Neue Serie "The New Arrivals" Ruaas Weg

Im Syrienkrieg konnte Ruaa Abu Rashed nicht Ärztin werden. In Deutschland muss sie für ihren Traum hart arbeiten - das kann sie, sie ist stark. Meistens.

Maria Feck / SPIEGEL ONLINE

Von und (Fotos und Videos)


Erste Stunde: Matheunterricht. Im Klassenraum hängt ein Riesen-Geodreieck aus Plastik an der Wand, die Luft riecht verbraucht. In der ersten von sieben vollbesetzten Reihen beugt sich eine junge Frau über ihren Spiralblock. So tief, als wolle sie in ihren Ebenengleichungen versinken. Sie flüstert die Zahlen leise mit.

Ruaa Abu Rashed, 23, Grübchen, schlank, Jeans und Turnschuhe, liebt es, wenn sich nach eineinhalb Seiten Rechnen die klare Schönheit der richtigen Lösung entfaltet. Nie, sagt sie, sei ihr Kopf so frei.

Am Abend zuvor sackte Ruaa in ihrem WG-Zimmer im Bett irgendwann über den Lehrbüchern weg, noch in Klamotten und mit dem Handy in der Hand. Als sie aufwachte aus einem traumlosen Schlaf, war es halb fünf Uhr morgens. Sie setzte sich an den Schreibtisch, um den Stoff zu wiederholen.

In Damaskus reichte Ruaas Abi nicht für ein Medizinstudium, und die Eltern wollten nicht, dass sie es wiederholte, weil die Sicherheit im Krieg immer wichtiger ist als der langfristige Plan. Ruaa machte eine Ausbildung zur Labor- und Medizintechnikerin, arbeitete, bis sie mit ihrer Familie floh. In Deutschland hat sie nun eine zweite Chance, Ärztin zu werden.

Es ist eine gigantische Aufgabe für Europa: Millionen Flüchtlinge müssen integriert werden. Vier internationale Medien beschreiben ihr Leben und untersuchen Perspektiven auf die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Ruaa sitzt in einem Klassenraum in Nordhausen, einer thüringischen Stadt am Südrand des Harzes. Zwischen Männern aus Pakistan und Marokko, Frauen aus Ghana, Nepal und Tadschikistan. Alle 25 haben ein Abi oder Studium, das in Deutschland nicht anerkannt wird. Und alle brauchen deshalb zwei Semester Unterricht plus Abschlussprüfung am Studienkolleg Nordhausen.

Manchmal ist die Stimmung gut, jetzt zum Beispiel, in der Deutschstunde. Merkwürdige Lernsätze über das Passiv sind das, weil sie Grammatik in Landeswissen verpacken, bei dem man sich zumindest nicht so sicher ist, ob das jetzt wirklich zum Kern deutscher Kultur gehört: "Der Deutsche Weinbrand wurde in der 1842 von Brennmeister Christian Traugott Hünlich gegründeten ersten deutschen Brennerei im sächsischen Wilthen gebrannt," liest Ruaa vor. Was "Hünlich" bedeutet, versteht dann erst mal keiner so richtig. "Aus Hühnchen gemacht?", sagt einer. Lachen.

Fragt jedoch jemand, ob der Stoff relevant ist für die nächste Klausur, wird es sofort still. Hier im M-Kurs des Studienkollegs, der auf ein naturwissenschaftliches Studium vorbereitet, wird besonders häufig um Noten gefeilscht, weil sie so kostbar sind. Fast alle wollen Medizin studieren. Selbst bei einem Einserschnitt kann schon eine Zwei hinterm Komma zu schlecht sein. Und wer - nicht wie Ruaa, aber wie einige -, nur ein Visum für zwei Jahre hat, kann sich keine Wartesemester leisten. "Sonst tschüss", sagt ein Pakistaner. Er grinst, aber es ist so. An der Uni Jena, wo die Studienkolleg-Teilnehmer offiziell eingeschrieben sind, werden ein paar Plätze freigehalten. Aber eben auch nur für die besten.

Ruaa liegt mit ihren Noten nicht in der Mitte, aber auch nicht ganz oben. Ihren Eltern erzählt sie nur selten von ihrer Angst, nicht sofort einen Studienplatz zu bekommen.

