Flüchtlingschaos in Sizilien Insel der Überlebenden

Eine neue humanitäre Katastrophe bahnt sich an: Weil die EU den Landweg versperrt, wagen wieder Tausende Flüchtlinge die Route übers Mittelmeer - vor allem nach Sizilien. Eine Multimedia-Reportage in fünf Kapiteln.

Flüchtlinge im Hafen von Palermo
Valentino Bellini

Flüchtlinge im Hafen von Palermo

Aus Sizilien berichten und Valentino Bellini (Fotos)


Die Bourbon Argos spuckt mal wieder menschliche Schicksale aus. 362 Passagiere sind es an diesem warmen Morgen, die den glänzenden Schiffsrumpf im Hafen von Palermo verlassen. Sie humpeln, wanken, trotten. Etliche von ihnen leiden unter Dehydrierung, Verbrennungen, Unterkühlungen und Hautkrankheiten. So sehen Überlebende aus. Gerettete. Glückspilze.

Rund 1300 Flüchtlinge haben drei Rettungsschiffe binnen 36 Stunden aus dem Meer vor den Küsten Siziliens gerettet. Die Menschen an Bord der Bourbon Argos, die mit einem Team von Ärzte ohne Grenzen fast drei Tage lang unterwegs war, sind nur ein kleiner Teil davon: 303 Männer, 57 Frauen und zwei Kinder erreichen am frühen Morgen in der Inselhauptstadt Palermo ihr Ziel, das gelobte Land, den gelobten Kontinent.

Europa, diese Hoffnung lässt sich aus den erschöpften Gesichtern lesen, soll ihre Rettung sein.

Allerdings ist Europa vor allem mit der eigenen Rettung beschäftigt. Finanzkrise, Brexit-Debatte, Rechtsruck in den Parlamenten. Die Probleme der Flüchtlinge kommen ungelegen, mehr noch: Für viele sind die Flüchtlinge das Problem. Gesetze und Grenzzäune sollen sie stoppen, zugleich gerät die Aufnahme der Immigranten zur Farce: Auf Sizilien arbeiten Behörden, soziale Einrichtungen und Helfer längst an der Belastungsgrenze. Dabei werden in diesem Sommer wohl so viele Menschen wie lange nicht mehr die italienische Insel erreichen - oder auf dem Weg dorthin ertrinken.

Warum sie das riskieren? Das Mittelmeer ist der letzte freie Zugang zur "Festung Europa".

Im Hafen von Palermo geht es an diesem Sommertag zunächst um grundsätzliche Fragen. "Einige der Geretteten benötigen sofort medizinische Hilfe", sagt Irene Paola Martino, die medizinische Leiterin an Bord der Bourbon Argos. Ärzte müssten eine Frau notversorgen, ohne Hilfe hätte sie sterben können, sagt Martino. Frauen sitzen oft am Boden der Schlauchboote, wo die gefährliche Mischung aus auslaufendem Benzin und Salzwasser häufig schwere Verbrennungen verursacht.

Hinzu kommen psychische Leiden, die Experten wie Ahmad Al Rousan lindern sollen. Der Mann mit den kurzen Haaren und dem freundlichen Lächeln steht kurz nach dem Einlaufen der Bourbon Argos im Hafen von Palermo. Seit Mai arbeitet er auf dem Schiff als interkultureller Vermittler, meistens ist seine Arbeit aber die eines Psychologen: Auf dem Schiff gibt der gebürtige Jordanier den Geretteten erste Orientierung, an Land schult er italienische Fischer. "Die finden oft tote Körper im Meer", sagt Al Rousan, "seit 2014 haben allein auf dieser Route 10.000 Menschen ihr Leben verloren."

Derzeit kämen die meisten Flüchtlinge auf Gummibooten an, sagt Rousan, aber das ändere wenig. Denn gegen hohe Wellen, Krankheiten oder Konflikte an Bord schützen sie ebenso wenig wie Holzbarken oder Fischerkähne. In den Gummibooten, die fast alle an der libyschen Küste ablegten, säßen immer mehr als 100 Menschen, mitunter auch 200. "Diesmal haben wir nach einem Kahn Ausschau gehalten und noch ein weiteres Gummiboot in der Nähe gefunden", sagt Rousan.

Sozialarbeiter Emilio Cozzo im Centro Astalli
Valentino Bellini

Sozialarbeiter Emilio Cozzo im Centro Astalli

Wer die Reise auf der gefährlichsten Flüchtlingsroute der Welt überlebt, landet meist irgendwann in Einrichtungen wie dem Centro Astalli, keine zwei Kilometer vom Hafen in Palermo entfernt. Das Sozialzentrum in einem alten Jesuitenkonvent versorgt Notleidende aller Art: Obdachlose und Bettler etwa, sagt Sozialarbeiter Emilio Cozzo, ein gemütlicher Rotschopf mit Vollbart, "aber inzwischen sind es fast ausschließlich Flüchtlinge".

Für die 8956 Tagesgäste, die sich für das Angebot registriert haben, bieten Cozzo und seine Kollegen täglich ein Frühstück an, außerdem gibt es Duschen, Sprechstunden bei Ärzten und Juristen, eine Kleiderkammer, Sprachunterricht und sogar Führerschein-Vorbereitungskurse.

Vor dem weitläufigen Gebäudekomplex an der Piazza Santi Quaranta Martiri al Casalotto lehnt Rauf an einer Mauer. Der Ghanaer gehört zu den knapp 30 Asylbewerbern aus Krisenstaaten wie Senegal, Gambia oder Nigeria, die im Centro Astalli auch wohnen dürfen. Der 18-Jährige grinst, wirkt zufrieden - und ungemein motiviert: Bis vor Kurzem arbeitete er in einer Autowerkstatt, aber derzeit lernt er jeden Tag für sein Italienisch-Examen: Wenn er den Kurs bestanden habe, sagt er, wolle er das Abitur machen und studieren. In Italien natürlich.

Dann steckt er seine Kopfhörer wieder in die Ohren und zieht davon.

Was Rauf geschafft hat, darauf hoffen Tausende andere: eine Chance, eine Perspektive, ein lebenswertes Leben. Daher treiben die Kriege und Krisen im Nahen Osten, am Hindukusch und in Afrika Tausende Menschen zu den Außengrenzen der EU, vor allem jetzt im Sommer. Und seit die Route über den Balkan ins Herz des Kontinents faktisch dicht ist, führt der letzte freie Weg über das Meer. Mittendrin: Sizilien, Insel der Hoffnung.

So erreichten in den ersten fünf Monaten des Jahres laut der Internationalen Organisation für Migration 48.761 Migranten Italien über das Meer, wo im selben Zeitraum 2435 Flüchtlinge starben - inzwischen ist diese Zahl auf rund 3500 gestiegen. Neun von zehn Migranten, die derzeit auf der Flucht sterben, kommen demnach im Mittelmeer ums Leben - die meisten zwischen Afrika und Sizilien. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex rechnet in den kommenden Monaten mit wöchentlich 10.000 Menschen, die Libyen in Richtung Italien verlassen.

Sozialarbeiter Cozzo lehnt sich an eine Wand im Speiseraum des Centro Astalli, der 32-Jährige sagt: "Jetzt im Sommer werden wieder viele kommen." Was er nicht sagt: Jetzt im Sommer werden wieder viele sterben.

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Grafik: Anna van Hove, Frank Kalinowski



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