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Therapie für traumatisierte Asylbewerber: "Ich kann leider nichts für Sie tun"

Von Carsten Holm, und

Flüchtling in Hamburg (Archiv): Viele sind durch Krieg und Flucht traumatisiert Zur Großansicht
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Flüchtling in Hamburg (Archiv): Viele sind durch Krieg und Flucht traumatisiert

Prügel, Folter, Todesangst. Viele Asylsuchende sind schwer traumatisiert. Doch Therapieplätze und Geld für die Behandlung sind knapp. Therapeuten mahnen: Die Versorgung ist beschämend schlecht.

Es ist ein Donnerstagnachmittag im Juni, als Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor des Heckscher Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München, überlegt, ein Schild vor die Tür zu stellen: "Wegen Überfüllung geschlossen".

Freisleder ist ein freundlicher Mensch, der gern auch scherzt, aber das hier ist kein Spaß. "Vielleicht sollte ich wirklich sagen, es geht nicht mehr", meint Freisleder. "Auch weil ich es meinen Kollegen nicht mehr zumuten kann."

Der Mediziner hatte gerade auf einer Konferenz mit dem Bezirk Oberbayern als Klinikbetreiber erfahren, dass man ihm wohl nicht helfen kann. Obwohl das Haus seit Monaten über dem Limit arbeitet. Die drei Akutstationen mit ihren 30 Betten sind bereits chronisch überbelegt. Nun kommen die vielen jungen Flüchtlinge hinzu. Traumatisiert von Krieg, Todesangst, Folter, Prügel und Hunger. Sie haben ihre Heimat verloren, ihr Zuhause und die Familie zurückgelassen.

"Sie tauchen hier meist mitten in der Nacht auf mit einem Betreuer und einem kleinen Briefchen, in dem knapp steht, was vorgefallen ist", sagt Freisleder. Fast keiner spreche Deutsch oder Englisch. 81 kamen stationär in die Klinik im vergangenen Jahr, vermutlich 150 werden es bis zum Jahresende sein.

Klinikdirektor Freisleder: "Vielleicht sollte ich wirklich sagen, es geht nicht mehr" Zur Großansicht
Peter Schinzler/Der SPIEGEL

Klinikdirektor Freisleder: "Vielleicht sollte ich wirklich sagen, es geht nicht mehr"

Wie unerträglich die Situation geworden ist, zeigte sich dann am gestrigen Donnerstag: Die laufenden Einlieferungen junger Flüchtlinge konnten kaum noch bewältigt werden, zumal es innerhalb einer Woche mehrere Suizidversuche gegeben hatte. Vor der Tür der Klinik standen am Nachmittag die Streifenwagen der Polizei Schlange, mit immer neuen Patienten. Zur gleichen Zeit sprach Freisleder bei der Staatsregierung vor und bat verzweifelt, wie kurz zuvor im CSU-Vorstand, um mehr Geld. Vergebens. Freisleder sagte resigniert: "Sie haben mir viel Glück gewünscht für meine Arbeit."

Auch an anderen Orten ist die Lage kritisch, das zeigen Gespräche mit Ärzten und Betreuern, etwa in Hamburg und Berlin. Eine professionelle Behandlung traumatisierter Flüchtlinge, junger wie erwachsener, ist mit den bisherigen Mitteln kaum noch zu leisten.

(Details zu der gesetzlichen Lage und den Ansprüchen traumatisierter Flüchtlinge finden Sie in einem Infokasten am Ende des Textes)

Die Versorgung von psychisch erkrankten Flüchtlingen sei "ohnehin schon beschämend schlecht", so die Bundespsychotherapeutenkammer. Nur ein geringer Teil der behandlungsbedürftigen Asylsuchenden erhielte tatsächlich eine Psychotherapie.

Kliniken mit Notaufnahmen, die traumatisierte Flüchtlinge im Akutfall behandeln können, arbeiten schon jetzt an der Grenze ihrer Kapazität. Und mindestens 400.000 Menschen werden es, so die Prognose des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, in diesem Jahr aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten oder den Balkanstaaten nach Deutschland schaffen. Ein großer Teil von ihnen leidet durch Grausamkeiten im Krieg oder auf der langen Flucht an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Er rammt seinen Kopf gegen das Sicherheitsglas

Wie der 40-jährige Mann aus Afghanistan, der in einer Nacht im Mai bei der Psychiatrischen Notaufnahme in Hamburg-Ochsenzoll klingelte. Er war verzweifelt, gequält von ständig wiederkehrenden Erinnerungen an die Kämpfe in seiner Heimat, von den Strapazen seiner Flucht nach Europa. Zu Hause habe er zusehen müssen, erzählt er, wie Taliban-Kämpfer seinem Bruder die Gliedmaßen abhackten, bevor sie ihn erschossen.

Er kam in einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung unter, war also in Sicherheit. Dennoch konnte er nicht schlafen und hatte Panikattacken. Er war schon in der Psychiatrie aufgenommen, als er plötzlich ausrastete und einem Oberarzt drohte, ihn zu töten. Dann rammte er seinen Kopf gegen eine Fensterscheibe mit Sicherheitsglas, bis sie zerbrach. Es dauerte Wochen, bis der Afghane zur Ruhe kam und begann, dem Arzt zu vertrauen.

Der Mann hatte Glück, dass er behandelt wurde. Der Andrang in der psychiatrischen Ambulanz Hamburg-Ochsenzoll ist enorm, die Ärzte können sich gerade mal um die schlimmsten Fälle kümmern.

