bürokratischen Abkürzungen: CPSA, CDA, CARA, CPR, CIE. Wer einen Schutzstatus erhalte, wechsele dann ins Asylsystem SPRAR - diese Unterkünfte bieten meist vergleichsweise gute Betreuung und Versorgung.

Klingt nach einem Sicherungsnetz, aber dieses Netz hat Iovieno zufolge viele Löcher: Wer das SPRAR einmal verlasse, aus welchen Gründen auch immer, könne nicht mehr zurück. Das gelte auch für Flüchtlinge, die Italien verlassen und dann als abgeschobene "Dubliner" zurückgebracht werden, oft aus Deutschland. "Wer aus dem Asylsystem entlassen wird", sagt sie, "wird alleingelassen." Und weil Italien kaum abschiebe, die Außengrenzen zugleich aber streng kontrolliere, verschwänden viele Zuwanderer in den halblegalen Zwischenräumen der Gesellschaft.

Für Seied, sagt Iovieno, gebe es aber Hoffnung: Wenn er sich anstrenge, könne er vielleicht schon bald seine Familie aus Iran holen. "Das ist in Italien sehr viel einfacher als etwa in Deutschland", sagt sie.

Seied schaut Iovieno mit leerem Blick an, offenbar hat er kein Wort verstanden. Er will gerade zu seinem Handy greifen, zum rettenden Übersetzungsprogramm, da blafft ihn Iovieno von der Seite an: "Du musst Italienisch lernen", ruft sie ihm zu, laut und sehr langsam. Ansonsten werde er niemals in Italien allein zurechtkommen. Seied schweigt und lächelt. Er hat nichts verstanden.

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