Attacken gegen Flüchtlinge Terror in Deutschland

Die Zahl der Angriffe auf Asylunterkünfte steigt enorm an. Politiker und Journalisten sind mitverantwortlich für die Eskalation der Gewalt: Sie haben Ressentiments gegen Flüchtlinge allzu oft befeuert.

Anschlag auf geplante Flüchtlingsunterkunft in Remchingen: Immer neue Brände
DPA

Anschlag auf geplante Flüchtlingsunterkunft in Remchingen: Immer neue Brände

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Einmal angenommen, militante Islamisten würden im Internet gegen Deutsche hetzen. Würden damit drohen, Bundesbürger wie "Maden auszulöschen". Einmal angenommen, dieselben Islamisten würden Anschläge auf Wohnhäuser von Deutschen begehen, würden Feuer legen, Passanten auflauern. Jeden Tag. Monatelang. Wie wären wohl die Reaktionen in diesem Land? Würde Angela Merkel weiterregieren, als wäre nichts geschehen? Würden manche ihrer Parteifreunde um "Verständnis für die Sorgen" der Islamisten werben? Zum "Dialog" aufrufen?

Das Bundesinnenministerium hat für die ersten sechs Monate dieses Jahres 173 rechte Straftaten gegen Asylunterkünfte vermeldet - fast dreimal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Eine unvorstellbare, eine beschämende Zahl, die längst zu einem "Aufstand der Anständigen" hätte führen müssen. Doch die Deutschen, die sich gerne über das Unrecht in der Welt empören, über Islamisten im Mittleren Osten und Steuersünder in Griechenland, nehmen den Gewaltexzess in ihrem eigenen Land weitgehend teilnahmslos hin.

Selbstkritik wäre angebracht

Einzelne Politiker haben die Attacken als "widerwärtig" (Joachim Gauck) und als "Angriff auf die Gesellschaft" (Heiko Maas) verurteilt. Doch eine ernsthafte Debatte über das, was in dieser Republik derzeit vor sich geht, blieb bislang aus. Die wenigsten benennen die Anschläge auf Flüchtlingseinrichtungen als das, was sie in Wahrheit sind: Terrorismus.

Über den Pöbel, der in Freital, Sachsen, und andernorts in fehlerhaftem Deutsch gegen Flüchtlinge hetzt, lässt sich leicht spotten. Doch die Frage, was dieser Pöbel mit breiten Gesellschaftsschichten gemein hat, inwieweit er durch gesamtgesellschaftliche Diskurse inspiriert und motiviert wird, wird viel zu selten gestellt.

Dabei wäre Selbstkritik, angesichts der deutschen Zustände, angebracht: bei Politikern wie bei Journalisten.

DER SPIEGEL hat in den Neunzigerjahren den Populismus, den er heute zu Recht beklagt, mit Titeln wie "Zu viele Ausländer?" selbst befeuert. Und auch Jahre später noch vor einer vermeintlichen "Islamisierung" Deutschlands gewarnt. Dem "Focus" fiel am vergangenen Wochenende, da in Deutschland wieder einmal Asylunterkünfte brannten und Flüchtlinge um ihr Leben fürchteten, nichts Besseres ein, als auf dem Titel Stimmung gegen "falsche Flüchtlinge" zu machen.

Ressentiments werden geschürt statt abgebaut

Politiker fordern von den Menschen in Deutschland Solidarität mit den Geflüchteten. Sie selbst aber sind oft beteiligt an der Konstruktion von rassistischen Feindbildern, die Flüchtlinge als "Schmarotzer" darstellen oder als "Verbrecher".

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer kann, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, öffentlich über Lager für bestimmte Volksgruppen auf deutschem Boden nachdenken, ohne sofort zurücktreten zu müssen.

Die Bundesregierung hat Anfang Juli eine Verschärfung des Asylrechts beschlossen. Künftig können Flüchtlinge, die mithilfe von Schleppern nach Deutschland gelangten, die Grenzkontrollen umgingen, ihren Pass verloren haben oder falsche Angaben gegenüber Behörden machten, pauschal inhaftiert werden. Bei Personenkontrollen an Bahnhöfen und in Zügen werden schon jetzt fast ausnahmslos Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrolliert. Auf diese Weise werden Ressentiments geschürt, nicht abgebaut.

