Flüchtlinge in Italien "Sie ekeln sich vor uns"

In Italien leben Zehntausende Zuwanderer auf der Straße oder in überfüllten Unterkünften am Stadtrand. Sie leiden unter überforderten Behörden und rassistischen Ressentiments.

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Von , Mailand


Morgen für Morgen geht Idrissa Kamissoko im Osten von Mailand ein paar Kilometer auf der Via Rivoltana, die nach dem Kreisverkehr zur Via Arcangelo Corelli wird. Für den 23-Jährigen ist es ein Weg der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für ein Leben in Würde. Es ist sein Schulweg.

Kamissoko trägt einen weißen Pullover, einen Rucksack mit Zebrastreifenmuster - und einen Traum: Irgendwann, sagt der Mann aus Mali in fließendem Italienisch, wolle er nicht mehr in der ehemaligen Mancini-Kaserne nördlich des Flughafens Linate leben. Sondern in Mailand, mit richtigem Job und mit richtiger Wohnung.

Idrissa Kamissoko ist nicht der einzige Flüchtling, der solche Ziele hat, und er ist auch nicht der einzige Flüchtling, der an diesem Morgen die Via Arcangelo Corelli entlang marschiert: In dieser Gegend, wo verlassene Gehöfte zwischen grauen Wohnblöcken verfallen, leben Hunderte Migranten in Großunterkünften. Hier, östlich des Stadtviertels Ortica lässt sich beobachten, wie ein seit Jahren überfordertes Land mit der Asylkrise umgeht: mit Verdrängung.

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Mailand: Die Flüchtlinge aus der Via Corelli

Noch vor wenigen Jahren lebten etliche Zuwanderer mitten im Mailänder Stadtzentrum, inzwischen sind dort nur noch vergleichsweise wenige zu sehen. Viele wohnen nun auf der Straße, andere in der Peripherie - etwa in Unterkünften wie jener an der Via Arcangelo Corelli. Das Heim, umgeben von meterhohen Mauern, liegt im Schatten der Autobahn 51, die auf hohen Pfeilern direkt gegenüber verläuft.

Journalisten dürfen nicht auf das Gelände, aber die meisten Passanten vor dem Komplex sind auskunftsfreudig. Ein Nigerianer namens Ike berichtet von kaputten Toiletten und schlechtem Essen, etwa 500 Menschen lebten im Heim, sagt er. Der 26-Jährige sagt: "Es ist okay hier, nicht toll, aber es geht irgendwie."

Reicht das?

Die Frage mag banal wirken, aber sie ist wichtig: In Hörweite des Heims landen auf dem Flughafen Linate Maschinen mit Asylbewerbern, die aus EU-Ländern abgeschoben wurden, weil sie dem Dublin-Abkommen zufolge in Italien Asyl beantragen müssen. Weil sie in Italien angekommen sind.

Vor Kurzem erst kam dort etwa der Togoer Yussif O. an, dessen Abschiebung aus dem württembergischen Ellwangen in Deutschland großes Aufsehen erregt hatte. In dem Fall ging es auch um die Frage, ob Flüchtlinge in Italien menschenwürdig versorgt werden. Die deutschen Gerichte bejahten das und verwiesen auf das ausdifferenzierte Asylsystem in Italien. Aber wie gut funktioniert das System wirklich?

Eine junge Frau eilt auf das Eingangstor des Heims zu. "Ich arbeite als Gebietskoordinatorin", sagt sie. Sie soll den Bewohnern helfen, sich zu integrieren und die Sprache zu lernen. Wie viele Menschen hinter den Betonmauern leben? "Uff, das sind viele." Wie der Alltag dort aussehe? "Bitte, keine Fragen mehr."

"Alles ist gut da drinnen"

Die beantwortet dafür Ike, der Nigerianer. Es sei für ihn kein Problem, am Rand der Stadt zu leben - wohl aber, am Rand der Gesellschaft zu leben: "Schwarze in Italien sind Opfer von Rassismus, die wollen uns hier nicht." Er verhalte sich anständig und werde trotzdem behandelt wie ein streunender Hund. "Sie setzen sich weg, wenn wir uns auf eine Bank setzen. Sie schreien uns an, sie ekeln sich vor uns."

Es gibt aber auch Migranten, die sich mit dem Leben am Rand der Gesellschaft abgefunden haben. Haider Naseem, ein Pakistaner in schwarzer Lederjacke, schlendert die Straße vor dem Heim entlang. "Alles ist gut da drinnen", sagt er. Bereits seit zwei Jahren lebe er dort, insgesamt sei alles in Ordnung.

Haider Naseem
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Haider Naseem

Natürlich wisse er, dass er anderswo bessere Chancen hätte, aber als Flüchtling könne man eben nicht wählerisch sein. "In Deutschland gibt es Arbeit, hier nicht", sagt er. "Ich kenne trotzdem niemanden hier, der nach Deutschland will oder schon mal dort war."

Naseem ist offenbar ein Einzelfall. Wer an der Via Arcangelo Corelli Migranten befragt, hört meistens Geschichten wie die des 28-jährigen Fodi aus Mali: Auch er wohnt im Heim neben der Autobahn und teilt sich einen Schlafsaal mit 23 anderen. "Wir sind immer alle zusammen, dürfen nicht arbeiten und auch sonst nichts machen", sagt er. Vor anderthalb Jahren habe er Frau und Kind in Mali zurückgelassen und warte seitdem auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag.

"Ich kann nicht zurück nach Mali, dort werde ich verfolgt", sagt er. Vielleicht müsse er versuchen, sich nach Deutschland durchzuschlagen, aber dort dürfe er ja keinen Asylantrag stellen. Also wird Fodi wohl bleiben - und warten.

Video: Italiens Sklavenmarkt - Im Slum der Erntehelfer

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