"Ich brauche Ihre Hilfe, bitte"

Eine wichtige Anlaufstelle sind die rund 30 psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer - etwa Xenion in Berlin. Dort arbeiten Therapeuten, die sich auf die Behandlung traumatisierter Kriegs- und Folteropfer spezialisiert haben. Anders als in den meisten Notaufnahmen gibt es hier auch Dolmetscher, das Personal ist im Umgang mit Menschen aus Krisengebieten geschult. Die Mitarbeiter sind überzeugt, dass sie jedes Jahr Dutzende Menschen vor dem Suizid bewahren.

Die Berliner Psychotherapeutin Zorica Eterovi arbeitet seit Jahren mit Flüchtlingen, sie kennt schwierige Situationen, doch jetzt ist sie hilflos. Ein junger Jeside sitzt ihr gegenüber. Seine Familie floh vor etlichen Jahren aus Armenien, wo diese Glaubensgemeinschaft eine religiöse Minderheit ist. In Russland, wo die Familie unterkam, sei er von nationalistischen Banden misshandelt worden, so der junge Mann, seit Monaten ist er in Therapie.

In langen Gesprächen hat Eterovi den Patienten wieder aufgerichtet, hat ihm Lebensmut zurückgegeben. Doch jetzt soll seine Behandlung eingestellt werden, das Sozialamt zahlt nicht mehr dafür. Der junge Mann hat die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen. Er fleht die Therapeutin an: "Ich brauche Ihre Hilfe, bitte." Eterovi schüttelt den Kopf. "Ich kann leider nichts für Sie tun."

Die Behandlung wird abgebrochen, weil nach der Reform des Asylbewerberleistungsgesetzes die Krankenkassen nun bereits nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland für die medizinische Versorgung von Flüchtlingen aufkommen - eigentlich eine Verbesserung. Aber nur wenige Kassen zahlen eine Therapie in Zentren wie Xenion, da diese keine Vertragspartner der Kassen sind. Die meisten der 30 Einrichtungen werden deshalb viele Patienten wegschicken und einige vielleicht sogar ganz schließen müssen. Dolmetscherkosten, beklagen die Psychosozialen Zentren, werden von den Krankenkassen gar nicht übernommen.

Manche verletzen sich selbst

Vielerorts haben sich Initiativen gegründet, die Asylbewerbern im Alltag helfen wollen. Auch diese Empathie in den Gemeinden führe zu mehr Patienten, sagt Klinikdirektor Freisleder: "Es gibt erfreulich viele, die ganz genau hinsehen, so wird immer mehr Hilfsbedarf erkannt." Das Heckscher-Klinikum in München ist die größte Kinder- und Jugendpsychiatrie im deutschsprachigen Raum. "Wir arbeiten gut, aber wir sind dafür nicht gerüstet", so Freisleder. Um eine fundierte Diagnose zu stellen, fehle den Ärzten die Zeit. Allein einen Dolmetscher zu finden, der den Dialekt des Patienten spricht, dauere manchmal Tage.

In der Klinik sorgen sie deshalb zuerst für das Nötigste: ein Bett, etwas zu Essen, Ruhe und Zuwendung. Für die Flüchtlinge ist das Haus offenbar schon deshalb ein Platz, an dem sie sich endlich sicher fühlen. "Es hat sich rumgesprochen, dass Suizidgefährdete zwei Wochen hier bleiben können", sagt Freisleder. "Einige fangen deshalb an, sich zu verletzen und zu schneiden. Mit Holzstückchen, die sie spitz anknabbern." Er kann sie sogar verstehen.

Bei all den großen Herausforderungen in der Flüchtlingsfrage wird die psychiatrische Hilfe oft vernachlässigt. Bayerns Finanzminister Markus Söder etwa muss den Haushalt korrigieren und mehr als eine Milliarde zusätzlich für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen einplanen. Von zusätzlichen Mitteln für Traumatherapie war keine Rede.

Psychotherapie für traumatisierte Flüchtlinge
  • DPA
    Asylbewerber haben in Deutschland zunächst nur Anspruch auf die Behandlung von akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen (§ 4 Asylbewerberleistungsgesetz). Psychische Erkrankungen sind jedoch oft chronisch und Psychotherapien werden ihnen nur in Ausnahmefällen gewährt. Die Versorgung erfolgt daher im Wesentlichen über die bundesweit rund 30 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, die jährlich etwa 3600 Psychotherapien durchführen.
  • Im März wurde das Asylbewerberleistungsgesetz novelliert: Flüchtlinge haben nun nicht erst nach vier Jahren, sondern bereits nach 15 Monaten einen uneingeschränkten Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Dies stellt grundsätzlich eine Verbesserung für psychisch kranke Flüchtlinge dar. Die Psychosozialen Zentren allerdings können die Therapien nach Ablauf der 15 Monate nicht mehr wie bisher über die Sozialämter abrechnen. Da sie aber keine Vertragspartner der Krankenkassen sind, übernehmen diese die Kosten zumeist nicht.
  • Auch Dolmetscher werden von den gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich nicht finanziert, obwohl diese bei Flüchtlingen fast immer notwendig sind. Die Behandlung von Flüchtlingen in den Psychosozialen Zentren kann daher nur noch eingeschränkt erfolgen. Gleichzeitig bestehen bei den niedergelassenen Therapeuten lange Wartezeiten, so dass diese nur begrenzt zur Versorgung von psychisch kranken Asylbewerbern beitragen können.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert, die Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen in den spezialisierten Zentren zu sichern und die Therapeuten dort zu berechtigen, die Behandlung mit der gesetzlichen Krankenversicherung abzurechnen.
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