Übersichtskarte: Von Rechtsextremen verübte Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte

DER SPIEGEL

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insgesamt 217 Beiträge
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Overseasreader 29.07.2015
1. Es ist ein Unglaubliches
jener, die solche Untaten zu verantworten haben. Das ist nicht mehr menschenwuerdig und das Blut, dass diese Ganoven an den Fingern haben, wird ewig bleiben. Was ist das fuer eine Gesellschaft ist das, die so etwas hin nimmt, verharmlost und vom rechten Fluegel auch noch angeheizt wird. Beschaemend fuer die Deutsche Nation. Die Bevoelkerung sollte vereint dagegen vorgehen
rainer_hohn 29.07.2015
2. Remchingen - nutzung nicht öffentlich bekannt
Ein wenig mehr investigativer Journalismus und weniger Meinung würden dem Spiegel ganz gut zu Gesicht stehen. Über die Hintergründe, Täter etc. erfährt man so gut wie nichts. Beispiel Remchingen (siehe Bild des Artikels). Es sieht so aus, als wäre die geplante Nutzung des Gebäudes der Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen. Es müßte daher schon ein Stadtrat dem Brandstifter den Tip gegeben haben. Wahrscheinlicher ist m.E. der Brandstifter eher im Umfeld der früheren Besitzer zu suchen. Laut Taz gehörte es bis vor kurzem einem "motorradclub". Wäre mal interessant zu erfahren, um welche Zeitgenossen es sich da handelt und ob der Verkauf freiwillig war. "Der Stadtrat hatte bisher nicht öffentlich über die Nutzung des Hauses beraten. Nur hinter verschlossenen Türen wurde über Pläne gesprochen. „Entschieden war das nicht“, sagen zwei Stadträte gegenüber der taz. In der Stadtratssitzung am vergangenen Donnerstag hatte Bürgermeister Luca Prayon erstmals öffentlich darüber informiert, dass die Stadt künftig mehr Flüchtlinge aufnehmen muss. Über das Haus in der Meilwiesenstraße sprach er nicht." aus http://www.taz.de/Anschlag-auf-Remchinger-Fluechtlingsasyl/!5214657/
spiegelm2010 29.07.2015
3. Solange
solche Vollhorsts wie der Seehofer gegen Flüchtlinge wettern und die größte deutsche Tageszeitung Flüchtlinge beschimpfen kann, schäme ich mich für dieses Land. Und nein, aus einer geschichtlichen Verantwortung heraus, die wir zweifelsohne haben (mein 80 Jahre alter Großvater würde sein Haus plus das halbe Dorf und das Nachbardorf den Flüchtlingen öffnen, weil er damals selbst auf der Flucht gewesen ist), sondern aus reiner Menschlichkeit. Die Menschen haben Angst um ihr Leben, haben unter furchtbarsten Bedingungen Verwandte verloren, haben vllt selbst Folter erlebt, sund unter Todesangst aus ihren Heimatländer geflohen und werden hier von Spitzhacken schwingenden Vollidioten begrüßt, die sich einen S*** um andere kümmern und nur Schiss um ihren eigenen Wohlstand haben. Schämen muss man sich für dieses überreiche und vollgefressene Deutschland und seine Politiker, die ernsthaft mit Typen reden wollen, die sich Hitlerbärtchen ankleben. Der Seehofer und all die anderen Wohlstandsheinis sollten einmal ein Flüchtlingsheim besuchen und mit deb Menschen reden, ihre Ängste und Sorgen kennenlernen, statt Lager zu fordern. Pfui Deivel, bei dem Gedanken wird mir schlecht.
Hank Hill 29.07.2015
4. Auf den Punkt gebracht
Wir Deutschen können dieses Thema nur in Talkshows zerreden, und da geht es immer nur um Schuldzuweisung. Gehandelt wird nicht. 1995 flammte im Süden der USA der Ku-Klux-Klan Terror gegen Kirchen der Schwarzen auf. Clinton stellt darauf vor jede Kirche einen Streifenwagen. Mangels Geld finanzierte die amerikanische Industrie diese Aktion. Nach ca. 6 Monaten war dann wieder Ruhe. Natürlich kann das nicht den Rassismus beenden, aber es hat keine Kirche danach mehr gebrannt. Auch wir können nicht mit einem Schlag die ewig Gestrigen belehren, aber warum stellt eigentlich unsere Polizei nicht vor jedes Flüchtlingsheim einen Streifenwagen ? Wir belehren immer gerne andere Länder. Aber wenn bei uns der Baum brennt tun wir nichts. Vielleicht eine Lichterkette, oder Betroffenheitsgeschwafel von Gauck. Beschämend.
meinung2013 29.07.2015
5. Ressentiments befeuert??
oder die Sorgen, Ängste und Nöte der eigenen Bevölkerung einfach ignoriert? Gehofft, diese könnten "weggeschrieben" werden. Wann ist ein Volk überfordert? Diese Frage stellt niemand.
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