Das ist die starke Ruaa: Hilft im Krieg im Krankenhaus, hört nicht auf, auch als sechs Menschen gestapelt in einem Notarztwagen eingeliefert werden und sie den Blutgeruch auf der Zunge schmecken kann. Macht nach der Flucht über das Mittelmeer in Lüneburg, wo sie mit Eltern und Geschwistern ankommt, als einzige Frau neben 99 Männern beim Unigasthörerprogramm mit. Schafft es von 650 Bewerbern aufs Studienkolleg, nicht mal 100 werden genommen. Zieht dafür weg aus Lüneburg, weg von der Familie, lebt zum ersten Mal in ihrem Leben allein. Ihre Mutter, ihr Vater, ihre Geschwister, alle sind stolz. Es gibt aber auch die andere Ruaa.

Wenn man sein Herz an etwas gehängt hat, ist die Angst vorm Scheitern doppelt groß. Vielleicht ist da aber auch noch mehr.

Es gibt einen Menschen, über den Ruaa nie ein schlechtes Wort sagen würde: Einer ihrer besten Freunde half im Krieg mit ihr im Krankenhaus aus. Am Ende schlief er dort, ging nur noch zum Essen nach Hause. "Ich hätte das auch gemacht, aber für eine Frau ist das schwierig", sagt Ruaa. Als ihre Eltern sie heimriefen, ging sie heim.

Am 29. Januar 2014, Ruaa lebte schon in Lüneburg, starb er. Am Morgen schrieb er ihr eine SMS, am Vormittag traf ihn der Schuss eines Soldaten ins Herz. Am Abend sah sie ihn tot auf Facebook. Er starb auf der Straße, als er Verletzte ins Krankenhaus bringen wollte. Manchmal, sagt Ruaa, glaubt sie, dass gute Menschen, die tot sind, uns noch sehen. "Sie können nicht antworten, aber sie bekommen uns mit."

Ruaa sagt, in Syrien war sie, obwohl schon 18, noch ein Kind. Auf der Flucht trieb sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einem Schlepperboot im Mittelmeer, weil der Motor kaputt ging. Nach Tagen las sie ein deutscher Tanker auf. Damals, in der Nacht auf dem Boot, als keiner wusste, wie es weitergeht, war es noch ihre Mutter, die Ruaa im Arm hielt.

Heute fühlt Ruaa sich erwachsen. "Ich muss das jetzt alleine klären" ist ein typischer Ruaa-Satz. Kein Zögern in der Stimme. Widerworte, Zweifel unmöglich. Weil ihre Eltern nicht genug deutsch sprechen, ist es Ruaa, die für ihre Schwester Ghena Nachhilfestunden organisiert, die mit der Ausländerbehörde telefoniert.

Ruaa vermisst ihre Geschwister. Sehnt sich nach ihrer Mutter an Tagen, an denen sie gar nichts mehr macht, weil es so viel zu lernen gibt. Aber wenn sie in den Semesterferien nach Lüneburg fährt, wo sie sich mit ihren zwei kleinen Schwestern ein Zimmer teilen muss, wird es ihr schnell zu eng. Ruaas WG-Zimmer in Nordhausen: zwölf Quadratmeter, Schrank, Schreibtisch, schmales Bett. Wer mit Socken durch den Flur läuft, bleibt kleben, weil der Putzplan nicht richtig funktioniert. Aber wenn die Tür zu ist, ist sie zu.

Wer im Krieg lebt, kann sich kaum Ziele leisten. Morgen leben, nicht mehr. Dann noch einen Platz zum Schlafen und Essen. "In der Reihenfolge", sagt Ruaa. Jetzt ist ein Ziel da. Ist das deshalb eine glückliche Zeit? Ruaa findet kein Ja oder Nein. "Vielleicht", sagt sie dann, "ist das jetzt einfach eine neue Phase. Davor, in Lüneburg, ging es nur um Sicherheit. Jetzt gibt es andere Schwierigkeiten."

Um halb acht fängt der Unterricht am Studienkolleg an. Die Augen sind noch klein, der Himmel graublau, wenn Ruaa sich am Morgen auf den Weg zum Studienkolleg macht. Über den leerstehenden Backsteinhallen, in denen früher Nordhäuser Korn gebrannt wurde, wartet schon ein schmaler Streifen Tageslicht. Manchmal, nicht häufig, gestattet sich Ruaa den Gedanken, dass es nicht sofort klappt mit dem Studienplatz, denkt über einen Vorkurs oder ein paar Semester Biochemie nach. "Ich bin da realistischer geworden", sagt sie. Vielleicht meint sie auch: großzügiger mit sich selbst.



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